L.I.S.A.: Und noch eine aktuelle Nachfrage zum Thema Social Web:
wenkeboenisch: Birgt nicht das Social Web auch die Chance, als Wissenschaftler aus dem Elfenbeinturm herauszukommen und für sich bzw. das Fach Öffentlichkeitsarbeit zu machen?
Prof. Dr. Uwe Walter: Das mögen andere anders beurteilen, aber ich glaube erstens, Historiker können sich nicht über mangelndes Öffentlichkeitsinteresse beschweren.
Zweitens müssen sie durchaus aufpassen, nicht bestimmte Seriösitätsschwellen zu unterschreiten.
Marcus Cyron: Ich glaube, dass das mittlerweile in der Geschichtswissenschaft auch schon weitaus stärker umgesetzt wird, als man es vielleicht auf den ersten Blick wahrnimmt. Ich hatte es vorhin schon erwähnt, dass ich durchaus eine ganze Menge netzaffiner Historiker kenne. Was bislang noch fehlt, ist vielleicht oft der Zugang zu ihren Angeboten oder die Wahrnehmung dieses Zugangs.
Prof. Dr. Uwe Walter: Um es noch einmal ins Grundsätzliche zu wenden: Wir haben keinen Mangel an Kommunikations- und Zirkulationsmöglichkeiten. Keinen Mangel, einfaches Wissen abzurufen. Was fehlt, was Güter in großer Knappheit sind: Zeit, Muße, Entschleunigung, Freiräume, für sich einen komplizierten Gegenstand einmal ganz von Anfang an zu durchdenken und dies ohne die Pflicht, permanent alle Arbeitsstadien, Geistesblitze, Tiefpunkte und Depressionen mit aller Welt teilen zu müssen. Denn am Ende zählt zwar nicht das, was hinten rauskommt, aber doch schon irgendwie das Ergebnis und weniger die Befindlichkeit dessen, der es produziert hat.
wenkeboenisch: Wie stehen Sie zu Open Access, Herr Prof. Walter. Open Access hat ja auch eine Menge mit Geschichte im Netz zu tun.
Prof. Dr. Uwe Walter: Was die Befürworter von Open Access sehr oft vergessen, ist, wie viel mühevolle und kompetente Arbeit in großen und kleinen Verlagen geleistet wird, damit Forschungsergebnisse eine angemessene Form gewinnen. Bei einer Ausweitung von Open Access, wie sie in der Tat zur Zeit diskutiert wird, können diese für die Wissenschaft meines Erachtens unverzichtbare Dienstleistungen in Zukunft nicht mehr erbracht werden. Das sollte man sich sehr genau überlegen, wenn entsprechende Forderungen gestellt werden.
L.I.S.A.: So, die Chat-Zeit ist auch schon fast zu Ende: Wollen sie noch ein kurzes Schlusswort an die User richten?
Prof. Dr. Uwe Walter: Zum Schluss läuft die Diskussion letztlich auf die Frage hinaus, ob das Glas halbleer oder halbvoll ist. Es sollte deutlich geworden sein, dass ich für meine Person eher die optimistische Variante bevorzuge und wir ansonsten am besten fahren, wenn jeder das tut, was er am besten kann.
Marcus Cyron: Das ist ein wunderschönes Schlusswort, dem ich mich, vor allem dem letzten Satz, vollumfänglich anschließen kann. Und auch die Metapher mit dem Glas möchte ich noch einmal aufgreifen: Ich bin ja schon immer dann zufrieden, wenn das Glas noch ganz ist.
L.I.S.A.: Das waren 60 Minuten Expertenchat der Gerda Henkel Stiftung. Vielen Dank an die User für die vielen Fragen, die wir aus Zeitgründen leider nicht alle beantworten konnten. Vielen Dank auch an Prof. Dr. Uwe Walter und Marcus Cyron, dass Sie sich die Zeit für die User genommen haben. Das Transkript dieses Chats können Sie in Kürze nachlesen. Das Chat-Team wünscht allen noch einen schönen Tag.
Kommentare
[1] http://oa.helmholtz.de/index.php?id=300#c1792
[3] Drei Beispiele: http://www.oastories.org/2011/09/germany-publisher-sven-fund-de-gruyter/ , http://openhumanitiespress.org und http://project.oapen.org
Umfangreiche Informationen bietet http://open-access.net.