Anmelden

Login

merken
Uwe Protsch | 29.02.2012 | 9216 Aufrufe | Beiträge

Datenbank "AEL" Frankfurt-Heddernheim

„Arbeitserziehungslager“ der Gestapo

Seit einigen Monaten gibt es bei L.I.S.A.teamwork eine „Datenbank“ mit Informationen über Insassen des „Arbeitserziehungslagers“ der Gestapo in Frankfurt-Heddernheim.

Bis vor wenigen Monaten bot die Gedenkstätte noch einen tristen, um nicht zu sagen verwahrlosten Anblick.

Das Instrument „Arbeitserziehungslager“ im NS-Staat und in Frankfurt/M.

Jedem, der sich mit dem Thema beschäftigen will, empfehle ich unbedingt das umfassende Werk „KZ der Gestapo“ von Gabriele Lotfi (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart München 2000). Frau Lotfi beschreibt die Entwicklung dieses Terrorinstrumentes seit den Anfängen in den dreißiger Jahren und erläutert vor allem schlüssig, dass die „Arbeitserziehungslager“ zunächst der Einschüchterung ausländischer und deutscher Arbeiter dienen sollten. Erst später erfüllten sie auch andere Funktionen. Der Begriff „Arbeitserziehungslager“ ist insofern problematisch, als es sich um eine typische Vokabel der Nazis handelt, die - wie andere Wortschöpfungen auch - auf zynische Weise das tatsächliche Geschehen camouflieren sollte.

 

Das Frankfurter „AEL“ wurde erst 1942 eingerichtet. Zwar waren die allermeisten Häftlinge dieses Lagers Zwangsarbeiter aus Osteuropa, Frankreich und den Niederlanden, welche wegen kleinerer Vergehen, „Arbeitsvertragsbruch“, „Widersetzlichkeit“ oder auch „Faulheit“ zu einer Haftstrafe von meist vier bis acht Wochen verurteilt wurden1). Allerdings wies die Gestapo Frankfurt schon von Anfang an auch jüdische Mitbürger, deutsche Arbeiter sowie zur weiteren „Verbringung“ in Konzentrationslager vorgesehene Regimegegner,  Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ein. Später wurde das Lager als „erweitertes Polizeigefängnis“ deklariert; es kamen Menschen aus nahezu allen Gruppen hinzu, welche der Verfolgung durch die Gestapo ausgesetzt waren, bspw. „auffällige“ Jugendliche.


Die Frankfurter Gestapo verfügte über „ihr“ „AEL“ nahezu nach eigenem Gutdünken, wie es G. Lotfi auch von anderen vergleichbaren Einrichtungen berichtete. In den Jahren 1944 und 1945 wurden dort Hinrichtungen vorgenommen.2) Die Haftbedingungen waren von fehlender Hygiene, unzureichender Kleidung und ungenügender Ernährung gekennzeichnet, bei gleichzeitiger Schwerstarbeit. Zusammen mit den brutalen Misshandlungen führten diese in einigen Fällen offensichtlich zum Tod von Insassen. Der von Frau Lotfi geprägte Begriff „KZ der Gestapo“ entspricht den Aussagen einiger Häftlinge, wonach die Lebensbedingungen in den „Arbeitserziehungslagern“ vergleichbar oder sogar noch schlimmer als in den Konzentrationslagern der SS waren.3)

 

Das Frankfurter „AEL“ unterhielt etliche „Außenkommandos“ u.a. im Taunus.

Zoom

Mittlerweile hat die Stadt Frankfurt den ganzen Bereich saniert und der Örtlichkeit ein angemessenes Erscheinungsbild gegeben. Es fehlt noch die Gedenktafel, mit deren Gestaltung aber bereits ein Künstler beauftragt wurde.

Warum eine Datenbank?

