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Georgios Chatzoudis | 29.01.2015 | 1348 Aufrufe | Interviews

Irmina - eine Biographie im Nationalsozialismus als Comic

Interview mit Barbara Yelin und Alexander Korb über Geschichte in Comics

Vorbehalte gegen Comics, deren Handlung in der Zeit des Nationalsozialismus historisch verortet ist, gibt es schon lange. Bereits Ende der 1980er Jahre hatte der US-amerikanische Comic-Künstler Art Spiegelmann mit seinem sogenannten "Holocaust-Comic" Maus - Die Geschichte eines Überlebenden eine Debatte über Verharmlosung und Trivialisierung von NS-Verbrechen ausgelöst. Die zentrale Frage lautet: Darf man den Nationalsozialismus im Comic darstellen? Diese und andere Fragen haben wir der Comic-Zeichnerin Barbara Yelin gestellt, die jüngst den Comic-Roman Irmina vorgelegt hat, der auf dem zufälligen Fund des Tagebuchs ihrer Großmutter beruht. Der Historiker Prof. Dr. Alexander Korb von der University of Leicester hat ein Nachwort zu dem Comic verfasst. Auch er hat unsere Fragen beantwortet.

L.I.S.A.: Frau Yelin, Sie haben einen Comic, genauer: eine Graphic Novel, mit dem Titel "Irmina" verfasst und gezeichnet. Worum geht es darin?  

 

Yelin: London, 1934: Die 19-jährige ehrgeizige Irmina aus Deutschland beginnt eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin, getrieben vom Wunsch nach Selbstbestimmung. Auf einer Party lernt sie Howard kennen, einen schwarzen Oxford-Studenten aus Barbados, der sie beeindruckt. Durch ihn beginnt sie, ihren Blick auf die Welt zu öffnen. Als sich jedoch die politischen Ereignisse der Vorkriegsjahre um sie zusammenziehen, kehrt sie 1936 nach Deutschland zurück. Ihr ursprüngliches Vorhaben, mit angespartem Geld nach London zurückzukehren, scheitert bald. In einer Kehrtwendung ihrer Pläne wendet Irmina sich in Berlin einem anderen Leben und Mann zu. Um den Preis ihrer Unabhängigkeit strebt sie gesellschaftlichen Aufstieg im nationalsozialistischen Deutschland an. Das Buch erzählt eine widersprüchliche Lebensgeschichte und fokussiert dabei im Kern auch auf Wegschauen und Vorteilsnahme im Nationalsozialismus.   

 

L.I.S.A.: Wie kamen Sie auf die Idee zu dieser Graphic Novel? Was hat Sie dazu inspiriert? Worauf basiert die Story?

 

Yelin: Die Story basiert auf Fundstücken aus dem Nachlass meiner Großmutter, Briefen und Tagebüchern. Diese zwangen mich dazu, mir die Frage zu stellen, warum sich meine Großmutter in bestimmten Situationen so entschieden hat, wie sie es tat. Allerdings löste sich die Figur der Irmina davon. Mir ging es nicht mehr darum, eine Biographie zu verfassen, sondern um eine Charakterstudie in Form eines (Comic-) Romans, auch mit fiktiven Elementen. Die historischen Hintergründe habe ich aber so gut es ging recherchiert - in Zusammenarbeit mit Alexander.

L.I.S.A.: Wieviel Fiktion steckt in der Geschichte? Gibt es da eine kritische Masse, wieviel Dichtung verträglich ist?

 

Yelin: Mir ging es immer darum, eine mögliche Geschichte zu erzählen. Die Protagonisten einer Geschichte nehmen aber mit dem Zeichnen immer auch eine Eigendynamik auf. Dieser folgen zu können, ist das Privileg des Romanerzählers, das der Biograph nicht hat; ebenso wie die freie Gestaltung der Dramaturgie. Aber viel (Re-)Konstruktion ist ja auch deshalb dabei, weil ich nicht alles herausfinden konnte über die Intentionen der Figuren. Es ist also oft eine Figurenforschung in der Fiktion, vor historischem Hintergrund.

