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Georgios Chatzoudis | 15.01.2015 | 2530 Aufrufe | Interviews

"Islamfeindlichkeit hat sich in der Mitte etabliert"

Interview mit Naime Cakir über die Ursachen des Feindbildes Islam

Nach einer aktuellen Studie der Technischen Universität Dresden gehört der durchschnittliche Teilnehmer der sogenannten Pegida-Demonstrationen in der sächsischen Landeshauptstadt, bei der gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes protestiert wird, der Mittelschicht an. Das vorherrschende Motiv sei allerdings nicht Islamfeindlichkeit, sondern eine generelle "Unzufriedenheit mit der Politik". Bleibt natürlich die Frage, warum ausgerechnet das Bild vom Islam als Katalysator für diese Unzufriedenheit offenbar funktioniert. Die Soziologin Dr. Naime Cakir vom Institut für Studien der Kultur und der Religion des Islam an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main forscht zu den Ursachen von Islamfeindlichkeit in Deutschland und hat jüngst dazu eine Studie veröffentlicht. Wir haben ihr unsere Fragen gestellt.

Dr. Naime Cakir, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Postdoktorandin am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Goethe-Universität Frankfurt am Main

"Die Ursachen für Islamfeindlichkeit nicht auf aktuelle Ereignisse reduzieren"

L.I.S.A.: Frau Dr. Cakir, Sie forschen unter anderem zum Islam in Deutschland sowie zu den Themen Islamophobie, Rassismus, Kulturalismus und Ethnizismus. Zuletzt haben Sie einen Band mit dem Thema "Islamfeindlichkeit. Anatomie eines Feindbildes in Deutschland" publiziert. Was hat Sie zu so einem Buch veranlasst?

 

Dr. Cakir: Bereits Anfang der 1990er Jahre haben sich im gesellschaftlichen Diskurs deutlich islamfeindliche Debatten abgezeichnet. Die Brandanschläge in Mölln und Solingen Anfang der 1990er Jahre waren da ein Weckruf für mich. Seit dieser Zeit habe ich mich zunächst als Aktivistin im interreligiösen Dialog und nach dem 11. September als Wissenschaftlerin mit diesem Thema befasst. 

 

L.I.S.A.: Seit wann würden Sie in Deutschland von einer Islamophobie bzw. Islamfeindlichkeit sprechen? Reichen die Wurzeln bis in die Anfänge der Arbeitsmigration in die alte Bundesrepublik zurück? Gibt es möglicherweise historisch begründete Traditionen bzw. Anatgonismen (Abendland vs. Morgenland)? Und welche Bedeutung spielen dabei jüngere Ereignisse der Zeitgeschichte  - 11. September 2001, Al Kaida, Taliban, IS und das Attentat auf Charlie Hebdo?

 

Dr. Cakir: Eine genaue Zeitbestimmung ist hier schwierig, obgleich wir die Anfänge der „modernen“ Islamfeindlichkeit am ehesten im 20. Jahrhundert suchen können. Antiislamische Motive und negative Bilder über den Islam können wir historisch in der mittelalterlichen Auseinandersetzung des Christentums mit dem Islam und später auch im Zuge des Orientalismus im 19. Jahrhundert finden. Allerdings sind der historische und die moderne Form der Islamfeindlichkeit nicht identisch, obgleich auch Gemeinsamkeiten zu finden sind. Beispielsweise rekurrierte die historische Islamfeindlichkeit auf religiös begründete Weltbilder, während die moderne Form der Islamfeindlichkeit antiislamische Vorurteile und Feindbilder als Mechanismen der sozialen Ausgrenzung gegenüber den MigrantInnen nutzt, um insbesondere diejenigen, die bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, an die randständigen Positionen innerhalb der Gesellschaft zu binden. War das historische Thema der Islamfeindlichkeit, den Fremden in der Fremde zu bekämpfen, ist das Thema der modernen Islamfeindlichkeit, den „Fremden“ im Inneren zu bekämpfen. Der Fremde im Inneren erscheint hierbei gefährlicher als der äußere Feind, der durch territoriale Grenzziehungen beherrschbar erscheint, während der Fremde im Inneren sich der Kontrolle jederzeit entziehen kann und somit unberechenbar bleibt. Die moderne Form der Islamfeindlichkeit ist auch eine Reaktion auf die Dauerpräsenz von Muslimen im Zuge der Einwanderungsgeschichte in Deutschland und die damit verbundenen Irritation der Rollen zwischen dem Gast und dem Gastgeber. Die Gäste haben schon längst die ihnen zugewiesene Rolle als Gäste verlassen, die sie in den 1960er und 1970er Jahren auch räumlich in das innere Ausland (Türkenschulen/ Wohnvierteln in randständigen Bezirken oder Hinterhofmoscheen etc.) verwies, die eine Nicht-Beachtung - im Sinne einer „Vergegnung“ - ermöglichte. Wurden sie (auch im eigenen Selbstverständnis) in den ersten zwanzig Jahren der Einwanderung in der Rolle als „Gast“-Arbeiter primär als Hilfsarbeiter wahrgenommen, die Arbeiten zu verrichten hatten, für die nicht genügend Einheimische zur Verfügung standen, um nach verrichteter Arbeit in die Heimatländer zurückzukehren, so haben sich diese Rückkehr-Erwartungen beiderseits nicht erfüllt. Sie sind heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