Als ich mit den Recherchen zum „AEL“ begann, stellte ich bald fest, dass Dokumente, die sich direkt auf dieses Lager beziehen, offensichtlich nur spärlich vorhanden sind. Dies gilt insbesondere für die Verwaltung, also Anordnungen, Korrespondenz, Dienstpläne usw. Hinzu kommt, dass fast alle Akten der Frankfurter Gestapo entweder bei Kriegsende verbrannt wurden oder aus anderen Gründen baw. nicht auffindbar sind. Allerdings liegen die Akten des Spruchkammerverfahrens gegen den Lagerkommandanten und einige Wachmänner vor. Wer jedoch sich für die Opfer dieser Einrichtung interessiert, wer die Absicht hat, das Schicksal und die Leiden der einzelnen Häftlinge in geeigneter Form zu verdeutlichen, kann eigentlich hauptsächlich nur auf eine ergiebige Quelle zurückgreifen: die Kartei der Frankfurter Gestapo.


Diese (nicht vollständige) Sammlung von etwa 138.000 Karteikarten konnte von den amerikanischen Behörden sichergestellt werden und ist beim ITS in Bad Arolsen sowie in mikroverfilmter Form beim Hauptstaatsarchiv Wiesbaden als auch im Stadtarchiv Frankfurt vorhanden.4) Die allermeisten Karten enthalten persönliche Daten wie Name, Geburtsdatum und -ort sowie in knapper Form eine Beschreibung des Sachverhalts wie z.B: „Befindet sich vom 13.5.44 bis 18.7.44 weg.Arbeitsvertragsbruch im AEL.-Ffm-Heddernheim in Pol.Haft.“


Man kann davon ausgehen, dass grundsätzlich für jeden, der  von der Gestapo in das Lager eingewiesen wurde, eine Karteikarte angelegt wurde.5) Somit enthält die „Gestapo-Kartei“ mehrere Tausend Dokumente, auf denen mehr oder weniger präzise Angaben zu den Insassen des „AEL“ zu finden sind. Bei allen zu berücksichtigenden Einschränkungen wie z.B. fehlende Karten und falsche, unleserliche oder missverständliche Eintragungen liegt somit ein umfangreicher Datenbestand vor, der sich zur (auch statistischen) Auswertung anbietet, aber auch die Möglichkeit gewährt, Einzelschicksale unter Heranziehung weiterer Quellen zu beschreiben.


Beim Erstellen einer Tabelle, welche ursprünglich nur als Arbeitsbehelf dienen sollte, kam mir der Gedanke, dass womöglich auch andere Nutzen aus diesen Informationen ziehen könnten. Außer dem stellte ich fest, dass viele Daten gerade über Zwangsarbeiter in zahlreichen Quellen zu finden sind und es mir wahrscheinlich nicht gelingen wird, all diese Quellen ausfindig zu machen oder gar selbst auszuwerten. Ein „öffentlich“ zugänglicher Datenbestand allerdings könnte auch von Anderen ergänzt oder korrigiert werden! Auf diese Weise wird eine Datenbank entstehen, deren Qualität im Laufe der Zeit immer besser wird und die jeder Interessierte auswerten und heranziehen kann. Dieses Projekt muss nicht auf die Häftlinge des „AEL“ Frankfurt-Heddernheim beschränkt sein; es könnte später erweitert werden, bspw. auf alle Opfer der Frankfurter Gestapo.

