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Georgios Chatzoudis | 07.09.2011 | 4723 Aufrufe | Interviews

"Geisteswissenschaftler bevorzugen Zeitungen"
Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Medien

Interview mit Prof. Dr. Hans Peter Peters

Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Medien ist widersprüchlich, gilt als schwierig und ist häufig von gegenseitiger Unkenntnis und sogar von Misstrauen geprägt. Wissenschaftler fühlen sich von Journalisten oft missverstanden und werfen ihnen vor, komplexe Sachverhalte in unzulässiger Weise zu simplifizieren oder sogar zu verfälschen. Die Kritik von Medienmachern zielt indes auf den Vorwurf, Wissenschaftler säßen im Elfenbeinturm und scherten sich nicht darum, ihre Ergebnisse verständlich und für eine breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aber stimmt dieses Bild wirklich?

 

Eine aktuelle Studie kommt zu einem anderen Ergebnis: Viele Wissenschaftler suchen immer häufiger den Kontakt zu Medien, mit der Absicht ein breiteres Publikum zu erreichen. Prof. Dr. Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich hat in einem gemeinsamen Projekt mit Prof. Dr. Alexander Görke von der FU Berlin, Prof. Dr. Matthias Kohring von der Universität Mannheim und mit Prof. Dr. Frank Marcinkowski von der Westfälischen Willhelms-Universität Münster rund 1.600 Wissenschaftler über ihr Verhältnis zu den Medien befragt.

 

Wir haben Prof. Dr. Hans Peter Peters zu den Ergebnissen der Studie interviewt und wollten insbesondere wissen, welche Antworten Geisteswissenschaftler gegeben haben.

 

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Prof. Dr. Hans Peter Peters, Forschungszentrum Jülich

L.I.S.A.: Herr Professor Peters, Sie und Ihr Team haben rund 1.600 Wissenschaftler zu Ihrem Umgang mit den Medien befragt. Die aktuelle Pressemitteilung dazu trägt den Titel "Auszug aus dem Elfenbeinturm". Was meinen Sie damit?

Prof. Peters: Die Metapher des Elfenbeinturms meint ja, dass Wissenschaft innerhalb der Gesellschaft einen abgegrenzten und durchaus auch privilegierten Platz einnimmt, und dadurch vor dem unmittelbaren Zugriff gesellschaftlicher Interessen geschützt ist. Leben im Elfenbeinturm bedeutet aber auch eine Verselbständigung der Wissenschaft gegenüber der Außenwelt, was sich unmittelbar auf ihre Fähigkeit auswirkt, mit dieser Außenwelt zu kommunizieren. Die Grenze zwischen Wissenschaft und Außenwelt kann man in verschiedener Weise verstehen: als kognitive Grenze der Verständlichkeit, als kommunikative Grenze der Relevanzen oder als kulturelle Grenze von Normen und Praktiken.

 

"Auszug" der Wissenschaftler heißt dann, dass sich am Verhältnis der Wissenschaft zu ihrer Umwelt etwas ändert, insofern sich Wissenschaftler verstärkt in außerwissenschaftliche Gesellschaftsbereiche begeben. Etwas abstrakter formuliert: die Grenzziehung ist dynamisch und entwickelt sich gegenwärtig in Richtung einer engeren Verzahnung von Wissenschaft und gesellschaftlicher Umwelt einschließlich der Öffentlichkeit und der Massenmedien. "Medialisierung der Wissenschaft" nennt der Bielefelder Wissenschaftssoziologe Peter Weingart diesen Prozess. "Auszug" deutet auch an, dass es sich zumindest teilweise um einen organisierten Vorgang handelt. Die Entwicklung von Pressestellen an Universitäten und Forschungseinrichtungen in den letzten Jahrzehnten sowie die 1999 von den großen Wissenschaftsorganisationen beschlossene Initiative "Public Understanding of Science and Humanities"(PUSH) und die Einrichtung einer Institution "Wissenschaft im Dialog" belegen dies beispielhaft.

