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Georgios Chatzoudis | 07.12.2011 | 3761 Aufrufe | 1 1 Kommentar | Interviews

L.I.S.A.live "Wikipedia trifft Geschichtswissenschaft"

Expertenchat verpasst? - Hier das Protokoll!

In unserem Chatprotokoll können Sie das Gespräch mit dem Althistoriker Prof. Dr. Uwe Walter von der Universität Bielefeld und dem Wikipedia-Autoren Marcus Cyron über das Verhältnis der Geschichtswissenschaften zu Wikipedia in voller Länge nachlesen.

Bei allen, die sich so zahlreich mit Fragen im Vorfeld und anschließend live beteiligt haben, bedanken wir uns herzlich!

Ihre L.I.S.A.Redaktion

 

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Marcus Cyron, Prof. Dr. Uwe Walter und Sebastian Serafin (v.l.n.r.)

"Fangen wir an!"

L.I.S.A.: So, es ist jetzt 16.00 Uhr. Hier im Chat begrüße ich jetzt Prof. Dr. Uwe Walter und Marcus Cyron. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen und die Fragen unserer User beantworten. Gleich die erste Frage an unsere Gäste: Wie sieht es aus, wollen wir starten?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Ich bin startbereit und freue mich auf die Fragen.

 

Marcus Cyron: Fangen wir an.

 

L.I.S.A.: Zunächst einige Fragen zum Einstieg.

 

Blogger_Nessy: Sehr geehrter Herr Prof. Walter, warum bezeichnen Sie sich als Nicht-Blogger, obwohl Sie bei der FAZ einen eigenen Blog betreiben? Ist es ehrenrührig, ein Blogger zu sein?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Nein, ehrenrührig ist das keinesfalls. Aber ich glaube verstanden zu haben, dass Blogger eine besondere Spezies von netzaffinen und kommunikationsfreudigen, sehr beweglichen und umtriebigen Menschen sind. Und ich würde mich selbst nicht als sonderlich netzaffin bezeichnen. Das Bloggen ist notwendigerweise auch nur eine Nebenbeschäftigung, neben der akademischen Forschung und Lehre.

 

Karsten: Guten Tag Herr Cyron. Was ist der Reiz, bei Wikipedia als Autor zu arbeiten? Das muss doch viel Zeit und Energie kosten.

 

Marcus Cyron: Der Reiz besteht natürlich in sicherlich mehreren Dingen. Es fängt damit an, dass man sich mit Themenbereichen befassen kann, die einem persönlich sehr nahe liegen, die einem viel Freude bereiten, an denen man viel Spaß hat. Hinzu kommen natürlich andere Dinge, wie dieses hehre Projektziel, welches Wikipedia ja in gewisser Weise verfolgt, freies Wissen für die Welt, freies Wissen für die Menschheit zu sammeln. Es gibt nicht nur einen Grund. Es kommen viele zusammen. Und natürlich kostet das viel Zeit und Energie, die man aber gerne dafür aufwendet.

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Marcus Cyron und Prof. Dr. Uwe Walter

"Das Netz arbeitet chaotisch, Geisteswissenschaftler eher linear"

judith: Guten Tag! Wie erklären Sie es sich, dass Geisteswissenschaftler generell zögerlich mit dem Internet sind? Wird genügend auf die Möglichkeiten des Netzes an den Fakultäten hingewiesen?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Ich würde die Prämisse in Ihrer Frage nicht ohne weiteres teilen. Es hat sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren sehr viel getan. Wenn ich etwa nur an mein eigenes erweitertes Fachgebiet, die Altertumswissenschaften, denke, so ist wissenschaftliche Arbeit ohne im Netz bereitgestellte Hilfsmittel gar nicht mehr vorstellbar, etwa mit Blick auf die maßgeblichen bibliographischen Hilfsmittel.

