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Georgios Chatzoudis | 14.08.2012 | 5187 Aufrufe | 3 | Interviews

"Die Alten werden gegen die Neuen ausgespielt"
Zur Debatte um die Berliner Gemäldegalerie

Interview mit Prof. Dr. Andreas Beyer

Die Debatte um die Zukunft der Berliner Gemäldegalerie reißt nicht ab - im Internet kursieren Petitionen,die über die Sozialen Netzwerke geteilt und verbreitet werden, und die Feuilletons der überregionalen Zeitungen überschlagen sich mit Beiträgen für bzw. wider einen Umzug der Alte-Meister-Sammlung. Bei L.I.S.A. hatte der Kunsthistoriker Joris Corin Heyder die Diskussion bereits im Juni mit einem Beitrag ausgelöst, in dem er eine dauerhafte Abwanderung Alter Meister ins Depot befürchtet. Kurz darauf folgte eine "Replik" von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Parzinger, dem Präsidenten die Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in der er diese Sorge als unangebracht bezeichnet.

 

Wir wollen die Diskussion auch bei L.I.S.A. weiter fortsetzen und haben nun den Kunsthistoriker und Direktor des „Deutschen Forums für Kunstgeschichte“ in Paris Prof. Dr. Andreas Beyer nach seinem Standpunkt gefragt.

Zoom

Prof. Dr. Andreas Beyer, Direktor des „Deutschen Forums für Kunstgeschichte“ in Paris

"Das eine wird da jeweils auf Kosten des anderen ausgestellt"

L.I.S.A.: Herr Professor Beyer, die Berliner Gemäldegalerie muss ihren angestammten Ort aufgeben und macht Platz für Werke aus einer privaten Schenkung. Für eine Übergangszeit wandern die Altmeister ins Bode-Museum, bis sie ein neues Zuhause in einem Neubau finden werden – so der Plan. Klingt doch eigentlich ganz vernünftig, oder?

 

Prof. Beyer: Wenn das Vernunft sein soll, dann will ich mir die Unvernunft erst gar nicht vorstellen müssen. Für eine Übergangszeit soll ein Teil der Sammlungen (wohl nicht einmal die Hälfte) der Gemäldegalerie mit den Skulpturen-Beständen des Bode-Museums vermengt werden. Es ist der - wie ich finde: abwegige - Versuch einer Rekonstruktion der einstigen Präsentationsform des früheren Kaiser Friedrich-Museums. Was um 1904 durchaus spektakulär war und Schule gemacht hat, ist hundert Jahre später wenig zukunftsweisend. Längst hat man die Problematik sogenannter "period rooms" erkannt. Das eine wird da jeweils auf Kosten des anderen ausgestellt, der Gesamteindruck spiegelt nie dagewesene Zusammenhänge wider. Der Teil der Gemälde, der dort nicht untergebracht werden kann, wandert vermutlich in ein Depot. Er wird den Blicken der Kunstliebhaber und der Forscher entzogen. Und zwar auf unbestimmte Zeit - wer nämlich Planungs- und Bauarbeiten in der Hauptstadt kennt, der weiss, dass da alle Zeitpläne unrealistisch kalkuliert sind.

 

Der Bau der Gemäldegalerie - der, zugegebenermassen, immer wie ein Provisorium wirkte, trotz der stellenweise gelungenen  Inszenierung - soll umgebaut werden, damit dort dann die Moderne aus der Neuen Nationalgalerie Platz findet. Dass die gediegen und etwas altbacken wirkende Innenarchitektur der jetzigen Gemäldegalerie sich problemlos für die in Format und Auftritt gänzlich verschiedene Moderne umbauen lässt, daran darf getrost gezweifelt werden. Ich sage Ihnen voraus, dass dort ein Neubau entstehen wird. Es reicht nämlich nicht, einfach die Eingangssituation zu verändern, der Niklas Maak treffend den Charme eines Kreiswehrersatzamtes irgendwo in der Provinz attestiert hat.

"Eine der exquisitesten Gemäldesammlungen der Welt wird fragmentiert"

L.I.S.A.: Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen? Welche Lösung würde Ihnen vorschweben?


Prof. Beyer: Zunächst und vor allem geht es darum, zu verhindern, dass eine der exquisitesten Gemäldesammlungen der Welt fragmentiert und ver- bzw. eingelagert wird. So unzulänglich der aktuelle Ort sein mag - die Gemälde sind dort immer noch besser aufgehoben, als in willkürlichen Kombinationen im Bode-Museum oder in verschlossenen Depots. Bevor irgendwelchen Sammlern, die ihre Bestände gegen Auflagen stiften, etwas versprochen wird, sollte der durchaus wünschenswerte Neubau einer Gemäldegalerie in Nachbarschaft des Bode-Museums nicht nur beschlossen, sondern errichtet und beziehbar sein. Dann ließe sich entspannt über den Verwandlungsakt der alten Gemäldegalerie nachdenken und darüber, wie die Moderne in Berlin wirkungsvoller gezeigt werden kann. Dass man das derzeit auf Kosten der "Alten Meister" tun will, ist äusserst misslich. Da werden die Alten gegen die Neuen ausgespielt - dabei gibt es eine solche Unterscheidung für die Kunst doch nicht wirklich.

