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Georgios Chatzoudis | 07.01.2016 | 539 Aufrufe | Interviews

Fahnen, Hymnen, Urkunden, Pokale und Medaillen

Interview mit Nadine Rossol über politische Symbolik im Sport

Die Weimarer Republik musste vor allem in ihrem Innern um die Akzeptanz der Bevölkerung als legitimer und demokratisch verfasster Nachfolger des untergegangenen Kaiserreichs kämpfen - auf vielen Feldern. Eines davon war der Sport, bei dem die Zerissenheit der Deutschen besonders sichtbar wurde: Drehte man als Siegerin oder Sieger eines sportlichen Wettkampfs eine Ehrenrunde mit schwarz-rot-goldener oder mit schwarz-rot-weißer Fahne? Das ist nur ein Beispiel dafür, wie stark Flaggen, Hymnen, Urkunden, Pokale und Medaillen aus dieser Zeit symbolisch aufgeladen waren. Die Historikerin Dr. Nadine Rossol von der University of Essex hat sich genauer mit der politischen Symbolik im deutschen Sport beschäftigt. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt.

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"Ein wichtiges Thema war das der territorialen Einheit Deutschlands"

L.I.S.A.: Frau Dr. Rossol, Sie forschen unter anderem zur politischen Symbolik im deutschen Sport und haben darüber zuletzt einen Aufsatz im Band „Die Spiele gehen weiter“ veröffentlicht. Darin befassen Sie sich konkret mit der deutschen Zwischenkriegszeit. Was sind denn typische politische Symbole und Metaphern, die in dieser Zeit bei Massensportveranstaltungen zu sehen waren? Was waren die zentralen Sujets dieser Symbole? Welche Botschaft sollten sie vermitteln, welches Narrativ stützen?  

 

Dr. Rossol: Politische Fahnen und Farben waren bei Massensportveranstaltungen sowie bei lokalen Sportfesten wichtige und oft umstrittene, politische Symbole. In der Weimarer Republik stand die schwarz-rot-goldene Fahne nicht nur für die Nationalfarben der jungen Demokratie, sondern für alle diejenigen, die die Republik befürworteten. Die Gegner der Demokratie versammelten sich hinter den Farben des ehemaligen Kaiserreichs (schwarz-weiß-rot). In den Jahren des Nationalsozialismus dominierte die Hakenkreuzfahne sportliche Veranstaltungen. Diese politische Aufladung verschiedener Flaggen mag heute merkwürdig wirken, sie war jedoch in den 1920er und 1930er Jahren eine Auseinandersetzung um die politische Staatsform Deutschlands und daher waren diese Symbole so wichtig für die visuelle Darstellung von Staatlichkeit - besonders bei Massensportveranstaltungen.

 

Ein wichtiges Thema, welches bei verschiedenen Sportveranstaltungen in der Weimarer Zeit und ebenso im Nationalsozialismus eine große Rolle spielte, war das der territorialen Einheit Deutschlands. Sportveranstaltungen wurden nicht durch die sportlichen Wettkämpfe sondern durch Eröffnungs- und Schlussfeiern, sowie durch Flaggen, Ansprachen, Berichterstattung und weitere Elemente der politischen Festchoreographie mit einem bestimmten politischen Thema verbunden. So betonten die „Kampfspiele“ in Köln 1926, die Sportveranstaltungen in Breslau 1930 und das deutsche Turn- und Sportfest ebenfalls in Breslau 1938 schon durch ihre Ortswahl, dass die Thematisierung der Gebietsabtretungen in West und Ost diese Sportveranstaltungen dominieren sollten.

"Organisatoren fürchteten den 'Eigensinn' von Zuschauern und Teilnehmern"

L.I.S.A.: Wie wirksam war der Einsatz politischer Symbolik bei Sportveranstaltungen? Haben Sportler und Zuschauer diese Metaphern bewusst rezipiert? War es überhaupt erwünscht, Sport auch in den Dienst politischer Botschaften zu stellen? 

 

Dr. Rossol: Die Frage nach der Rezeption ist natürlich immer besonders schwierig zu beantworten. Zuschauer und Sportler wurden schon durch ihre Teilnahme Teil einer politischen Botschaft, die Organisatoren und Verantwortliche mit einem bestimmten sportlichen Ereignis kommunizieren wollten. Wie weit sich Zuschauer und Sportler aktiv mit der politischen Botschaft von Sportveranstaltungen identifizieren wollten, stand auf einem anderen Blatt. Den „Eigensinn“ von Zuschauern und Teilnehmern fürchteten Organisatoren durchaus, und so wurde versucht, die politische Botschaft eines Sportereignisses in den entsprechenden Interpretationsrahmen einzuordnen. Dazu gehörten die republikanischen oder nationalsozialistische Beflaggung des Stadiums, das Singen der Nationalhymne aber ebenso auch die festliche Choreographie der Eröffnungsfeier und die Reden vor Beginn des Wettkampfes. Die Arbeiterolympiade in Frankfurt am Main 1925 trug ihre politische Botschaft schon im Namen. Ein Jahr später wurden in Köln die sogenannte Kampfspiele ausgetragen. Dies waren sportliche Wettkämpfe, die 1926 besonders unter dem Motto des Abzugs der englischen Truppen aus Köln stattfanden und dadurch mit dem Thema der territorialen Einheit verbunden wurden. Zuschauer und Sportler konnten diese politischen Bezugpunkte ignorieren, wenn sie wollten - zu überhören waren sie kaum. 