Es gibt natürlich auch grundsätzliche Vorbehalte, die durchaus auf einem Nachdenken über die strukturelle Besonderheit des WWW beruhen. Etwa, was die Wissensstruktur und die Art von Generierung von Einsichten und Wissen betrifft. Hier arbeitet das Netz, wenn ich das richtig verstanden habe, chaotisch und kaskadenartig. Geisteswissenschaftliche Arbeit ist aber immer noch in erster Linie linear und klar strukturiert oder sollte es zumindest sein.

Was die zweite Frage betrifft, so würde ich sie bejahen. Ich glaube im Übrigen, dass die Studierenden vielfach schon von sich aus sehr genau wissen, dass sie von einer Nutzung des WWW profitieren können.

 

LLandes: Vor allem die deutschsprachige Historikerlandschaft hegt Vorurteile gegenüber Kommentarfunktionen und web 2.0 – ungeachtet der Potentiale und vieler Angebote (z.B. Blogs i.Allg., recensio.net). Ursachen?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Ich könnte mir vorstellen, dass es einfach Reserven gegen den unabsehbaren Zeitaufwand gibt, der gewiss damit verbunden wäre, sich als Wissenschaftler nun auch noch auf diese Weise mit anderen irgendwie in Beziehung zu setzen. Im Übrigen ist eine Kommentarfunktion oder sind bestimmte Kommunikationsformen – jedenfalls in meiner Wahrnehmung – vielfach auch mit enthemmten und gänzlich indiskutablen Meinungsejakulationen verbunden und damit möchte man dann doch nichts zu tun haben.

 

Marcus Cyron: Ich sehe das ähnlich wie Herr Prof. Walter. Ich glaube nicht, dass die deutschsprachige Historikerlandschaft generelle Vorbehalte hegt. Ich kenne sogar einige Historiker, die durchaus sehr netzaffin sind.

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"Die oft beschworene 'Schwarmintelligenz' gibt es überhaupt nicht"

thw: Ist die Form der Wissensansammlung in der Wikipedia Ausdruck der oft beschworenen "Weisheit der Vielen" bzw. "Schwarmintelligenz" oder handelt es sich hier doch eher um den Sieg des kleinsten gemeinsamen Nenners?

 

Marcus Cyron: Ich würde beide Aussagen als nicht wirklich zutreffend bezeichnen. Mittlerweile hat sich erwiesen, dass es diese "Weisheit der Vielen" oder "Schwarmintelligenz" überhaupt nicht gibt. Es gibt immer wieder einzelne Themenbereiche, in denen eine größere Anzahl von Autoren gemeinsam diese Artikel bearbeitet. Im Allgemeinen ist es jedoch so, dass die grundlegende Arbeit in Artikeln von einem oder zumindest sehr wenigen Autoren geleistet wird. Der Anteil des Schwarms daran ist meist nur in Kleinigkeiten zu sehen, etwa der Fehlerkorrektur oder der Aktualisierung.

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Gerade im Bereich der Geisteswissenschaften scheint es mir doch sehr häufig der Fall zu sein, dass zu sehr randständigen, gleichsam orchideenhaften Gegenständen überhaupt nur ein Interessent Artikel schreibt und man als Nutzer dann sehr froh ist, wenn die halbwegs kompetent abgefasst sind.

 

Marcus Cyron: Ich sehe in den meisten Fällen nicht, dass Artikel am Ende bei einem kleinsten gemeinsamen Nenner ankommen. In den meisten Fällen setzt sich schon die allgemein vorherrschende Meinung der akademischen Welt durch.

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Die Wikipedia als Schrittmacher des wissenschaftlichen Konventionalismus?

 

Marcus Cyron: Ja, ich fürchte das ist so. Idealerweise gibt ein Artikel in der Wikipedia allerdings alle gängigen Interpretationen wieder. Faktisch jedoch ist das nicht immer so.