Inhalt, Qualität, Probleme

Die Datenbank ist keineswegs nur ein Auszug der „Gestapo-Kartei“; in ihr sind auch bereits Informationen aus zahlreichen anderen Quellen eingeflossen. So existieren aus dem Jahr 1942 Listen, die sich auf Transporte von Häftlingen zwischen dem Polizeigefängnis und dem „AEL“ beziehen und die im Bundesarchiv Berlin einzusehen sind. Weitere Dokumente sind u.a. im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, beim ITS in Bad Arolsen oder im Stadtarchiv der Stadt Frankfurt zu finden. In etlichen Fällen konnten bereits Angaben aus den Karteikarten durch andere Unterlagen bestätigt und ergänzt werden. Indessen kommt es auch vor, dass der Vermerk auf einer Karteikarte ohne zusätzliche Informationen in die Irre führen kann. So ist häufig von „Polizeihaft“ oder „Schutzhaft“ die Rede. Diese Ausdrücke legen nahe, dass der jeweils Betreffende im Polizeigefängnis der Frankfurter Gestapo in der Klapperfeldstraße oder in anderen Hafteinrichtungen der Gestapo („Notgefängnissen“) einsaß. Aus anderen Quellen geht aber in Einzelfällen hervor, dass die Haft im „AEL“ vollzogen wurde, obwohl die Begriffe „Arbeitserziehungslager“ bzw. „AEL“ nicht auf der Karteikarte erscheinen! Daraus ergibt sich die Frage, ob es überhaupt möglich sein kann, in allen Fällen zu ermitteln, in welcher Haftanstalt der Frankfurter Gestapo der Betreffende einsaß.

 

Ungeklärt ist auch die Frage, in welchem Umfang Frauen im „AEL“ inhaftiert waren. Auf etlichen Karteikarten ist vermerkt, dass die betroffene Frau in das „AEL“ Frankfurt-Heddernheim eingewiesen wurde. Dies steht im Widerspruch zu der damaligen Regel, nach der Frauen zunächst in das "Arbeitserziehungslager“ Watenstedt, später in das 1944 eröffnete Lager Hirzenhain kamen. Vermutlich wurden Frauen in Einzelfällen deshalb nach Frankfurt-Heddernheim geschickt, weil das Lager Hirzenhain erst Monate nach dem geplanten Termin fertiggestellt wurde. Vielleicht erschien es aber auch zu aufwendig, die betroffenen Frauen in die weiter entfernten Lager Watenstedt oder Hirzenhain zu verbringen. Zumindest mag dies für die noch 1945 eingewiesenen Frauen gelten. Derzeit konnte noch nicht in Erfahrung gebracht werden, wie die weiblichen Häftlinge im „Arbeitserziehungslager“ untergebracht waren.


Einige Quellen deuten darauf hin, dass mit dem Vorrücken der Westallierten immer mehr Lager westlich von Frankfurt geräumt und die Gefangenen nach Osten deportiert wurden, wo sie in anderen Hafteinrichtungen landeten. Zu diesen Einrichtungen gehörte auch das „AEL“ Frankfurt, allerdings diente es wohl eher als Durchgangsstation für weitere Transporte Richtung Osten, ins Besondere nach Buchenwald. Hier fehlen bislang belastbare Informationen, welche eine eindeutige Aussage erlauben.

 

Jedenfalls gab es noch im März 1945 Transporte von Häftlingen des „Arbeitserziehungslagers“ nach Buchenwald. Ende März wurde dann das Lager „evakuiert“; was bedeutete, dass die Insassen zu Fuß Richtung Vogelsberg marschieren mussten. Kurz vor Auflösung dieses Trecks wurde noch ein italienischer Gefangener auf Befehl des Lagerkommandanten erschossen, weil er angeblich Lebensmittel gestohlen hatte. Für dieses Verbrechen wurde der Kommandant vom Landgericht Frankfurt wegen Totschlags zu einer Zuchthausstrafe verurteilt.

 

Schließlich sei noch auf die oben erwähnten „Außenkommandos“ hingewiesen, zu deren Insassen mir kaum Informationen vorliegen. Es ist schon schwierig, immer mit hinreichender Sicherheit zu ermitteln, ob es an einem bestimmten Ort eine Dependance des „AEL“ gab. Gerade an Industriestandorten und Großbaustellen waren gleichzeitig Lager für Zwangsarbeiter neben Straflagern und Kriegsgefangenenlagern eingerichtet, so dass für Zeitzeugennicht immer klar war, um welche Häftlinge es sich jeweils handelte. Ob gar noch Dokumente bei den in Frage kommenden Gemeinden vorliegen, lässt sich für mich nicht mit vertretbarem Aufwand feststellen (s.u.). Von den Betrieben, die seinerzeit von der Zwangsarbeit profitiert hatten, existieren die meisten nicht mehr.

