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M.A. Birte Ruhardt | 25.09.2014 | 4543 Aufrufe | Interviews

"Erste Generation Promotion"

Interview mit Stefanie Coché, Verena Limper und Sandra Vacca

Wenn man als erster oder als erste aus seiner Familie promoviert, ergeben sich viele Fragen und Unsicherheiten: Wie gehe ich eine Promotion richtig an, worauf muss ich während einer Promotion achten und wird mein beruflicher Weg von der Familie akzeptiert? Als Unterstützung bei diesen Fragen haben drei Stipendiatinnen der a.r.t.e.s. Graduate School of the Humanities Cologne das Projekt "Erste Generation Promotion" ins Leben gerufen, ein Gesprächs- und Mentoring-Angebot für Masterstudierende und DoktorandInnen, die aus einem nichtakademischen Umfeld kommen. Wir haben ihnen dazu einige Fragen gestellt.

Die Gründerinnen des Projekts "Erste Generation Promotion" Sandra Vacca, Stefanie Coché und Verena Limper (v. l. n. r.)

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"Fast zwei Drittel der Promovierenden stammen aus Akademikerfamilien"

L.I.S.A.: Was verbirgt sich hinter dem DoktorandInnenprojekt "Erste Generation Promotion", kurz EGP?

 

EGP: Das DoktorandInnenprojekt Erste Generation Promotion (EGP) ist ein Gesprächs- und Mentoring-Angebot für Masterstudierende und DoktorandInnen in den Geisteswissenschaften, die eine oder einer unter den ersten in ihrer Familie sind, die studieren oder studiert haben.


Bei einem Blick in die 20. Jahreshebung des Deutschen Studentenwerks zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden in Deutschland zeigt sich, dass es im Verhältnis nur sehr wenige EGP-lerInnen gibt. In dem Bericht wird festgestellt, dass fächerübergreifend fast zwei Drittel der Promovierenden (65%) aus Akademikerfamilien stammen.¹ Im Fall der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne der Universität zu Köln, an der wir alle promovieren, verhält es sich zum Beispiel so, dass nur 10% der BewerberInnen im Jahr 2014 aus sogenannten „bildungsfernen Elternhäusern“ stammten. Der hier verwendete Begriff „bildungsfern“ bedeutet, dass die Eltern nicht studiert haben. Die a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne berücksichtigt diesen Umstand bei der Auswahl der StipendiatInnen positiv und es findet sich der gleiche Anteil an StipendiatInnen aus diesem Umfeld im diesjährigen Jahrgang.² Der niedrige Anteil an BewerberInnen zeigt jedoch, dass es wichtig ist, zusätzlich bereits im Vorfeld aktiv zu werden. Wir glauben, dass wir mit unserem Projekt Erste Generation Promotion auf einer Ebene ansetzen, die durch Institutionen gar nicht erreicht wird, weil wir schon im Vorfeld bei der Entscheidungsfindung helfen.


Erste Generation Promotion richtet sich an zwei Zielgruppen: zum einen an Masterstudierende, die überlegen zu promovieren und zum anderen an DoktorandInnen. Wir organisieren einen Stammtisch und bieten ein Mentoring-Programm auf zwei Ebenen an. Masterstudierende können uns unter (egp-kontakt(at)uni-koeln.de) anschreiben, wenn sie überlegen zu promovieren und Gesprächsbedarf haben. Wir sind selbst Doktorandinnen, die unter den ersten in ihrer Familie sind, die studiert haben. Wir sprechen z.B. über die Entscheidung für oder gegen eine Promotion oder über Möglichkeiten, wie eine Doktorarbeit erfolgreich in die Wege geleitet werden kann. 

 

Für Promovierende bieten wir die Vermittlung von MentorInnen an, die als Erststudierende ihre Promotion erfolgreich abgeschlossen haben. Bei den Mentoring-Programmen handelt es sich nicht um eine inhaltliche Beratung, sondern die MentorInnen bieten Gespräche und Tipps vor dem Hintergrund ihrer eigenen Laufbahn an. Momentan sind die meisten MentorInnen ProfessorInnen der Philosophischen Fakultät zu Köln. Wir suchen noch nach möglichen MentorInnen, die nach der Promotion in einem anderen Bereich als der Universität arbeiten. Dieses Programm befindet sich noch in der Anlaufphase. Aber auch hier können interessierte DoktorandInnen oder MentorInnen uns gerne anschreiben, um sich zu engagieren.

"Die Kommunikation einer Promotion in der Familie"

L.I.S.A.: Auf welche Probleme stoßen StudentInnen und DoktorandInnen aus einem nichtakademischen Umfeld?

 

EGP: Das ist unterschiedlich. Personen, die als erste in ihren Familien promovieren, zeichnen sich auch nicht nur dadurch aus, dass sie auf Probleme stoßen. Unserer Erfahrung nach zeichnen sich StudentInnen, die z.B. erfolgreich mit Bafög studiert haben – ohne dass dies zwingend auf alle zutreffen würde, deren Eltern nicht studiert haben –, oft durch ein gutes Zeitmanagement und Selbstorganisation aus. Beides kann bei einer Promotion sehr hilfreich sein. Wir haben unserem Programm daher auch einen bewusst positiv konnotierten Namen gegeben, indem wir mit Erste Generation Promotion darauf abheben, was wir machen und erreicht haben.