 

L.I.S.A.: Und hier eine Nachfrage aus dem Chat:

 

wenkeboenisch: Oder hat die Zurückhaltung gegenüber Publizieren im Netz nicht auch etwas mit der Angst vor dem Verlust der Deutungshoheit zu tun, Herr Prof. Walter?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Sie scheinen Wissenschaftlern ein ausgeprägtes Machtbewusstsein zu unterstellen. In Tat und Wahrheit sind wir, so meine ich, über die Zeit, in der Deutungshoheiten beansprucht oder gar durchgesetzt werden konnten, weit hinaus. Und das ist auch gut so.

"Es gibt keine Monopolstellung und keinen reinen Laienstatus"

L.I.S.A.: Und eine weitere Frage zur wissenschaftlichen Nutzung des Netz:


AndreDonk: Welche Formen von Kommunikation über Geschichte im Netz lassen sich Ihrer Meinung nach als wissenschaftliche Kommunikationen verstehen? Und inwiefern sind dies neue mediale Formate?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Da habe ich eine sehr, wenn Sie so wollen, konservative Einstellung. Ich kann jedenfalls für die mir bekannten Formate nicht erkennen, dass hier eine wissenschaftliche Kommunikation im engeren Sinne stattfindet, und das ist meines Erachtens auch nicht nötig, denn es gibt genug Foren, sowohl in schriftlicher wie in mündlicher Form, um mit Kolleginnen und Kollegen einen vertieften und zielführenden Austausch zu suchen und zu finden.

 

L.I.S.A.: Und eine weitere Frage zu Wikipedia:

 

LutzSchröder: Wikipedia bricht klassische Ebenen der Wissensgenerierung auf (z.B. Historiker => Laie). Sehen Sie dies als Fluch oder Segen für die Geschichtswissenschaft?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Die von Ihnen angesprochene Opposition gibt es schon lange nicht mehr. Auch ohne das WWW. Wenn Sie etwa an die vielfältigen und ausgesprochen engagierten wie professionellen Bemühungen von Lokal- und Regionalhistorikern außerhalb der akademischen Sphäre, etwa in Geschichtsvereinen denken, so gibt es hier keine Monopolstellung und keinen reinen Laienstatus. Im Übrigen gilt: Wer kompetent ist und etwas Sinnvolles beizutragen hat, sollte dies selbstverständlich tun können, und wenn das WWW dies erleichtert, dann ist dagegen nichts einzuwenden.

 

Marcus Cyron: Ich habe bei meiner Arbeit in der Wikipedia schon häufiger festgestellt, dass sich hinter dem vermeintlichen Laien durchaus ein Fachmann befinden kann, der nicht zwangsweise einen historischen Abschluss, aber ein Verständnis für historische Vorgänge hat, die dem eines ausgebildeten Fachmannes nicht immer nachstehen.

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Allerdings gibt es selbstverständlich auch die Variante, die durch das WWW bereitgestellt wird, einfach irgendwelche Meinungen, Gesinnungen oder „was-ich-schon-immer-mal-sagen-wollte“ loszuwerden. Das ist jetzt einfacher und kann ungefilterter verbreitet werden als in der Zeit von Flugblättern und Leserbriefen.

 

Marcus Cyron: Das stimmt natürlich. Zum Glück haben wir in der Wikipedia mit diesem Problem mittlerweile weniger zu kämpfen. Wenngleich es natürlich auch heute immer wieder Personen gibt, die versuchen, ihre Einzelmeinung über die Wikipedia zu propagieren. Das Netz, das zur Absicherung gegen derartige Vorgänge "gespannt" ist, ist mittlerweile recht engmaschig.

 

L.I.S.A.: Und noch eine aktuelle Nachfrage:

 

wenkeboenisch: Herr Prof. Walter, die Angst vor dem Deutungsverlust wurde auf der Konferenz ".hist2011" von Kollegen ausgesprochen. Wie würden Sie denn wissenschaftliche Kommunikation im Netz definieren?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Mir fallen, ehrlich gesagt, nur sehr wenige Beispiele für wissenschaftliche Kommunikation im Netz ein. Jedenfalls in meinem Bereich.