 

Sehen Sie sich einmal an, was zeitgenössische Künstler sammeln und was sie inspiriert: alte Meister! Nichts also gegen den Plan eines adäquaten Museums für die ältere Malerei in der Umgebung der Museumsinsel. Warten wir aber doch erst einmal ab, ob es in Berlin gelingt, einen zeitgemäßen Flughafen in Betrieb zu nehmen. Und warten wir auch erst einmal ab, bis das Schloss steht und was da nun eigentlich reinkommt. Dann warten wir ab, bis ein Neubau für die Gemäldegalerie errichtet ist. Und dann, keinen Augenblick früher, helfen wir alle gerne beim Packen und Zügeln.

"Zeitgenössische Kunst gehört nicht unmittelbar ins Museum"

L.I.S.A.: Kunst hört nicht auf, sondern Jahr für Jahr kommen neue Werke dazu. Wohin damit? Müssen wir immer mehr Museen bauen? Oder sind angesichts knapper Kassen auch andere Lösungen denkbar?


Prof. Beyer: Kunst kommt von Kunst und Kunst entsteht unausgesetzt, ja. Nur bin ich der Meinung, dass die zeitgenössische Kunst nicht unmittelbar ins Museum gehört. Leider hat sich in Berlin das Konzept einer Kunsthalle zerschlagen. Das wäre - und das ist vielerorts in Deutschland an den vielen Kunsthallen und Kunstvereinen schön zu sehen - ein angemessener Rahmen. Im Rahmen der traditionellen Berliner Museen sehe ich, ehrlich gesagt, keinen Bedarf für ein "Museum" für zeitgenössische Kunst - wie es scheinbar der Hamburger Bahnhof auf Dauer werden soll. Für die inzwischen museale Moderne gibt es dort wahrlich Platz genug. Und die Tagesproduktion sollte auf - gerne auch öffentlich finanzierte - Formate wie Kunsthallen oder temporäre Ausstellungsflächen konzentriert sein. Das behielte das Vorläufige und Experimentelle, das die zeitgenössische Kunst jeweils braucht. Auch die Galerien sind ein unverzichtbarer Ort zur Präsentation der aktuellen Kunstproduktion. Ohne sich in den Kunstmarkt einzumischen, sollte die öffentliche Hand durchaus überlegen, wie sie, gerade in Berlin, den Standort für Galerien, für junge und wagemutige zumal, attraktiv macht. Auch die Akademien, von denen es ja immer noch eine Menge gibt, auch wenn man das kaum merkt, sollten sich verstärkt einbringen in die öffentliche Präsentation aktueller Kunst. Meines Erachtens besteht gerade da erheblicher Nachholbedarf.

"Nicht zum Spielball einer kopflosen Museumspolitik machen lassen"

L.I.S.A.: Sie leben und arbeiten als Kunsthistoriker in Paris, sind Direktor des dortigen „Deutschen Forums für Kunstgeschichte“. Wie würde man in Frankreich mit einer solchen Konstellation umgehen, wie Sie der aktuelle Fall Gemäldegalerie/Schenkung Pietzsch bietet?

 

Prof. Beyer: Die Kompetenzen zwischen den großen Pariser Museen sind exakt umschrieben, was unmittelbare Konkurrenz, wie sie sich jetzt die Berliner Museen gegenseitig machen (müssen), ausschliesst: Moderne und Zeitgenössisches im Centre Pompidou, das 19. Jahrhundert im Musée d'Orsay, alles davor im Louvre - mit Überlappungen. Dennoch, dass eine Stiftung wie jene, die in Berlin  ansteht (und die ja wirklich großzügig und herzlich erwünscht ist), dazu führte, dass, sagen wir einmal, 2/3 des Louvre auf unabsehbare Zeit eingepackt werden müssten: unvorstellbar! Wissen Sie, was passierte? Die Stifter würden, erschrocken darüber, zu welchem Banausentum man sie öffentlich verdonnert, zurückziehen. Ich hoffe sehr, dass auch die Berliner Stifter sich nicht zum Spielball einer etwas kopflosen Museumspolitik machen lassen. Und, ungeachtet ihrer Vorliebe für den Surrealismus, öffentlich bekunden, dass sie nicht den Anlass bieten wollen, dass mit den "alten" Meistern so unsäglich verfahren wird. Ohne die nämlich, gäbe es den Surrealismus gar nicht.