 

Die Fechterin Helene Meyer gewann bei den Olympischen Spielen in Amsterdam 1928 eine Goldmedaille, die sie mit dem Schwenken einer schwarz-weiß-roten Fahne (den Farben des Kaiserreichs) feierte. Sie betonte nach dem Ereignis, dass ihr die Fahne überreicht worden sei und sie sich nichts weiter gedacht habe. Auch wenn Helene Meyer die vermeintlich „falsche“ Fahne zeigte - gerade bei dem Sportereignis, wo sich das neue demokratische Deutschland präsentiert werden sollte -, wurde sie von den deutschen Zuschauern vermutlich für ihren Sieg für Deutschland gefeiert. In der Berliner Hauptstadtpresse hatte dieses Ereignis jedoch ein Nachspiel: Der Berliner Oberbürgermeister Gustav Böss dachte laut darüber nach, die Fechterin nicht offiziell zu empfangen. 

"Moderne Künstler für die Gestaltung von Sportpreisen und Urkunden"

L.I.S.A.: Ein besonderes Augenmerk richten Sie auf die Kunst bzw. auf die künstlerische Gestaltung von Sportpreisen. Könnten Sie uns diesbezglich ein oder zwei Beispiele nennen, die Ihre These belegen? 

 

Dr. Rossol: Die künstlerische Gestaltung von Sportpreisen (Urkunden, Pokale, Medaillen) sollten in den 1920er Jahren die staatliche Formgebung der Republik kommunizieren. Urkunden für Sportwettkämpfe wurden, wenn diese Veranstaltungen vom Staat unterstützt wurden, von einem Amtsträger unterschrieben - wie auch heute noch, wenn wir z.B. an die Urkunden der Bundesjugendspiele denken, die übrigens in den 1920er Jahre ihren Ursprung haben. Damit waren Urkunden ein Teil der staatlichen Selbstdarstellung und wurden ähnlich behandelt wie die Gestaltung von Geldscheinen, Formularen, Briefmarken usw. Die Weimarer Republik gewann moderne Künstler für die Gestaltung ihrer Sportpreise und Urkunden und erhoffte sich so u.a. auch eine Erziehung der Bevölkerung zu einem modernen Geschmack und Kunstsinn. 

 

Große Sportveranstaltungen, wie z.B. die Olympischen Spiele 1928, gingen mit Kunstausstellungen einher, auf welchen die teilnehmenden Nationen ausgewählte Kunstwerke (Gemälde sowie Skulpturen) präsentierten. Auch hierbei spielte Politik eine wichtige Rolle. Die Olympischen Spiele 1928 waren die ersten, an denen Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg wieder teilnehmen durfte. Deutschland wollte sich dort durch die Auswahl seiner Kunstwerke als moderne, sportbegeisterte und demokratische Nation präsentieren. Die Leistungen der jungen Republik sollten auch durch auswärtige Kunstausstellungen beworben werden. Ein Blick in den Ausstellungskatalog 1928 zeigt die Förderung der künstlerischen Moderne mit besonderem Fokus auf sportlichen Motiven z.B. George Grosz’ Bild „Boxer Max Schmelling“, Willy Baumeisters (ein Künstler des Bauhaus) Werk „Handstand“, Skulpturen von Fußballspielern und Läufern usw. So verbanden sich Sport, Kunst und Politik.

"Kontinuität und Entfaltung von Choreographie und Ästhetik bei Sportveranstaltungen"

L.I.S.A.: Ihr Betrachtungszeitraum endet mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Richten wird dennoch einen Blick in die Nachkriegszeit: Ist die politische Aufladung von Sportveranstaltungen sowie des Spitzensports im Zeichen der Systemkonkurrenz nicht noch virulenter geworden? Kann man in diesem Zusammenhang von Kontinuität und Entfaltung sprechen? 

 

Dr. Rossol: Da haben Sie selbstverständlich Recht. Sportveranstaltungen im Kalten Krieg präsentierten die Konkurrenz zweier politischer System, die beide auf politische Symbolik angewiesen waren. Und natürlich sollten auch Sportveranstaltungen, selbst wenn sich sie nicht in direkter Systemkonkurrenz stattfanden, eine politische Botschaft transportieren - wir müssen dabei nur an die Sportfeste in der DDR denken, die eine eindeutige Ansage an die westliche Welt senden sollten und dabei auf erprobte Formen der politischen Choreografie bei Sportveranstaltungen zurückgriffen. Daher können wir sicherlich bezüglich der Choreographie und Ästhetik bei großen Sportveranstaltungen von Kontinuität und Entfaltung sprechen. Etwas zurückhaltender - was das Einsatz politischer Symbolik betrifft - verhielt sich dabei die BRD. Ich denke, dies hatte mit dem schwierigen Verhältnis der BRD zu den eigenen politischen Symbolen zu tun, so z.B. die Diskussionen zwischen Konrad Adenauer und Theodor Heuss über eine neue Nationalhymne.

 

Wenn wir an die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland denken, sehen wir, wie ein Sportereignis zu einem ungezwungenen Verhältnis mit den eigenen politischen Symbolen führen kann. Journalisten, Kommentatoren und sicher auch viele Bürger wunderten sich über die scheinbare Leichtigkeit, mit welcher plötzlich bei dieser WM schwarz-rot-goldene Fahnen geschwungen wurden. Natürlich wurden (und werden) Sportveranstaltungen - da sie vor den Augen der Weltöffentlichkeit stattfinden - auch für andere politische Themen benutzt und symbolisch nutzbar gemacht. Wir müssen nur an die black power Fäuste der US-Sprinter T. Smith und J. Carlos bei der Siegerehrung der Olympischen Spiele von 1968 denken.  

Dr. Nadine Rossol hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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