 

Die plakative Überschrift unserer Pressemitteilung ist natürlich in mehreren Hinsichten stark pauschalisierend und vereinfachend. So hatte der Elfenbeinturm immer schon Türen und Fenster und war die Grenzziehung historisch variabel. Der "Elfenbeinturm" ist ein Ergebnis der Ausdifferenzierung moderner Wissenschaft, die in verschiedenen Fächern unterschiedlich erfolgte. Unser Projekt fokussiert auf solche Unterschiede zwischen Fächern.

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L.I.S.A.: Warum ist es für Wissenschaftler wichtig, mit den Medien zu kooperieren?

Prof. Peters: Die primäre gesellschaftliche Leistung der Wissenschaft ist die Erzeugung und Bereitstellung von "Wissen" und dieses kann nur durch Kommunikation mit anderen geteilt werden. Dabei spielen verschiedene Kommunikationsarenen und "Vermittler" eine Rolle und es handelt sich um ganz verschiedene Zielgruppen, die aus unterschiedlichen Gründen an dem Wissen interessiert sind. Öffentliche Kommunikation ist ein Weg, die gesellschaftlichen Leistungen der Wissenschaft zu vergrößern und einem unbestimmten weiten Interessentenkreis ein Angebot zur Teilhabe an diesem Wissen zu machen.

 

Dies ist insbesondere im Hinblick auf die Verwissenschaftlichung der Gesellschaft, speziell der Politik wichtig. Nur wenn Wähler und gesellschaftliche Akteure Zugang zu einschlägiger Expertise haben, kann ihr Einfluss auf die Politik im Einklang mit dem Rationalitätskriterium politischer Entscheidung stehen. Die öffentliche Verfügbarkeit wissenschaftlicher Expertise als Voraussetzung einer effektiven politischen Partizipation wird also wichtiger. Die mediale Präsenz wissenschaftlicher Expertise begünstigt überdies ihre Berücksichtigung in politischen Entscheidungsprozessen, insofern durch journalistische Transformation tendenziell ihre politische Anschlussfähigkeit vergrößert wird und sie durch die mediale Selektion als gesellschaftlich "relevant" markiert wird.

 

Schließlich stellt die mediale Darstellung wissenschaftlicher Forschung und der Verwendung der Forschungsergebnisse die Wissenschaftler, Forschungsprojekte oder wissenschaftliche Organisationen unter einen Rechtfertigungszwang, ermöglicht gleichzeitig aber auch ihre Legitimierung, indem ihr Nutzen und ihre Konformität mit gesellschaftlichen Werten dargelegt wird. Damit wird die Öffentlichkeit potentiell in Forschungspolitik und Regulierung der Forschung einbezogen.

 

Eine interessante Frage ist natürlich, welche der genannten Gründe für Wissenschaftler und wissenschaftliche Organisationen selbst im Vordergrund stehen. Da gibt es sicher fachspezifisch, organisationsspezifisch und individuell ganz unterschiedliche Motivlagen. Ich glaube aber, dass man in den letzten Jahrzehnten tendenziell eine Zunahme strategischer Motive – Legitimierung bestimmter Forschungsfelder bzw. Einflussnahme auf politische Entscheidungen – konstatieren kann und parallel dazu eine Zunahme des Einflusses von Universitäten und Forschungseinrichtungen auf die öffentliche Wissenschaftskommunikation, weil diese die Öffentlichkeit für sich als Legitimationsquelle erkannt haben.[1]

 

Unsere Wissenschaftler-Befragungen – sowohl unsere internationale Befragung biomedizinischer Forscher vor einigen Jahren[2] als auch unsere jetzt gerade abgeschlossene in Deutschland – belegen starke Anreize für Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen, sich in Interaktionen mit den Medien einzulassen: Unsere befragten Wissenschaftler bestätigen weit überwiegend, dass die Leitungen von Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen die mediale Darstellung von Forschung begrüßen, dass Medienkontakte der Karriere von Forschern nützen und dass die jeweiligen Scientific Communities Medienkontakte ihrer Mitglieder akzeptieren – jedenfalls unter bestimmten Voraussetzungen. Auch bewerten Wissenschaftler selbst ihre Medienerfahrungen weitaus häufiger positiv als negativ, und als nützlich statt schädlich.