Kommentar

von Julius Redzinski | 14.08.2012 | 16:07 Uhr
"Ich hoffe sehr, dass auch die Berliner Stifter sich nicht zum Spielball einer etwas kopflosen Museumspolitik machen lassen. Und, ungeachtet ihrer Vorliebe für den Surrealismus, öffentlich bekunden, dass sie nicht den Anlass bieten wollen, dass mit den "alten" Meistern so unsäglich verfahren wird."

Schön wäre es, es wird aber ein frommer Wunsch bleiben. Der Berliner Stifter fühlt sich in seiner Rolle leider wohl. Ein Absatz aus einem Artikel bei faz.net spricht da leider für sich: "Für Heiner Pietzsch ist das keine Frage. Die Gegner des Projekts, sagt er, hätten „das alte griechische Prinzip nicht begriffen: Alles fließt.“ Um Berlin endgültig zur Kulturmetropole Deutschlands zu machen, müsse man eben Druck auf die Politik ausüben. „Wenn eine Zeitung schreibt, die Schenkung sei eine Erpressung, um das Museum des Zwanzigsten Jahrhunderts aufzubauen - damit kann ich leben.“ Was die Stiftung mit den Alten Meistern vorhabe, sei zwar schmerzlich: „Aber jede Geburt bringt Schmerzen.“ (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/kunstsammler-pietzsch-wenn-es-schiefgeht-freuen-sich-meine-erben-11815133.html)

Da verliert man eher jede Hoffnung.

Kommentar

von Joris C. Heyder | 23.08.2012 | 16:15 Uhr
Andreas Beyer sei für seine deutlichen Worte herzlich gedankt! Seit gut zwei Monaten nun tobt im deutschsprachigen Feuilleton ein wahrer Kulturstreit um die Zukunft der Gemäldegalerie. Die Befürworter der Pläne bleiben in zentralen Fragen Antworten schuldig oder legen den Kritikern Aussagen in den Mund. Bislang unbeantwortet blieb die Kernfrage, warum mit dem Umzug der Alten Meister nicht bis zum fertigen Neubau auf dem Gelände des Kasernenhofs gewartet werden kann. Andeutungen des Stiftungspräsidenten haben die fragwürdige Taktik aufscheinen lassen, dass man die Politik mithilfe eines untragbaren Zustands unter Druck setzen wolle! Das klingt mehr nach Hasardspiel, denn nach vernünftiger Verwaltung einer kostbaren Sammlungen. Besonders oft hört man von den Befürwortern beschwichtigend, Rembrandt, Botticelli und Van Eyck würden nie ins Depot wandern. Tatsächlich haben die Kritiker nie um die Zurschaustellung der absoluten Meisterwerke gefürchtet, sondern vor allem um die Präsentation der weniger bekannten, für die Kunstgeschichte aber nicht minder wichtigen Maler und Schulen. Bemerkenswert ist, dass die Befürworter die vielen klugen Argumente gegen einen übereilten Umzug schlicht ignorieren und es bleibt zu hoffen, dass nicht Müdigkeit den Protest schließlich zum Verstummen bringt!

Eine (möglichst) vollständige Dokumentation aller bislang erschienener Artikel bietet: http://warum-mittelalter.de/zur-entscheidung-des-bundestags-am-12-juni-2012/

Kommentar

von Dr. Silke Walther | 03.09.2012 | 14:37 Uhr
Es ist sehr bedauerlich, dass sich der Konflikt zwischen staatlichen Kunstmuseen und den Interessen der Sammler seit Jahren verschärft, obwohl die Ursachen und mögliche Lösungswege gleichfalls auf zahlreichen Tagungen erörtert und erwogen wurden. In Berlin zeichnet sich diese Problematik aufgrund der hohen Attraktivität der Museen bei gleichzeitig desolater Haushaltslage gravierender ab. Es gibt allerdings ähnliche Fälle im EU-Raum, die die SPK vor ihren Beratungen mit den Sammlern hätte zur Kenntnis nehmen können da über die Integration ganzer Sammlungsblöcke in die Dauerbestände in den Kultur-Ressorts der internationalen Presse genug debattiert wurde. „Wenn ich zwanzig Jahre tot bin, wird niemand mehr wissen, wer Heiner Pietzsch war. Aber ich will das Museum.“ Dieser Satz des Sammlers prägte im Zeichen der Public Private Partnership-Modelle seit den 90er Jahren die Debatte u.a. auch in Berlin: Die voreiligen Zusicherungen nach der erfolgreichen temporären Ausstellung vor drei Jahren waren der erste Schritt in eine ungünstige Verhandlungsposition, denn das Museum braucht den Sammlungsblock nicht zwingend, während der Sammler einige Vorteile, u.a. eine kontinuierliche Bestandspflege und wissenschaftliche Aufarbeitung zu Recht von diesem Handel erwarten kann. Das Land Berlin wäre gut beraten, aus seinen vormaligen Fehlern zu lernen.

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