Das sind dann etwa Pre-Papers für eine Tagung, die vorab kursieren und auch kommentiert werden können. Aber das war es dann auch schon fast. Wenn Sie mich da belehren möchten, bin ich ganz Ohr.

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"Wir sind nicht die einzigen Anbieter von Sinndeutung über Vergangenes"

L.I.S.A.: Und eine weitere Frage zum Thema Geschichte im Netz:

 

ChristophBieber: Wikipedia ist nicht der einzige "Produktionsort" für Geschichte im Netz. Wie beurteilen Sie kommerzielle Angebote wie z.B. die Spiegel-Site "Eines Tages" oder "Geschichts-Apps" verschiedener Anbieter?

 

Marcus Cyron: Ich kenne mich mit "Geschichts-Apps" überhaupt nicht aus. Ich habe keinen Zugang zu dem, was dort vonstatten geht. "Eines Tages" finde ich ist ein sehr schönes Konzept. Auch ähnliche andere Konzepte im Netz beurteile ich durchaus sehr positiv. Ich sehe es generell gerne, wenn neben Wikipedia auch noch weitere kollaborative Angebote vorhanden sind.

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Historiker wissen seit Thukydides, dass sie mitnichten die einzigen Anbieter von Sinndeutungen über Vergangenes sind. Das WWW hat die Menge der Anbieter hier noch einmal vergrößert oder vielleicht auch nur sichtbarer gemacht. Rundfunkanstalten wie der WDR bieten via "Zeitzeichen" nicht nur Hören, sondern auch Nachhören an. Fernsehanstalten unterhalten ergänzende Angebote zu ihren Doku-Fictions und so weiter und so fort.

 

L.I.S.A.: Hier kommt eine aktuelle Frage aus dem Chat:

 

wenkeboenisch: Und Online-Fachjournale bzw. Blogs von Kollegen? Ist die Grenze zwischen wissenschaftlichem und populärem Kommunizieren jetzt nicht fließender als in der klassischen Printpublikation?

 

Marcus Cyron: Ja.

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Nun ja, wenn Sie das klassische Feuilleton betrachten, da haben schon immer auch Wissenschaftler versucht, mehr oder minder journalistisch zu schreiben oder akademisch ausgebildete Redakteure haben über wissenschaftliche Forschung berichtet. Gerade in den Geisteswissenschaften gab es diese Übergangszone eigentlich schon immer. Online-Fachjournale kenne ich vor allem für den Bereich von Rezensionen, die sind natürlich konkurrenzlos schnell. Und auch das anfänglich gravierende Problem der ungesicherten Qualität hat sich mittlerweile reduziert, wenn Sie etwa die "Sehepunkte" anschauen.


Das muss erst einmal alles synchron getippt werden. Für Sebastian Serafin kein Problem.

"Wikipedia hatte nie den Anspruch zitierfähig zu sein"

L.I.S.A.: Und noch eine aktuelle Frage aus dem Chat:

 

Spectator: Bleibt es denn in der Geschichtswissenschaft dabei, dass Wikipedia-Artikel als Quellenangabe/Fußnote tabu ist, während Print-Lexika zitierbar sind?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Ich halte es so, dass auch allgemeine Printlexika wie Brockhaus in der Regel nicht zitierfähig sind. Ausnahme sind natürlich historische Ausgaben, die als Quelle für eine bestimmte Sicht in einer vergangenen Epoche gelten. Was die Wikipedia angeht, so wäre ich durchaus froh, wenn sie denn in einer Fußnote angegeben würde. Tatsache ist aber, dass das Zusammenstoppeln von schriftlichen Arbeiten mit Hilfe von Wikipedia-Artikeln ohne jede Quellenangabe und ohne jedes Unrechtsbewusstsein leider springflutartig zunimmt. Studierenden in Anfängerveranstaltungen erkläre ich den wesentlichen Unterschied immer darin, dass in zitierfähigen Fachlexika die Artikel namentlich gekennzeichnet sind und der Verfasser mit seiner akademischen Qualifikation für die Korrektheit und Ausgewogenheit des Beitrages geradesteht. Natürlich gibt es auch da zahlreiche weniger gelungene bis schlechte Artikel, aber der entscheidende Unterschied ist eben die Kontrolle durch einen hoffentlich kompetenten Sachgebietsherausgeber oder Generalherausgeber.