 

Eine zweite Facette der Frage ist, warum Wissenschaftler den Kontakt zur Öffentlichkeit über journalistische Medien suchen sollten, wo es doch andere, zum Teil neue Kommunikationsformen gibt, die auf den ersten Blick vorteilhafter erscheinen. Zur Beantwortung dieses Aspekts der Frage möchte ich zunächst eine Unterscheidung zwischen Massenmedien allgemein und journalistischen Massenmedien vornehmen. Letztere stehen im Mittelpunkt unseres laufenden Projekts, weil wir ihnen nach wie vor eine besondere Bedeutung zumessen. Massenmedien allgemein sind Voraussetzung für das Erreichen großer Teile der Bevölkerung mit Informationsangeboten. Quantitativ betrachtet spielen Formen direkter Kommunikation über Museen, Wissenschaftsjahre, Science Festivals, Science Cafés oder ähnliche Angebote im Vergleich zu Massenmedien eine untergeordnete Rolle, was im Übrigen nicht gegen diese Angebote spricht. Durch die Entwicklung des Internet haben sich für Wissenschaftler und wissenschaftliche Organisationen die technischen Möglichkeiten einer selbst-organisierten massenmedialen Kommunikation mit großen Teilen der Bevölkerung enorm vergrößert. Auch hier spricht nichts gegen diese neuen Kommunikationsformen, die vielen Wissenschaftlern attraktiv erscheinen, weil sie damit die "verzerrende" journalistische Transformation umgehen und die Inhalte weitgehender kontrollieren können als bei der Berichterstattung journalistischer Medien.

 

Dennoch ist es für Wissenschaftler und wissenschaftliche Organisationen unabdingbar, den Kontakt zum Journalismus zu suchen, sich dem Journalismus als Ressource anzubieten und Journalisten als Informationsquellen zur Verfügung zu stellen. Zum einen sind journalistische Medien – Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen sowie ihre Internet-Ableger – auch im Zeitalter von Blogs, Youtube, Facebook, Twitter & Co. für große Teile der Bevölkerung wie der Entscheidungsträger in Politik und Wissenschaftsmanagement die wichtigsten Informationsquellen über Sachverhalte jenseits der privaten Sphäre. Zum andern verleiht die Tatsache der Auswahl und Darstellung durch professionelle externe Beobachter – eben Journalisten – den öffentlichen Informationen eine besondere Qualität, die über Zugänglichkeit und Bekanntheit hinausgeht. Das liegt an der genuinen Publikumsorientierung des Journalismus, die von primär der Wissenschaft verpflichteten Informationsanbietern nur oberflächlich imitiert werden kann, sowie an der Auswahl, Darstellung und Bewertung von Themen und Aspekten der Berichterstattung nach wissenschaftsexternen Kriterien.

 

Konkret heißt das: die Darstellung eines wissenschaftlichen Ergebnisses oder einer wissenschaftlichen Analyse auf der Instituts- oder Universitätswebsite hat nicht die gleiche Bedeutung wie die gleiche Information im Wissenschaftsteil oder Feuilleton z.B. der FAZ oder ZEIT. Die Tatsache, dass es schwierig ist, in diese Medien zu kommen, weil diese eine rigide Selektion vornehmen, wird zum Nachweis öffentlicher Relevanz für die Informationen, die es dennoch geschafft haben.