 

L.I.S.A.: Inwiefern eignet sich ein Comic für die Zeit des Nationalsozialismus als Sujet? Oder ist der Nationalsozialismus nur der Hintergrund für ein Einzelschicksal, in dem das Leben Irminas im Vordergrund steht?

 

Yelin: Es war zuerst die Frage nach dem Einzelleben, das mich dann im Prozess auf Wegschauen und Mitverantwortung im Nationalsozialismus zum Hintergrund und Mit-Thema fokussieren hat lassen. Ich begreife den Begriff "Comic" als Medium und nicht als Genre: Der Comic als Form der sequentiellen Bilderzählung kann, meine ich, eigentlich alle Arten und Themen von Geschichten erzählen, wie bei allen anderen Medien kann das gelingen oder nicht.

 

L.I.S.A.: Wie umschifft man die Klippen der Banalisierung und der Fiktionalisierung, wenn es darum geht, den Nationalsozialismus und seine Verbrechen in einem Comic darzustellen? Oder verhält es sich anders: bietet gerade die Visualisierung neue Möglichkeiten einer empathischen Teilnahme?  

 

Yelin: Diese Frage stellt sich natürlich bei jeder Form der Fiktionalisierung mit historischem Hintergrund. Meine Herangehensweise an eine Story ist die der Zeichnung, der Prozess des Zeichnens selbst setzt bei mir einen Denk- , Findungs- und Erforschungsprozess in Gang, einfach dadurch, dass ich Figuren, Bewegungen, Gesichtsausdrücke, Szenerien in allen Ansichten ganz faktisch erzeichnen muss. Ich habe versucht, vor allem den Aspekt des Wegschauens durch die Zeichnungen und den Panel-Rhythmus sichtbar zu machen, ohne ihn mit Worten zu erklären: Mit Anschnitten, Ausschnitten, Auslassungen und dann wieder großen Bilder auf Doppelseiten habe ich versucht, den Kontrast zwischen dem Wahrgenommenen und dem Ausgeblendeten, also dem, was eigentlich passiert, zu zeigen. Die Skizzenhaftigkeit der Zeichnung, die manchmal noch sichtbare Vorzeichnung, zeigen den versuchshaften Charakter der Rekonstruktion, den ich bewusst stehen lasse. Die Zeichnung hat mir auch ermöglicht, das Nicht-Darüber-Sprechen (auch ein Aspekt des Wegschauens), auch die Sprachlosigkeit noch im dritten Teil, "zeigen" zu können, eben indem ich genau keinen Text, keine Erklärung dazu schreibe. Besonders die "Lückenhaftigkeit" des Comics, also die Zwischenräume zwischen den Panels, sind wesentliche Erzählelemente des Comics. Sie können meines Erachtens im besten Falle als Platzhalter nicht nur für Zeitzwischenräume und Handlungszwischenräume, sondern auch für Verdrängtes, Nicht-Ausgesprochenes, dienen, die jeder Betrachter übernimmt und füllt.

L.I.S.A.: Wählt man bei der Produktion eines Comics wie Irmina einen bestimmten Zeichenstil und eine spezielle Farbpalette aus? In Ihrem Comic fällt auf, dass auf einigen Seiten die insgesamt graue Farbanmutung durchbrochen wird, unter anderem in einer Passage durch ein dominantes Rot. Was steckt dahinter?  

 

Yelin: Die Farbwahl passiert ebenfalls im Prozess. Zu Beginn der Geschichte sind die Farben viel heller, die Weißräume größer. Mit fortschreitender Verengung ihres Blicks und des Umfelds wird die Farbigkeit deutlich dunkler und die Panelrahmen enger. Ich versuche, durch Skizzieren, Storyboards, Ausprobieren herauszufinden, wie ich durch das Bild erzählen kann, ohne mit Text zu erklären. Das Ergebnis war auch ein Wechsel der Akzentfarbe in den drei Comic-Teilen. Wo das Hellblau im ersten Teil noch für eine Suche nach der Freiheit gelesen werden kann, signalisiert ein aggressives Rot im zweiten Teil die Zeichen des Nationalsozialismus mit Flaggen und Propagandaplakaten, ansonsten wird darin alles grauer, dunkler, enger. Erst im dritten Teil, der in den 1980er Jahren spielt, gibt es in den Zeichnungen wieder Weißräume und ein türkisgrün, das für mich eine Farbe der 1980er Jahre ist, mit der ich aber auch Himmel und Meer in Barbados gut darstellen konnte.