 

Marcus Cyron: Die Vorstellung, dass Wikipedia zitierfähig wäre, kommt nicht aus der Wikipedia selbst und ist nicht von der Wikipedia-Community verfasst worden.

Der Wunsch, dass Wikipedia zitierfähig ist, wird immer von außen in das Projekt hineingetragen. Dabei wird allerdings übersehen, dass Wikipedia eigentlich kein eigenes Wissen schaffen möchte, sondern nur das schon vorhandene Wissen rezepiert. Warum sollte also jemand aus zweiter Hand zitieren wollen?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Das entspricht auch meiner eigenen Nutzung der Wikipedia. Ich betrachte die Artikel oft als erste Wegweiser, die mir zeigen, wo ich weitere Ressourcen im WWW finden kann. Das betrifft vor allem auch Bilder.

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"Wissenschaftler müssen an ihren Standards festhalten"

L.I.S.A.: Hier kommt eine aktuelle Nachfrage:

 

Spectator: Fernseh- und Internetformate vergrößern das Interesse an Geschichte, aber jeder Kommentator hält sich inzwischen für einen (Hobby-)Historiker. Ist das nicht eine Degradierung echter Wissenschaft?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Nein, das sehe ich nicht so. Die Wissenschaftler müssen einfach an ihren Standards festhalten und dort, wo es ihnen möglich ist, deutlich machen, dass es eben sehr unterschiedliche Formen des Redens über sinnhafte Vergangenheit geben kann und dass die von ihnen gepflegte Form methodisch gewonnener Erkenntnisse einen besonders hohen Anspruch auf Gültigkeit und Verbindlichkeit erhebt. Inwiefern sich das dann durchsetzt, ist eine ganz andere Frage, und das Leben ist zu kurz, um sich jede Woche über Guido Knopp zu ärgern.

 

L.I.S.A.: Und noch eine aktuelle Frage:

 

Pluto: Zu den Standards: Aber Wissenschaft muss doch auch ein Publikum finden. Oder genügt Wissenschaft etwa sich selbst?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Historiker sind, seit es sie gibt, in besonderer Weise darauf angewiesen, in die gesamte Gesellschaft hinein zu wirken und sie haben dies von Herodot bis Osterhammel auch immer wieder mit großem Erfolg getan. Daneben gibt es sicherlich eher - ich möchte nicht sagen selbstgenügsame, aber doch stärker nach innen gekehrte - Felder von Grundlagenforschung, beispielsweise Quelleneditionen oder theoretische Reflexionen, durch die das Fach seinen wissenschaftlichen Charakter immer wieder überprüft und gleichsam intern zur Diskussion stellt. Daneben stehen gesellschaftliche Orientierungsbedürfnisse. Und ich habe den Eindruck, dass Historiker noch nie so viele Möglichkeiten hatten, in die Breite zu wirken und ein großes Publikum zu erreichen, wie heute.

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"Wir von Wikipedia müssen die Verbindung zur Wissenschaft schaffen"

L.I.S.A.: Und eine Frage zum Thema Wikipedia:

 

Jan: Wie stellt sich die "Wikipedia" die ideale Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Community vor? Welche Rolle sollen die Wissenschaftler übernehmen: aktive Beiträger oder passive Zulieferer?