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Die Leiter der Befragung - v.l.n.r.:
Prof. Dr. Hans Peter Peters, Forschungszentrum Jülich
Prof. Dr. Alexander Görke, Freie Universität Berlin
Prof. Dr. Matthias Kohring, Universität Mannheim
Prof. Dr. Frank Marcinkowski, Westfälische Willhelms-Universität Münster

L.I.S.A.: Welche Form des Umgangs mit Medien pflegen Wissenschaftler am liebsten, welche meiden Sie am ehesten? Stichworte: Interview, Artikel für Zeitung oder Zeitschrift, O-Ton-Geber, Talkgast etc.

Prof. Peters: Zu ihren diesbezüglichen Präferenzen enthielt unser Fragebogen keine spezifischen Fragen. Zu sehen ist aber, dass Wissenschaftler eine Vorliebe für Kommunikationsformen haben, in denen sie eine hohe Kontrolle über Prozess und Inhalte behalten. Dies zeigt sich beispielsweise an der Erwartung, dass Journalisten vor der Veröffentlichung eines Beitrags diesen mit den betroffenen Wissenschaftlern abstimmen sollten. Außerdem fanden wir, dass sie die Seriosität der Medien für eine wichtige Voraussetzung dafür halten, dass ihre Medienkontakte von den Fachkollegen akzeptiert werden.

 

Kontakte mit Journalisten, die für Printmedien (einschließlich der Online-Varianten) arbeiten, sind wesentlich häufiger als Kontakte mit Hörfunk- und Fernsehjournalisten. Die meisten Kontakte zwischen Wissenschaftlern und Journalisten finden telefonisch statt, danach folgen Kontakte am Arbeitsplatz der Wissenschaftler sowie schriftlicher Informationsaustausch wohl überwiegend per E-Mail. Relativ selten sind Aufnahmen in einem Hörfunk- oder Fernsehstudio.

L.I.S.A.: Welches Medium wird von Wissenschaftler am häufigsten genutzt? Print, Radio, Fernsehen oder Internet?

Prof. Peters: Zur eigenen Information nutzen Wissenschaftler am häufigsten Tageszeitungen und allgemein-informierende journalistische Angebote im Internet, in zweiter Linie Informationsangebote im Fernsehen und Hörfunk. Geistes- und Sozialwissenschaftler geben eine etwas höhere Nutzung allgemein-informierender Medien an als Natur-, Lebens- und Ingenieurwissenschaftler, die wiederum häufiger als Geistes- und Sozialwissenschaftler populärwissenschaftliche Zeitschriften und entsprechende Online-Angebote nutzen. Interessant ist außerdem eine unterschiedliche Online-Affinität bei Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen. Geschichtswissenschaftler, Philosophen und Rechtswissenschaftler präferieren beispielsweise gedruckte Tageszeitungen, Volkswirtschaftler und Kommunikationswissenschaftler nutzen relativ häufiger entsprechende Online-Angebote.

L.I.S.A.: Welche Rolle spielt das Internet, das im Begriff ist, zum neuen Leitmedium aufzusteigen? Wie nutzen Wissenschaftler das Internet – eher passiv als Recherchetool oder auch aktiv für den Austausch und zur Kollaboration mit anderen Wissenschaftlern?

Prof. Peters: Wenn man über das Internet spricht, so muss man zunächst sorgfältig unterscheiden. Das Internet ist eine technische Plattform, auf der alle möglichen Informationsangebote und Kommunikationsformen vertreten sind. Dazu zählen z.B. E-Mail Verkehr, Zugang zu wissenschaftlichen Zeitschriften und Datenbanken, Online-Varianten klassischer journalistischer Medien, Selbstdarstellungen von Instituten und Universitäten oder Forschungszentren, persönliche Websites von Forschern, Blogs zu Wissenschaftsthemen und Soziale Netzwerke.