Wir haben festgestellt, dass unterschiedliche Situationen zu Gesprächsbedarf führen: es kann sich um finanzielle Aspekte, um Habitus oder unterschiedliche Erwartungen handeln, die man selbst an sich stellt und die Familie oder das Umfeld hat. Manche Fragen zur Orientierung in der Abschlussphase können nicht unbedingt durch die Familie gelöst werden oder gestalten sich speziell. Konkret könnte es sich dabei um Möglichkeiten handeln, wie ein unverhofftes Promotionsangebot. Ein solches kann man eventuell in all seinen Konsequenzen nicht überblicken. Es bietet sich aber auch nicht bei allen Fragen an, die potentielle Betreuerin oder den Betreuer zu fragen. Ein anderes Thema, dass öfter aufkommt, ist die Kommunikation einer Promotion in der Familie. Nicht immer ist es einfach gerade seinen Eltern, die vielleicht sehr früh angefangen haben zu arbeiten, zu erklären, warum es sich lohnt, nach fünf Jahren universitärer Ausbildung noch einmal mindestens drei Jahre eine weitere Qualifikation anzustreben, an der in den Geisteswissenschaften dann erneut keine klare Berufsperspektive anschließt. Während einer Promotion treten natürlich auch immer wieder inhaltliche Fragen auf. Diese sind allerdings nicht vorranging Teil des Mentorings. Vielmehr soll es bei uns um praktische Fragen gehen, die sich aus dem eigenen Hintergrund ergeben. 

"Tipps zum Promovieren, zur Kommunikation der Promotion und zur Finanzierung"

L.I.S.A.: Im Projekt wird keine umfassende Promotionsberatung angeboten, sondern ein Mentoring. Worauf zielt das Mentoring ab?


EGP: Für Leute, die überlegen zu promovieren, gibt es die Möglichkeit eines situativen Mentorings mit uns. Situativ bedeutet, dass Mentee und MentorIn individuell ausmachen, wann und wie oft sie sich treffen und worüber gesprochen wird. In dem von uns DoktorandInnen angebotenen Mentoring für Masterstudierende kann man auch einfach eine E-Mail schreiben, wenn man gerade eine Frage hat. Manchmal ist das dann ganz schnell geklärt, manchmal kommen noch andere Fragen auf und es gibt mehrere Treffen. 

 

Bisher hatten wir sehr unterschiedliche Situationen. Manche unserer Mentees hatten wegen der Finanzierung Sorgen, andere wussten nicht wirklich, ob sie dafür „geschaffen waren“, weil sie die Einzigen ihrer familiären Umgebung waren, die studiert hatten. Anderen wurde schlicht gesagt, man bemerke ihre nicht-akademische Herkunft, und dass sie daran arbeiten müssten. In allen Fällen haben wir die Situation entdramatisiert, Tipps zum Promovieren (neben der Arbeit oder nicht?), zur Kommunikation der Promotion und zur Finanzierung gegeben. Das Wichtigste war aber sicherlich, den Mentees manchmal mit einer großen Portion Humor Mut zu machen und unsere eigenen Erfahrungen mit ihnen zu teilen.


Für Promovierende vermitteln wir MentorInnen, die ebenfalls die ersten in ihrer Familie waren, die studiert haben, aber bereits mindestens einen Karriereschritt weiter sind. Hier geht es nun nicht mehr um den Übergang vom Masterstudium zur Doktorarbeit, sondern z.B. um das Networking während der Promotion, den Übergang von der Doktorarbeit zur Habilitation oder in einen Job außerhalb der Universität.

"Ich wusste gar nicht, was Promovieren bedeutet"

L.I.S.A.: Sie promovieren alle drei in der Geschichte. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie gemacht, die zur Gründung des DoktorandInnenprojekts Erste Generation Promotion führten?


EGP: Wir haben schnell gemerkt, dass uns die Erfahrung verbindet, als erste in unseren Familien studiert zu haben und nun zu promovieren. Unsere Eltern haben gar nicht studiert oder nur angefangen zu studieren. Auch wenn sie unser Studium unterstützt haben, ging es uns allen so, dass wir uns gerade gegen Ende des Studiums und im Übergang zur Promotion in Bereichen bewegten und Fragen hatten, zu denen in unserem familiären Umfeld niemand Erfahrungen hatte. Je weiter das Studium fortschreitet, desto komplexer werden die Universitäts-Codes und der wissenschaftliche Habitus. Zum Ende des Master- oder Magisterstudiums stellen sich dann häufiger Fragen, gerade wenn man promovieren möchte: Wer kann mich jenseits des familiären Umfelds unterstützen? Wie kann ich eine Promotion finanzieren?