 

Marcus Cyron: Das ist eine schwere Frage. Was ist ideale Zusammenarbeit? Allein hierüber könnte man schon trefflich streiten oder zumindest diskutieren. Ideal wäre wahrscheinlich, wenn ab jetzt jeder Historiker seine Forschungsergebnisse auch in der Wikipedia publizieren würde. Das ist allerdings Illusion. Somit müssen wir als Wikipedia-Projekt versuchen, die Verbindung zur Wissenschaft herzustellen. Das kann in verschiedenen Formen vonstatten gehen. So passiert es sehr häufig, dass Wissenschaftler in ihren E-Mails Anfragen von Wikipedia-Autoren finden, auf die mittlerweile auch sehr häufig und sehr positiv reagiert wird. Mir persönlich ist diese Kommunikation mit der akademischen Welt auch ein besonderes Anliegen. Im Sommer dieses Jahres haben wir deshalb in Göttingen erstmalig eine Veranstaltung organisiert, in der wir unter dem Motto "Wikipedia trifft Altertum" sowohl Wikipedia-Mitarbeiter als auch Wissenschaftler für einen konstruktiven Dialog zusammengebracht haben.

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Da hat sich übrigens auch gezeigt, wie viele Querbefruchtungen es tatsächlich schon gibt und wie viele mehr es in Zukunft noch geben wird. Ein eher banaler, gleichwohl wirksamer Grund für die Zurückhaltung wohl der meisten Historikerinnen und Historiker, bei Wikipedia mitzuarbeiten, ist schlicht die Überlastung. Multiple Tasking gehört zwar zu Grundtugenden von Wissenschaftlern, aber Lehre, Forschung, Anträge schreiben, zu Tagungen reisen, Prüfungen abzunehmen, Studienordnungen zu entwerfen und zu evaluieren, Sonderforschungsbereiche zu begehen und vieles andere frisst einfach so viel Lebens- und Arbeitszeit, dass eine Tätigkeit für Wikipedia – die noch dazu nach außen hin ja ohne Namensnennung erfolgt – schlicht für die meisten nicht mehr möglich ist. Ich möchte vermuten, dass dies auch der Grund für die Zurückhaltung bei Aktivitäten, etwa in Sozialen Netzwerken, nach denen hier ja auch schon gefragt worden ist, sein dürfte.

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Schneller geht es nicht.

"Der Historiker hat nicht mit simplem Wissen zu tun"

L.I.S.A.: Und noch eine aktuelle Frage aus dem Chat zum Thema Social Web.

 

wenkeboenisch: Welche Strukturen und Angebote sind nötig, damit mehr Wissenschaftler sich dem Social Web öffnen?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Schimpfen Sie mich wieder konservativ, aber nach all dem, was ich über das Social Web weiß – das ist zugegebenermaßen nicht sehr viel –, eignen sich die dort üblichen Kommunikationsformen eher nicht für die doch oft komplizierten und auch einen langen Atem und verwickelte Argumentationen erfordernden Probleme geisteswissenschaftlicher Arbeit. Es sei denn, es gibt demnächst eine App, mit der man Geburtstagsgrüße auch in mittelmesopotamischer Keilschrift versenden kann.

 

Spectator: Herr Prof. Walter, schaden Ihrem Fachgebiet Hollywood-Verfilmungen wie "Troja" oder aktuell "Krieg der Götter" eher oder fördern sie das Interesse von Teenagern an "der Antike"?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Geschichtsbilder entstehen seit Urzeiten an sehr verschiedenen Orten und sie gehorchen sehr unterschiedlichen Gesetzen, auf die Historiker an der Universität in der Regel keinerlei Einfluss haben. Das ist ja auch etwas, was schon Geschichtslehrer beklagen. Anders gesagt: Wir müssen mit dem, was Schüler oder Studierende mitbringen, umgehen und immer wieder deutlich machen, dass Filme wie "Troja" oder "Krieg der Götter" einfach bestimmte, eher schlicht gestrickte, simplen Narrativen verpflichteten Reden über die griechische Antike darstellen – vergleichbar mit Schwabs "Sagen des klassischen Altertums" früher. Man sollte darüber auch nicht zu viel Aufheben machen, obwohl es besonders in der amerikanischen Altertumswissenschaft mittlerweile einen großen Forschungszweig "Rezeption der Antike im Film" gibt. Das wird sich im Laufe der Zeit ausmendeln.