 

Für die meisten Wissenschaftler gehören Internet-basierte Kommunikationsformen und Informationsangebote zum ganz normalen wissenschaftlichen Arbeitsalltag, so wie früher – man kann sich fast gar nicht mehr daran erinnern – Korrespondenz mit Kollegen per Post und Besuche von Präsenzbibliotheken. Hier haben enorme Verschiebungen zugunsten der effizienteren, z.B. zeitsparenden Online-Angebote stattgefunden, wobei sich bestimmte traditionelle interpersonale Kommunikationsformen, wie z.B. gegenseitige Vortragseinladungen, Projektmeetings, Workshops und wissenschaftliche Konferenzen, gegenüber einer Verdrängung durch Online-Alternativen ziemlich resistent gezeigt haben. Außerdem hat die Erweiterung der Recherchemöglichkeiten durch Online-Verfügbarkeit vieler Quellen nicht nur positive Konsequenzen, wie die aktuelle Diskussion um Plagiate und schlampige Quellennutzung bei Dissertationen zeigt. Aber das ist ein anderes Thema.

 

Was die Nutzung verschiedener Medien zur Kommunikation mit Gruppen außerhalb der Wissenschaft angeht, so hat das Internet ebenfalls zu Verschiebungen geführt. Die für die öffentliche Wissenschaftskommunikation entscheidende Differenzierung ist aber hier nicht zwischen klassischen Medien vs. Online-Angeboten, sondern zwischen journalistischen und nicht-journalistischen Angeboten. Im Bereich der klassischen aktuellen Medien (Print, Hörfunk und Fernsehen) dominieren journalistische Angebote ganz stark, weil aus technischen, rechtlichen oder ökonomischen Gründen eine hohe Barriere beim Zugang zu den entsprechenden Verbreitungssystemen besteht.

 

Diese Barrieren fallen für das Internet weitgehend weg, so dass der direkte Zugang zur Öffentlichkeit für jedermann praktisch kostenfrei möglich ist. Davon wird ja auch reichlich Gebrauch gemacht. Es wäre also theoretisch denkbar, dass durch die Entwicklung des Internet der Stellenwert des Journalismus gegenüber der direkten Verbreitung von wissenschaftlichen Erkenntnissen durch Wissenschaftler und wissenschaftliche Organisationen bzw. durch Soziale Netzwerke sinkt. Darüber, inwieweit eine solche Entwicklung bevorsteht bzw. wünschenswert wäre, gibt es international eine Diskussion innerhalb der Wissenschaft.[3] Ich selbst glaube nicht, dass eine Verdrängung des Journalismus aus der öffentlichen Wissenschaftskommunikation bevorsteht, und hielte sie auch nicht für wünschenswert. Aber natürlich ergänzen die neuen medialen Optionen den professionellen Journalismus und verändern ihn.

 

In einem unserer Projekte untersuchen wir die Wahrnehmung des öffentlichen Bildes von den Neurowissenschaften durch die Forscher selbst sowie die möglichen Rückwirkungen auf die Forschungs- und Kommunikationspraxis – und zwar vergleichend in Deutschland und den USA. Innerhalb unseres Projektteams gab es eine Diskussion darüber, ob dabei weiterhin klassische Medien – Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen – dominieren oder ob Wissenschaftler ihr Bild vom öffentlichen Repräsentation ihres Forschungsbereichs aus Online-Medien, Blogs und Soziale Netzwerken gewinnen, wovon insbesondere unsere US Kooperationspartner ausgingen. Um diese Frage empirisch zu klären, haben wir eine Online-Befragung von Neurowissenschaftlern in Deutschland und den USA durchgeführt und darin deren Mediennutzung und die medienspezifische Zuschreibung von Effekten auf öffentliche Meinung und politischen Entscheidungsträger untersucht.