Ausblick und Aufruf

Derzeit (Stand Mai 2012) enthält die Datenbank mehr als 7.000 Namen sowie in vielen Fällen ergänzende Informationen. Da sie sich im Aufbau befindet, sind alle Angaben als vorläufig zu behandeln. Nur bei einem Teil der Namen ist sicher, dass der oder die Betreffende im „AEL“ inhaftiert war. Meine Vorgehensweise kann wie folgt gegliedert werden:


I. Ermittlung aller Personen, die im „AEL“ inhaftiert gewesen sein könnten,


II. Prüfung, ob zu diesen Personen weitere Informationen beim Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden vorliegen,


III. Prüfung, ob zu diesen Personen weitere Informationen in sonstigen Quellen vorliegen.


Ich hoffe, irgendwann die Datenbank in einen Zustand gebracht zu haben, der aussagekräftige Analysen ermöglicht. Denkbar wäre etwa eine Untersuchung, ob die Länge der Haft von der Nationalität des jeweiligen Insassen beeinflusst wurde, wofür es durchaus Hinweise gibt und was auch mit den rassistisch geprägten Vorschriften zur Behandlung der Zwangsarbeiter korrelieren würde.

 

Da ich dieses Projekt nur „nebenbei“, also unter Berücksichtigung meiner Berufstätigkeit und meiner familiären Verpflichtungen, betreiben kann, geht die Arbeit langsamer voran, als ich es mir wünsche. Ich würde mich über jede Hilfe sehr freuen. Vor allem bitte ich dringend jeden, der sich mit der Materie auskennt, meine Angaben zu ergänzen, zu prüfen und gegebenenfalls zu berichtigen. Ich bin dankbar für jede Information und nehme unter uwe.protsch@gmx.de alle Anregungen und Hinweise entgegen. Bei mir kann auch der Zugang zur Datenbank beantragt werden, wobei ich darauf hinweise, dass es sich um sensible personenbezogene Daten handelt. Aus diesem Grund ist die Abgabe einer entsprechenden Verpflichtungserklärung notwendig.

 

 

---------------------------------------

1) Die Entscheidung fällte der Leiter der Gestapo Frankfurt.

 

2) In wie weit auch vorher schon Häftlinge ermordet wurden, muss noch geklärt werden. Verschiedene Quellen (u.a. die Eintragung: „Wurde am 15.7.43 auf der Flucht erschoßen.“) deuten darauf hin.

 

3) Auch in der Nachkriegszeit wurde noch der Begriff „KZ Rhein-Main“ verwendet.

 

4) Nähere Informationen in: „Die Frankfurter Gestapo-Kartei“ von Volker Eichler, erschienen in: Die Gestapo - Mythos und Realität, hg. von G. Paul und K.-M. Mallmann, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1995.

 

5) Ob dies auch für jüdische Mitbürger gilt, welche von dort aus in Konzentrationslager deportiert wurden, ist zweifelhaft. Auch ist anzunehmen, dass ab Anfang 1945 auf Grund der Transporte von Gefangenen aus den westlichen Teilen des Reichsgebietes nach Frankfurt bzw. über Frankfurt und der anderen Erschwernisse eine geregelte Erfassung der Häftlinge nur noch bedingt erfolgte. Ebenfalls ist noch unklar, ob Einweisungen in das „AEL“ von anderen Gestapo-Stellen (z.B. Mainz) veranlasst wurden, ohne dass die Frankfurter Gestapo hierzu Karteikarten angelegt hat.

PDF-Datei downloaden (2.5 MB)

Kommentar erstellen


CHZPBP