 

Andreas: Zum Social Web: Dabei kann es doch nicht um intensives wissenschaftliches Arbeiten gehen, sondern vielmehr um Wissenskommunikation. Darum geht es – Wissen vermitteln. Oder etwa nicht?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Ja, aber der Historiker muss dann darauf hinweisen, dass er es eigentlich nicht mit simplem Wissen zu tun hat, sondern dieses Wissen ja immer erfordert, dass bestimmte Fragen gestellt werden, bestimmte Methoden angewandt werden, dass Wissen also problematisiert werden muss und nicht einfach, wie ein leicht aufzuhebender Gegenstand, auf dem Tisch liegt.

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"Eine nicht zu unterschätzende Chance der Emanzipation"

L.I.S.A.: Und eine weitere Frage zur Zukunft von Wikipedia:

 

MuseumsHeld: Wie sehen Sie die Zukunftschancen für den Einsatz von Wikipedia (in welcher Form auch immer) in Geschichtsmuseen? Gibt es schon heute gute Beispiele?

 

Marcus Cyron: Ja, gibt es. In Hamburg hatten wir – ich glaube im "Museum für Hamburgische Geschichte", bin mir aber nicht ganz sicher welches Museum es war – einen Wikipedia-interessierten Mitarbeiter, der mit sogenannten QRPedia-Elementen (ein System im Mobilen Internet, das QR-Codes verwendet, um Anwendern Wikipedia-Artikel in der mobilen Ansicht anzuzeigen) interaktive Links von Exponaten zu Wikipedia-Artikeln gelegt hat. Mit entsprechenden Endgeräten, etwa Handys, können sich interessierte Besucher entsprechende Wikipedia-Artikel zu bestimmten Themenbereichen vor Ort im Museum ansehen und Themen vertiefen.

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Ja, da bieten die technischen Möglichkeiten eine nicht zu unterschätzende Chance der Emanzipation. Künftig wird nicht mehr jeder Museumsbesucher mit einem Audioguide herumlaufen, dessen Texte und Informationen ja oft von zweifelhafter Qualität sind, sondern er wird sich über iPhone oder Tablet bei Wikipedia oder anderswo gesuchte und in ihrer Komplexität differenzierte Informationen und Interpretationen abrufen können oder zu einem ausgestellten Bild fünf parallele Bilder mit ähnlichen Themen ansehen können, um die Besonderheit des gerade betrachteten Bildes besser in den Blick zu bekommen. Da bin ich ziemlich optimistisch.

 

Marcus Cyron: Es ist mittlerweile schon so, dass der interessierte Leser, wenn er diese Möglichkeit, die ich oben beschrieben habe, nutzt, zu Wikipedia-Artikeln in seiner Sprache geleitet wird, so es diese eben gibt. Ich wage die nicht unbegründete Voraussage, dass spätestens ab 2012 diese Möglichkeit im deutschsprachigen Raum verstärkt zum Tragen kommen wird. International sind diese Möglichkeiten schon seit ein bis zwei Jahren vor allem im englischsprachigen Raum, aber auch darüber hinaus, recht stark in Benutzung.

"Ich kenne eine ganze Menge netzaffiner Historiker"

L.I.S.A.: Und noch eine aktuelle Nachfrage zum Thema Social Web:

 

wenkeboenisch: Birgt nicht das Social Web auch die Chance, als Wissenschaftler aus dem Elfenbeinturm herauszukommen und für sich bzw. das Fach Öffentlichkeitsarbeit zu machen?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Das mögen andere anders beurteilen, aber ich glaube erstens, Historiker können sich nicht über mangelndes Öffentlichkeitsinteresse beschweren.

Zweitens müssen sie durchaus aufpassen, nicht bestimmte Seriösitätsschwellen zu unterschreiten.

