Wichtige Passagen der Indiké wurden eingehend in ihrem Zusammenhang mit astronomischen Daten, religiösen, politischen, ethnographischen und Naturbeobachtungen interpretiert. Diese Angaben können die Gesamtstruktur des nearchischen Werks zu beleuchten helfen, das nach meiner durch das Studium der Fragmente und Testimonien gewonnenen Ansicht weit mehr als ein normaler Periplus war.
So halte ich es auf der Basis dieser Ergebnisse auch fuer lohnend, die Persönlichkeit Nearchs mit der Alexanders des Großen zu vergleichen, dessen hetairos er von der gemeinsamen Jugendzeit in Pella über den Feldzug nach Indien bis zum Tode des Königs war.
Dieses Vorhaben, das als Grundlagenprojekt von besonderer Bedeutung für das Studium der antiken Raumvorstellungen ist und an dem ich weiter mitarbeiten möchte, soll mir als Basis für das hier vorgestellte Projekt dienen. Mit den vielen durch die Bearbeitung gewonnenen Einsichten erschließen sich alle wesentlichen Einzelheiten der antiken Weltsicht und Weltkenntnis. Mit diesen gleichsam 'gerüstet' möchte ich ganz konkret fragen, welche Rolle Nearch und die hellenistischen Geographen in diesem Zusammenhang spielen. Inwiefern sind sie von älteren Weltbildern geprägt? Inwieweit haben sie diese ihren Erkundungen und Überlegungen zugrunde gelegt? In welcher Weise haben sich dabei politisch-militärische Aktionen und wirtschaftliche Aktivitäten ausgewirkt? Wie haben ihrerseits die Erkundungen und Überlegungen auf das Handeln zurückgewirkt? Damit sind in etwa die Leitfragen des Projekts bezeichnet.
Besonderen Ertrag verspricht in diesem Zusammenhang die Frage nach der Erschließung des Indischen Ozeans im Rahmen etwa des Seeverkehrs zwischen Afrika (besonders Ägypten) und Indien. Dass die Kenntnis der Monsunwinde sich hierbei bereits in hellenistischer Zeit massiv auswirkte, ist bekannt. Die Untersuchung des gesamten Komplexes ist aber gerade derzeit ein emerging field in der internationalen Forschung. Diese ist gekennzeichnet durch eine doppelte Erweiterung der Perspektive: Man bezieht auch die jeweils indigene, insbesondere die indische Optik, mit ein. Und man sieht auf langfristige Entwicklungen und fasst Zeiträume von der Antike bis heute ins Auge. Damit erhalten moderne area studies eine historische Tiefenschärfe, umgekehrt kann die altertumswissenschaftliche Forschung v. a. von geowissenschaftlichen Ergebnissen profitieren.
Nearch als Quelle soll weiter erforscht werden. Viele Beobachtungen und Passagen in Arrians Indiké bieten Informationen an, die nicht leicht in einem einfachen, nur zu Informationszwecken an Alexander gerichteten Reisebericht vorstellbar sind. A. B. Bosworth schrieb bereits vor 15 Jahren:
"We should reckon seriously with the possibility that Nearchus covered much more than his naval expedition and indeed began his work before Alexander’s invasion of India. If so, his influence on Arrian may be more pervasive than has been suspected hitherto”.
Wenn auch die nähere Bestimmung einer möglichen Überarbeitungsstufe des nearchischen Urperiplus problematisch bleibt, wäre anzunehmen, dass der Nauarch nach Abschluss seiner im königlichen Auftrage durchgeführten Erkundungsreise den Reisebericht überprüfte, veränderte und erweiterte, was viele Indizien in Arrians Text nahe legen.
Der Periplus des Nearchos sollte in einem geographischen Rahmen gelesen werden, der die Länder und Meere, die mit Alexanders Eroberungen Teil der griechischen Ökumene geworden waren, mittels Erkundung vermessbar und damit zugänglich gemacht hatte. Gerade um diesen Rahmen und damit Nearchs Position besser bestimmen bzw. abgleichen zu können, ist die Verbindung der beiden Projektteile notwendig.
Zugleich soll aber auch - im Sinne der eingangs angesprochenen generellen Fragestellung - untersucht werden, wie die konkrete und durchaus herrschaftspraktische Erkundung, die Nearch vornahm, sich auf die literarische Gestaltung des Werkes (bis hin zur Stilisierung des Autors in Anlehnung an Alexander) ausgewirkt hat.
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