 

Das Ergebnis ist, dass Wissenschaftler in beiden Ländern weiterhin hauptsächlich professionelle journalistische Angebote rezipieren und daraus ihr Bild von der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Forschung gewinnen. Online-Angebote klassischer journalistischer Medien spielen dabei durchaus eine bedeutende Rolle, nicht dagegen nicht-journalistische Websites, Blogs und Soziale Netzwerke. Bei der Zuschreibung von Wirkungen ergab sich ein ähnliches Bild: journalistischen Medien wird ein höherer Einfluss auf öffentliche Meinung und Entscheidungsträger zugeschrieben als nicht-journalistischen Angeboten. Interessant ist außerdem, dass den gedruckten Ausgaben ein höherer Einfluss zugeschrieben wird als den entsprechenden Online-Ausgaben. Das beschriebene Ergebnis gilt für beide Länder, wobei der Stellenwert der Online-Medien und der nicht-journalistischen Medien in den USA etwas höher ist als in Deutschland, und bei jüngeren Wissenschaftlern etwas höher ist als bei älteren.

 

Im Gegensatz zur verbreiteten Internet-Euphorie zeigen diese Ergebnisse, dass nicht-journalistische Online-Medien derzeit weit davon entfernt sind, dem Journalismus bei der öffentlichen Wissenschaftskommunikation den Rang abzulaufen. Allerdings ist der Wunsch der Wissenschaftler, den Journalismus bei der öffentlichen Kommunikation zu umgehen, durchaus da: über die Hälfte der jetzt befragten deutschen Forscher stimmten der Aussage zu, dass sich die Wissenschaft "mit eigenen Informationsangeboten wie Publikationen, Websites und Blogs an die Öffentlichkeit wenden [sollte], statt sich auf die Vermittlung durch den Journalismus zu verlassen".

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L.I.S.A.: Welche wissenschaftlichen Disziplinen erweisen sich nach Ihrer Befragung als besonders medienaffin? Warum ist das so?

Prof. Peters: Über verschiedene Indikatoren hinweg zeigen sich die Geistes- und Sozialwissenschaften alles in allem als "medienaffiner" als die Natur-, Lebens- und Ingenieurwissenschaften. Wissenschaftler der Geistes- und Sozialwissenschaften haben deutlich mehr Medienkontakte als Natur-, Lebens- und Ingenieurwissenschaftler, differenzieren weniger strikt zwischen innerwissenschaftlicher und öffentlicher Kommunikation und geben häufiger an, dass die Antizipation von Medienreaktionen ihre Forschungs- und Publikationspraxis beeinflusst. Philosophen, Geschichtswissenschaftler und Kommunikationswissenschaftler betrachten zudem ihre Erkenntnisse viel stärker als Teil des Allgemeinwissens als z.B. Naturwissenschaftler.

 

Entsprechend ist nach meiner Interpretation unserer Befunde auch das Kommunikationsmodell unterschiedlich: Geistes- und Sozialwissenschaftler sehen öffentliche Kommunikation tendenziell als Einbezug eines intellektuellen, nicht-wissenschaftlichen Publikums (in einer auf Rezeption beschränkten Rolle) in die wissenschaftliche Kommunikation; Naturwissenschaftler gehen dagegen stärker von einem Zweistufenmodell mit getrennten Kommunikationsarenen aus: zuerst innerwissenschaftliche Wissenskonsolidierung, dann Popularisierung. Für sie ist beispielsweise viel wichtiger als für Geistes- und Sozialwissenschaftler, dass Ergebnisse zunächst wissenschaftlich publiziert worden sind bevor die allgemein-informierenden Medien sie veröffentlichen.

 

Andererseits gibt es kaum signifikante Unterschiede in den motivierenden Faktoren. Wissenschaftler aller von uns untersuchten 16 Fächer meinen, dass Mediensichtbarkeit den Zugang zu finanziellen Ressourcen erleichtert und der wissenschaftlichen Reputation sowie der eigenen Karriere förderlich ist. Zudem erhalten sie nach Medienauftritten gleichermaßen überwiegend positives Feedback seitens ihrer Fachkollegen und der Organisationsleitung.