 

Marcus Cyron: Ich glaube, dass das mittlerweile in der Geschichtswissenschaft auch schon weitaus stärker umgesetzt wird, als man es vielleicht auf den ersten Blick wahrnimmt. Ich hatte es vorhin schon erwähnt, dass ich durchaus eine ganze Menge netzaffiner Historiker kenne. Was bislang noch fehlt, ist vielleicht oft der Zugang zu ihren Angeboten oder die Wahrnehmung dieses Zugangs.

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Um es noch einmal ins Grundsätzliche zu wenden: Wir haben keinen Mangel an Kommunikations- und Zirkulationsmöglichkeiten. Keinen Mangel, einfaches Wissen abzurufen. Was fehlt, was Güter in großer Knappheit sind: Zeit, Muße, Entschleunigung, Freiräume, für sich einen komplizierten Gegenstand einmal ganz von Anfang an zu durchdenken und dies ohne die Pflicht, permanent alle Arbeitsstadien, Geistesblitze, Tiefpunkte und Depressionen mit aller Welt teilen zu müssen. Denn am Ende zählt zwar nicht das, was hinten rauskommt, aber doch schon irgendwie das Ergebnis und weniger die Befindlichkeit dessen, der es produziert hat.

 

wenkeboenisch: Wie stehen Sie zu Open Access, Herr Prof. Walter. Open Access hat ja auch eine Menge mit Geschichte im Netz zu tun.

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Was die Befürworter von Open Access sehr oft vergessen, ist, wie viel mühevolle und kompetente Arbeit in großen und kleinen Verlagen geleistet wird, damit Forschungsergebnisse eine angemessene Form gewinnen. Bei einer Ausweitung von Open Access, wie sie in der Tat zur Zeit diskutiert wird, können diese für die Wissenschaft meines Erachtens unverzichtbare Dienstleistungen in Zukunft nicht mehr erbracht werden. Das sollte man sich sehr genau überlegen, wenn entsprechende Forderungen gestellt werden.

 

L.I.S.A.: So, die Chat-Zeit ist auch schon fast zu Ende: Wollen sie noch ein kurzes Schlusswort an die User richten?

 

Prof. Dr. Uwe Walter: Zum Schluss läuft die Diskussion letztlich auf die Frage hinaus, ob das Glas halbleer oder halbvoll ist. Es sollte deutlich geworden sein, dass ich für meine Person eher die optimistische Variante bevorzuge und wir ansonsten am besten fahren, wenn jeder das tut, was er am besten kann.

 

Marcus Cyron: Das ist ein wunderschönes Schlusswort, dem ich mich, vor allem dem letzten Satz, vollumfänglich anschließen kann. Und auch die Metapher mit dem Glas möchte ich noch einmal aufgreifen: Ich bin ja schon immer dann zufrieden, wenn das Glas noch ganz ist.

 

L.I.S.A.: Das waren 60 Minuten Expertenchat der Gerda Henkel Stiftung. Vielen Dank an die User für die vielen Fragen, die wir aus Zeitgründen leider nicht alle beantworten konnten. Vielen Dank auch an Prof. Dr. Uwe Walter und Marcus Cyron, dass Sie sich die Zeit für die User genommen haben. Das Transkript dieses Chats können Sie in Kürze nachlesen. Das Chat-Team wünscht allen noch einen schönen Tag.

Kommentar

von Heinz Pampel | 10.12.2011 | 10:49 Uhr
Open Access: Hier liegt ein Missverständnis vor. Im STM-Bereich haben Verlage Open Access längst als Geschäftsmodelle entdeckt [1]. Auch in den Humanities beginnen Verlage innovative Modelle zu erproben, bei denen der freie Zugang ermöglicht wird [2].

[1] http://oa.helmholtz.de/index.php?id=300#c1792

[3] Drei Beispiele: http://www.oastories.org/2011/09/germany-publisher-sven-fund-de-gruyter/ , http://openhumanitiespress.org und http://project.oapen.org

Umfangreiche Informationen bietet http://open-access.net.

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