von Dr. Veronica Bucciantini | 29.10.2011 | 5791 Aufrufe | Beiträge

Karten im Kopf. Grundlagenforschung zu geographischen Weltbildern der Antike in ihrer Relation zur empirischen Erkundung
Dr. Veronica Bucciantini

Die antiken Raumvorstellungen waren von zwei prinzipiell differenten Perspektiven geprägt, wie in den letzten Jahren durch bahnbrechende Arbeiten (P. Janni, A. Podossinov, F. Prontera) deutlich gemacht, von anderen, darunter meiner akademischen Lehrerin S. Bianchetti weiter entwickelt und (durch editorische Arbeiten) teilweise neu fundiert wurde: Eine traditionelle – eindimensionale, an Linien und Markierungen ausgerichtete und insofern 'hodologische' – Sicht stand neben einer zweidimensionalen, die Erde als ganze in den Blick nehmenden und insofern geometrischen Perspektive. Erstere dominierte die praktische Bewegung im Raum, letztere war eine Errungenschaft intellektueller Eliten und zunächst nur von theoretischer Bedeutung innerhalb einer als Wissenschaft verstandenen Geographie.

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Abbildung 1 = Cod. Marc. Gr. Z. 388 (=333): Ptolemaeus, Geographia. Sec. XV, Weltkarte.

Besonderen wissenschaftlichen Ertrag verspricht nunmehr die Frage, wie sich das Verhältnis zwischen diesen beiden gestaltete und wie sich insbesondere der geographische  ('wissenschaftliche') Blickwinkel im politischen Bereich ausgewirkt hat.

 

Aus der auf diese Weise konkretisierten Thematik habe ich das im Folgenden Projekt entwickelt. Es ist ganz wesentlich geprägt von der Kombination der grundlegenden Forschungen zur antiken (vornehmlich griechischen) Geographie, die auf möglichst breiter Grundlage anzusetzen ist, mit spezifischen Fallbeispielen, in denen die Wechselwirkung zwischen den dort bezeugten Weltbildern einerseits und praktisch-politischer wie ökonomischer Aktion sowie konkreter empirischer Erkundung andererseits greifbar wird.

Nearchos ist für die angesprochene Thematik ein Musterbeispiel. Zum einen war der Zug Alexanders des Großen zugleich eine große geographische Erkundungsreise, die mit dem Abgleich von abstrakten Weltbildern und konkreten Situationen verbunden war, zum anderen war Nearch als Admiral und Organisator gerade an dieser erforschenden Seite des Unternehmens in hervorragender Weise aktiv beteiligt. Zudem hat er darüber ausführlich berichtet, und sein diesbezügliches Werk, von dem wir zahlreiche Fragmente besitzen, ist eine der besten Quellen gerade über diese Seite des Alexanderzuges sowie über die seinerzeitige Weltkenntnis und -vorstellung schlechthin.

Mit Nearch habe ich mich seit vielen Jahren intensiv beschäftigt: Ausgehend von der Verwendung des Textes in der Indiké des Arrian von Nikomedeia (Ind. 17,9–42,10) habe ich den Periplus des Nearch und seine Überlieferung untersucht und einen historisch-geographischen Kommentar erarbeitet. Nearch wurde dabei zunächst als Geograph, dann auch als Alexanderhistoriker analysiert.

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Abbildung 2 = Die Küstenfahhrt des Nearchos von der Indus’ Mündung bis Susa.

Wichtige Passagen der Indiké wurden eingehend in ihrem Zusammenhang mit astronomischen Daten, religiösen, politischen, ethnographischen und Naturbeobachtungen interpretiert. Diese Angaben können die Gesamtstruktur des nearchischen Werks zu beleuchten helfen, das nach meiner durch das Studium der Fragmente und Testimonien gewonnenen Ansicht weit mehr als ein normaler Periplus war.

So halte ich es auf der Basis dieser Ergebnisse auch fuer lohnend, die Persönlichkeit Nearchs mit der Alexanders des Großen zu vergleichen, dessen hetairos er von der gemeinsamen Jugendzeit in Pella über den Feldzug nach Indien bis zum Tode des Königs war.