 

Wenn wir also heute eine enge Verzahnung von Wissenschaft und Medien in vielen Bereichen der Wissenschaft finden, so ist diese Verzahnung fächerspezifisch unterschiedlich zu erklären: als nur partielle Ausgrenzung von Nichtwissenschaftlern aus der wissenschaftlichen Kommunikation im Verlauf der Ausdifferenzierung der Fächer einerseits, und als (strategisch motivierte) Hinwendung zu Öffentlichkeit und Medien nach erfolgter weitgehender Trennung der Kommunikationsarenen andererseits. Ersteres Muster ist dominiert im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften, letzteres im Bereich der Natur- und Lebenswissenschaften.

 

Die unterschiedlichen Formen der Medienbeziehungen verschiedener Fächer werden sicherlich von einer ganzen Reihe von Faktoren hervorgerufen. Unter anderem halte ich es für plausibel,  dass die unterschiedliche Alltagsferne der jeweiligen Wissensbestände sowie der unterschiedliche Monopolisierungsgrad des epistemischen Zugangs zu den jeweiligen untersuchten Gegenstandsbereichen eine Rolle spielen. Über die von den Geistes- und Sozialwissenschaften untersuchten Phänomenen lässt sich journalistisch sozusagen auf verschiedene Weise berichten; die Stimme der Wissenschaft ist eine "Meinung" unter mehreren. Über die von den modernen Naturwissenschaften untersuchten Phänomene lässt sich dagegen mehr oder weniger ausschließlich durch Popularisierung der entsprechenden Forschung berichten.

 

Geistes- und Sozialwissenschaftler (mit Ausnahmen wie den Archäologen) kommen in den Medien daher häufig als Urheber von "Expertenmeinungen" zu Wort, ohne dass ein direkter Forschungsbezug hergestellt wird, während die Berichterstattung über Natur-, Lebens- und Ingenieurwissenschaften wesentlich häufiger einen Forschungsbezug aufweist. Aber auch die innerwissenschaftliche Spezialisierung der Fächer könnte eine Rolle spielen, weil eine direkte Teilhabe von Nichtwissenschaftlern am wissenschaftlichen Wissen bei geringem Spezialisierungsgrad leichter möglich sein dürfte.

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Homepage "Institut für Neurowissenschaften und Medizin: Ethik in den Neurowissenschaften" des Forschungszentrums Jülich
www.fz-juelich.de/inm/inm-8/

L.I.S.A.: Was müssen Wissenschaftler im Umgang mit Medien noch besser machen bzw. lernen?

Prof. Peters: Die Zeiten, in der Wissenschaftler dazu aufgerufen werden mussten, den Kontakt mit Journalisten nicht zu scheuen, sind weitgehend vorbei. Das zeigen unsere Befragungen ganz klar. Heute muss man eher fragen, ob es nicht gelegentlich ein Zuviel des Guten in der Medienorientierung gibt. Die Herausforderung liegt demnach in der Qualität der Wissenschaftskommunikation, nicht in der Quantität. Eine mir zunehmend wichtiger erscheinende Empfehlung an Wissenschaftler als Informationsquellen des Journalismus lautet, sich nicht zu sehr auf eine strategisch motivierte Kommunikation einzulassen, sondern wissenschaftliche Kriterien unter Berücksichtigung der Funktion des Journalismus hochzuhalten. Das möchte ich im Folgenden kurz erläutern.