Sandra Vacca: Die akademische Welt hat ihre Regeln, wie man sich austauscht, wie man jemanden kontaktiert, wie man sein Projekt präsentiert. All dies war mir absolut fremd. Außerdem wurde mir mehrmals während meines Studiums gesagt, dass ich meine „lockere Art“ zu reden, zu präsentieren, zu erzählen, ändern sollte. Ich sollte mich den akademischen Normen anpassen. Zudem wurde mein „ungewöhnlicher Parcours trotz nicht-akademischer Eltern“ häufig von ProfessorInnen in Frankreich, England und Deutschland, wo ich studiert habe, thematisiert. Diese Bemerkungen haben mich geprägt. Ich wurde manchmal anders wahrgenommen als Promovierende mit einem akademischen Hintergrund. Das hat eine Menge Unsicherheit in mir verursacht, die zum Teil bis heute noch anhält. Umso weiter ich kam, desto öfter schienen die Leute erstaunt zu sein und umso mehr hinterfragte ich selbst meine eigene Legitimität in diesem Milieu. Die Gespräche mit den EGP-KollegInnen haben mir da wirklich geholfen.


Stefanie Coché: Als ich während meines Studiums das erste Mal ein Promotionsangebot bekam, wusste ich gar nicht genau, was Promovieren bedeutet. Mir war zwar klar, dass es sich um eine Weiterqualifikation handelt, aber nicht, wie diese auch nur in den Grundzügen ablaufen würde. Gerade als Historikerin habe ich mir dann viele Gedanken um die Finanzierung des Projekts gemacht. Mehr als vielleicht in anderen Fächern ist es nötig, kurze Archivreisen im Vorfeld der Promotion zu finanzieren. Erst dann kann man sich mit Erfolgsaussichten auf ein Stipendium bewerben. Zudem bedurfte die Entscheidung zu promovieren innerhalb meiner Familie mehr der Erklärung als die zu studieren, was ganz selbstverständlich war. Ein Studium ist eine Erstausbildung. Bei einer Promotion hat man bereits eine Ausbildung und es stellten sich vermehrt Fragen danach, wieso man nach dem abgeschlossenem Studium nicht zu arbeiten beginnt, sondern eine Arbeit zu einem sehr speziellen Thema schreibt.


Verena Limper: Ich bin erst vor kurzem in das Projekt eingestiegen. Beim gemütlichen Beisammensein nach dem Geschichtskolloquium habe ich mich mit Stefanie Coché über mein Promotionsprojekt unterhalten (damals war ich noch nicht Vollstipendiatin bei a.r.t.e.s.). Es ging um das Bewerbungsgespräch bei a.r.t.e.s. In unserem Gespräch kamen wir dann auch darauf, dass wir beide die Ersten aus unseren Familien sind, die studiert haben. Stefanie hat mir dann von EGP erzählt und das Anliegen des Projektes erläutert. Ich habe mich sehr stark darin wiedergefunden und war begeistert, dass es in Köln ein solches Projekt gibt. Hier konnte ich direkt mit Themen und Fragen Anschluss finden, die ich sonst eher nicht anspreche.

"Das Bild vom Taxifahrer mit Doktortitel wird auch in den Medien immer gerne bemüht"

L.I.S.A.: Wieso ist eine Beratungsstelle für StudentInnen und DoktorandInnen aus Familien ohne akademischen Hintergrund vor allem in den Geisteswissenschaften von Bedeutung?


EGP: In den Geisteswissenschaften erlernen StudentInnen oft keinen konkreten Beruf, außer sie studieren auf Lehramt und gehen dann auch tatsächlich ins Referendariat. Ein Ingenieurs- oder Jurastudium ist sehr viel konkreter und fassbarer und in seiner Zielgerichtetheit besser kommunizierbar. Häufig befürchten Eltern – nicht zu Unrecht –, dass die Chancen nach einem geisteswissenschaftlichen Studium direkt in einen Beruf einzusteigen eher gering sind. Das Bild vom Taxifahrer mit Doktortitel wird auch in den Medien immer wieder gerne bemüht. Allerdings ist dies nicht der einzige zu berücksichtigende Punkt. Fragen des Habitus und der Vernetzung etwa stellen sich in einem Studiengang wie Jura wahrscheinlich in ähnlicher Weise, wie in den Geisteswissenschaften. Insofern ist ein Mentoringprogramm, wie unsere Initiative Erste Generation Promotion, sicher nicht nur allein in den Geisteswissenschaften sinnvoll. Zudem sind der Übergang vom Studium zur Dissertation und das Promotionsstudium für Studierende in der ersten Generation innerhalb der Geisteswissenschaften in Deutschland kaum ein Thema. Uns erscheint es wichtig, dass sich dieser Umstand ändert und wir möchten mit unserem Projekt hier einen ersten Schritt machen, um dies zu erreichen.

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1) Elke Middendorff u.a., Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2012. 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks durchgeführt durch das HISInstitut für Hochschulforschung. Bonn/Berlin 2013, S. 15.


2) a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne (Hg.), Jahrbuch 03/2013 bis 02/2014 (http://artes.phil-fak.uni-koeln.de/20247.html), S. 19.

Stefanie Coché, Verena Limper und Sandra Vacca haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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