 

L.I.S.A.: Wie sah die Zusammenarbeit zwischen Ihnen aus, zwischen Künstlerin und Wissenschaftler? Ist man da immer einer Meinung? Wer muss mehr Kompromisse machen: die Wissenschaft oder die Kunst?  

 

Yelin: Ich habe zunächst recherchiert und gezeichnet und dann immer mit einem neuen Abschnitt Alexander um Faktencheck und seine Meinung gebeten. Zwischendrin durfte ich mich auch immer mit Fragen an ihn wenden, zu historischem Bildmaterial, zu Fragen über den Alltag im Nationalsozialismus. Sein Buch Die Reaktion der Bevölkerung auf die Novemberpogrome 1938 war sehr wichtig für mich. Das Gespräch mit ihm war für mich enorm wertvoll und Erkenntnisgewinn. Konflikte? Nein, eigentlich nicht.  

 

Prof. Korb: Mein Eindruck war, dass ich Barbara in einem Weg bestärken konnte, den sie ohnehin schon beschritten hatte, nämlich die Ambivalenzen herauszustreichen und die Dichotomie zwischen Gut und Böse ein wenig zu verwischen. Das wissenschaftliche Plazet war für Barbara vermutlich eine Ermutigung, und hat vielleicht auch dem Verlag der Graphic Novel seine Angst genommen, einen „Holocaustcomic“ zu bringen und sich damit in die Nesseln zu setzen.  

L.I.S.A.: In Deutschland gibt es derzeit starke narrative Tendenzen, auch die Deutschen als Opfer des Nationalsozialismus, als Opfer einer verbrecherischen Clique, darzustellen, so wie beispielsweise in "Unsere Mütter, unsere Väter". Wo ist da Irmina zu verorten? Ist sie auch ein Opfer des Nationalsozialismus, wenn man an ihre Zeit in England, an ihre unerfüllte Liebe zu Howard, an ihre Verrohung zurück in Deutschland denkt? Wie steht es um Identifikation mit der Hauptfigur und um Sympathielenkung?  

 

Prof. Korb: Der SPIEGEL bescheinigte Formaten wie der von Ihnen angesprochenen Fernsehserie, dass sie vor allem die in den 1950ern und 1960ern verbreitete Sehnsucht, die Deutschen als ein Volk von Opfern darzustellen, in ein modernes Gewand übertragen wollen. Yelins Roman unterscheidet sich hier allerdings deutlich.

 

Yelin: Ja, denn zum einem versucht er, ohne Pathos und Wir-Gefühl auszukommen. Obgleich Irmina ein Frauenschicksal erzählt, das es so oder anders hunderttausendfach gegeben hat, wollte ich nicht „unsere“ Irmina zeichnen. Zum anderen ist Irmina kein Opfer. Sie hat in England genug Einsichten in andere Lebensweisen und Freiheitskonzepte bekommen, um besser zu wissen, welche Konsequenzen ihre Rückkehr und Heirat in Deutschland haben würde. Sie interessiert sich aber nicht für Politik, sondern nur in eingeschränkterem Rahmen für ihr eigenes Fortkommen. Dass sie auch immer wieder auf Widerstände und Hindernisse aus Umfeld und Geschichte stößt, würde ihr einen anderen Weg zwar erschweren, aber nicht unmöglich machen. Und das rasche Arrangement und die Hinwendung zum Nationalsozialismus wären damit noch lange nicht zwingend! Das resultiert ja aus ihrem Drang zum gesellschaftlichen Aufstieg, der eben größer ist als ihre anderen Motivationen. Irmina hat in ihrem anfänglichen Freiheitswillen durchaus auch sympathische, moderne Wünsche. Der Leser, der sie anfangs vielleicht noch hoffnungsvoll begleitet, scheitert dann eben auch mit ihr, an den Umständen, aber eben auch an ihrer Entscheidung. Einen schablonenhaften Charakter wollte ich vermeiden.  