 

Zunächst sehe ich einen Zielkonflikt zwischen der (zunehmend) strategischen Orientierung der Wissenschaftskommunikation zur Maximierung der öffentlichen Legitimität einerseits und dem Erzeugen eines realistischen Bildes von der Wissenschaft andererseits. Es gibt eine Versuchung, Wissenschaft öffentlich als zielgerichteten Prozess zur Lösung gesellschaftlicher Probleme darzustellen und wissenschaftliche Ergebnisse als planbaren Produktionsprozess, in dem Wissenschaftsorganisationen finanzielle Inputs in gesellschaftlich nützliche Outputs transformieren. Ein derartig utilitaristisches Bild von Wissenschaft mag öffentlich zwar besonders plausibel sein, ist jedoch problematisch, weil es die Legitimität des Autonomieanspruchs der Wissenschaft untergräbt und als Grundlage der Wissenschaftssteuerung langfristig die Leistungsfähigkeit der Wissenschaft gefährdet. Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass Wissenschaftler stärker versuchen sollten, Interesse für die Fragen der Wissenschaft und den Erkenntnisprozess zu wecken, d.h. an die Neugier des Publikums in vielfältiger Weise anzuknüpfen, statt den praktischen Anwendungsbezug überzustrapazieren.

 

Zweitens sehe ich die Notwendigkeit für Wissenschaftler, sich auf ihre öffentliche Rolle als Advokaten von Wahrheitsorientierung zu besinnen und diese in Bezug auf ihre Medienkontakte zu reflektieren. Das hat mehre Aspekte. Wenn Wissenschaftler mit Journalisten interagieren, kommt es zu zahlreichen – meist milden – Irritationen, etwa durch die Wahrnehmung  von Fehlern in der Berichterstattung. Eine mögliche Reaktion seitens der Wissenschaftler ist, diese Irritationen als "Preis" nützlicher Publicity hinzunehmen. Es gibt Hinweise auf eine steigende Zufriedenheit der Wissenschaftler mit ihren Medienkontakten und die für mich plausibelste Erklärung ist, dass sich die Zufriedenheitskriterien der Wissenschaftler im Laufe der letzten Jahrzehnte geändert haben: Bedenken wegen der inhaltlichen Qualität der Berichterstattung verloren an Bedeutung gegenüber der Wahrnehmung von strategischen Vorteilen durch Mediensichtbarkeit. Wenn es eine solche Entwicklung gibt, dann ist sie problematisch. Die Wahrheitsorientierung der Wissenschaft muss auch in der öffentlichen Kommunikation handlungsleitend sein.

 

Reflektiert werden müssen jedoch die Qualitätskriterien. Einfach die gewohnten wissenschaftlichen Qualitätskriterien auf journalistische Berichterstattung anzuwenden, würde dem Journalismus und seiner gesellschaftlichen Funktion nicht gerecht. Wissenschaftler müssen dazu lernen, die Funktion der journalistischen Medien besser zu verstehen. Viele betrachten sie als "Informationskanal" zum Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse an ein breites Medienpublikum und konstatieren dann problematische Eigenschaften wie Genauigkeitsverlust, Fehlerhaftigkeit und Änderung des Kontextes der Erkenntnisse. Dieses Verständnis der Medien ist jedoch irreführend. Die Funktion des Journalismus besteht nicht einfach nur darin, wissenschaftliche Erkenntnisse öffentlich zu verbreiten, sondern sie so zu transformieren, dass ihre gesellschaftliche Anschlussfähigkeit maximiert wird. Wissenschaftler als öffentliche Kommunikatoren müssen dies grundsätzlich akzeptieren und ihren Teil dazu beitragen, die Qualität dieser Transformation zu optimieren.

 


[1] Vgl. die Diskussion in H. P. Peters et al. (2008). Science-media interface: It's time to reconsider.
Science Communication, 30 (2), 266-276, http://dx.doi.org/10.1177/1075547008324809.

[2] H. P. Peters et al. (2008). Science Communication: Interactions with the mass media. Science, 321, 204-205, http://dx.doi.org/10.1126/science.1157780.

[3] Vgl. z.B. G. Brumfiel (2009). Science journalism: Supplanting the old media? Nature, 458, 274-277, http://dx.doi.org/10.1038/458274a.

Prof. Dr. Hans Peter Peters hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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