 

Dieses Vorhaben, das als Grundlagenprojekt von besonderer Bedeutung für das Studium der antiken Raumvorstellungen ist und an dem ich weiter mitarbeiten möchte, soll mir als Basis für das hier vorgestellte Projekt dienen. Mit den vielen durch die Bearbeitung gewonnenen Einsichten erschließen sich alle wesentlichen Einzelheiten der antiken Weltsicht und Weltkenntnis. Mit diesen gleichsam 'gerüstet' möchte ich ganz konkret fragen, welche Rolle Nearch und die hellenistischen Geographen in diesem Zusammenhang spielen. Inwiefern sind sie von älteren Weltbildern geprägt? Inwieweit haben sie diese ihren Erkundungen und Überlegungen zugrunde gelegt? In welcher Weise haben sich dabei politisch-militärische Aktionen und wirtschaftliche Aktivitäten ausgewirkt? Wie haben ihrerseits die Erkundungen und Überlegungen auf das Handeln zurückgewirkt? Damit sind in etwa die Leitfragen des Projekts bezeichnet.

 

Besonderen Ertrag verspricht in diesem Zusammenhang die Frage nach der Erschließung des Indischen Ozeans im Rahmen etwa des Seeverkehrs zwischen Afrika (besonders Ägypten) und Indien. Dass die Kenntnis der Monsunwinde sich hierbei bereits in hellenistischer Zeit massiv auswirkte, ist bekannt. Die Untersuchung des gesamten Komplexes ist aber gerade derzeit ein emerging field in der internationalen Forschung. Diese ist gekennzeichnet durch eine doppelte Erweiterung der Perspektive: Man bezieht auch die jeweils indigene, insbesondere die indische Optik, mit ein. Und man sieht auf langfristige Entwicklungen und fasst Zeiträume von der Antike bis heute ins Auge. Damit erhalten moderne area studies eine historische Tiefenschärfe, umgekehrt kann die altertumswissenschaftliche Forschung v. a. von geowissenschaftlichen Ergebnissen profitieren.

 

Nearch als Quelle soll weiter erforscht werden. Viele Beobachtungen und Passagen in Arrians Indiké bieten Informationen an, die nicht leicht in einem einfachen, nur zu Informationszwecken an Alexander gerichteten Reisebericht vorstellbar sind. A. B. Bosworth schrieb bereits vor 15 Jahren:

"We should reckon seriously with the possibility that Nearchus covered much more than his naval expedition and indeed began his work before Alexander’s invasion of India. If so, his influence on Arrian may be more pervasive than has been suspected hitherto”.

 

Wenn auch die nähere Bestimmung einer möglichen Überarbeitungsstufe des nearchischen Urperiplus problematisch bleibt, wäre anzunehmen, dass der Nauarch nach Abschluss seiner im königlichen Auftrage durchgeführten Erkundungsreise den Reisebericht überprüfte, veränderte und erweiterte, was viele Indizien in Arrians Text nahe legen.

 

Der Periplus des Nearchos sollte in einem geographischen Rahmen gelesen werden, der die Länder und Meere, die mit Alexanders Eroberungen Teil der griechischen Ökumene geworden waren, mittels Erkundung vermessbar und damit zugänglich gemacht hatte. Gerade um diesen Rahmen und damit Nearchs Position besser bestimmen bzw. abgleichen zu können, ist die Verbindung der beiden Projektteile notwendig.

 

Zugleich soll aber auch - im Sinne der eingangs angesprochenen generellen Fragestellung - untersucht werden, wie die konkrete und durchaus herrschaftspraktische Erkundung, die Nearch vornahm, sich auf die literarische Gestaltung des Werkes (bis hin zur Stilisierung des Autors in Anlehnung an Alexander) ausgewirkt hat.

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Abbildung 3 = Cod. Pal. Gr. 398 f. 141 r: Strabo’s Epitome mit Indiké. Universitätsbibliothek Heidelberg.

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