 

Prof. Korb: Allerdings möchte ich in den Raum stellen, dass die positive Resonanz auf den Roman vielleicht trotzdem mit dem von Ihnen beschriebenen Trend zu tun haben könnte. Irmina ist zwar kein Unschuldslamm, aber fungiert möglicherweise, gerade weil sie nicht als „Böse“ gezeichnet wird, doch wieder als Projektionsfläche für das „Wir“. Das erinnert mich an Harald Welzers Opa war kein Nazi: Selbst wenn die Enkelgeneration genau Bescheid wusste über den nationalsozialistischen Eifer ihrer eigenen Großeltern, so dichtete man die konkreten Personen doch wieder in Widerstandskämpfer um.  

 

L.I.S.A.: Welche Resonanz haben Sie denn bisher eingefangen? Wie ist das Feedback auf "Irmina"?

 

Yelin: Sehr positiv, alle großen Tageszeitungen haben lobende Rezensionen geschrieben. Die einen beziehen sich dabei auf die Narration, die anderen auf die historische Fragestellung, die dritten auf das Artwork.  

 

Prof. Korb: Ich war sehr beeindruckt von der Resonanz, Irmina wurde in verschiedenen Formaten hoch- und runterbesprochen. Davon kann man als Historiker nur träumen.

 

L.I.S.A.: Herr Professor Korb, Sie haben neben der fachwissenschaftlichen Beratung vor allem durch ein Nachwort zu diesem Comic beigetragen. Was hat Sie dazu bewogen und welcher Punkt ist Ihnen dabei besonders wichtig? 

 

Prof. Korb: Als Historiker habe ich nicht alle Tage die Gelegenheit, an einem Comicroman mitzuwirken, und da ich mich für die Repräsentationen des Holocaust interessiere, war das für mich besonders reizvoll. Ich habe selber zu den Reaktionen der deutschen Bevölkerung auf die Judenverfolgung geforscht und habe sofort ja gesagt, als Barbara mich um Rat gefragt hat. Meine Aufgabe fiel dann kleiner aus als erwartet, weil sie bereits selbst in beeindruckend genauer Weise recherchiert hatte. Mir war es vor allem wichtig, dass auf allen Erzählebenen der Geschichte eine Vielzahl von möglichen Reaktionen auf das Zeitgeschehen abgebildet wird, sei es im London der frühen 1930er Jahre, sei es im Berlin unter der Herrschaft der Nazis. Und dies deckte sich perfekt mit Barbaras Vorstellungen und der Art, wie sie ihre Figuren zeichnete: als vielschichtige Menschen, die sich in der Zeitgeschichte bewegen und die dem Leser und der Leserin eindeutige Identifikation ebenso erschweren wie pauschale Verdammung.

Barbara Yelin und Prof. Dr. Alexander Korb haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Lesungen - Termine

• Am 10.Februar 2014 Comic-Lesung “Irmina” in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz in Stuttgart. Bilderprojektionen und Gespräch mit dem Historiker Alexander Korb, der das Nachwort zum Comic geschrieben hat. Stadtbibliothek am Mailänder Platz, 10.2., 20 Uhr | Café LesBar, Eintritt: EUR 5 | ermäßigt EUR 3. Mehr Informationen hier auf den Seiten der Stadtbibliothek.


• Am 11.Februar 2014 Comic-Lesung “Irmina” im Comic Centrum in Hagen. Comic Centrum, Spinngasse 5, 58095 Hagen. 19 Uhr. Mehr Infos hier.

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