 

Allen ist nun klar: Die ehemaligen Gastarbeiter haben ihren Lebensmittelpunkt auf Dauer in die Bundesrepublik verlegt und beanspruchen, „Objekt von Verantwortung“ (Bauman) zu sein. Als mündige Bürger dieses Landes beanspruchen sie Rechte und Rollen, die für sie nicht vorgesehen waren. Die Nachkommen der ursprünglich zugewanderten „Gast“-Arbeiter mit entsprechenden Bildungsabschlüssen konkurrieren nun nicht mehr nur mit dem Hilfsarbeiter, sondern mit Angestellten und Beamten. Es bedurfte einer Neujustierung der Rollen innerhalb des Gesellschaftsgefüges, die die Marginalisierung der mittlerweile etablierten Einwanderer weiterhin zu gewährleisten hatte. Im Zuge dessen ist der Islam zum Gegenstand öffentlicher Anerkennungskonflikte geworden. D.h. in der Konkurrenz um die besten Plätze innerhalb der Gesellschaft werden antiislamische Vorurteile und Feindbilder als Ausschließungspraxis eingesetzt, da das Privileg des „Staatsbürgers für die autochthone Gruppe“ nicht mehr greift. Daher ist für mich nicht verwunderlich, dass alle neueren Studien bestätigen, dass islamfeindliche Haltungen und Tendenzen mittlerweile nicht nur am (rechten) Rand der Gesellschaft zu finden sind, sondern sich zunehmend auch in der Mitte etabliert haben, wie wir dies aktuell im Zusammenhang der Pegida-Demonstration sehen.

 

Genau diese Tendenz hat sich bereits in den 1990er Jahren abgezeichnet. Dennoch möchte ich betonen, dass die Ursachen für die Islamfeindlichkeit nicht auf aktuelle Ereignisse der Zeitgeschichte reduziert werden dürfen. Vielmehr haben wir es mit einem Ursachenbündel zu tun. Als einen weiteren markanten Punkt, der der modernen Islamfeindlichkeit Anschub verlieh, können wir das Ende des „Kalten Krieges“ mit dem Schrecken der atomaren Bedrohung und dem Ende der poststalinistischen osteuropäischen Systeme ausmachen. Seither (1989/90) kam dem Islam anstelle des Antikommunismus eine zentrale Feindbildfunktion zu, die offenbar zum Zwecke der Selbstdefinition und Selbstvergewisserung als dialektisches Gegenüber zur eigenen Identitätserfassung existenziell notwendig war und ist. Reinhard Schulze bringt es wunderbar auf den Punkt, wenn er sagt, dass der Islam im Sinne eines ‚gegenaufklärerischen-antimodernen Fundamentalismus’ zur ideologischen und gesamtkulturellen Antithese zum Westen erklärt wurde (Schulze 1991). Diese seither vollzogene „neue Bipolarisierung der Welt“ scheint sich insbesondere seit dem Terroranschlag vom 11. September 2001 mitsamt der seitens der US-Regierung daraufhin betriebenen manichäischen Spaltung der Welt zu bestätigen. Diese ist unter dem Eindruck des potenziellen Bedrohungsszenarios einer so genannten „Achse des Bösen“ von der Mehrheit der europäischen Regierungen zunächst bereitwillig mitgetragen worden.  

"Gegenwärtig ein Prozess der Ethnisierung des Islams"

L.I.S.A.: In Ihrem Buch sprechen Sie davon, dass Fremdheit vor allem konstruiert und durch die Biologisierung des Fremden rassistisch motiviert ist. Was genau meinen Sie damit? Haben Sie einige Beispiele?

 

Dr. Cakir: Mit dem Begriff „Biologisierung“ erinnere ich zunächst an den „wissenschaftlichen Rassismus“ („Rassialisierung“), der in Form eines biologischen Rassismus insbesondere seit Mitte des 19. bis in das 20. Jahrhunderts vorherrschte. Wie kann man sich den vorstellen? Man hat damals mittels anthropologisch-biologischer Hypothesen zum Mensch-Sein versucht, „angeborene Wesensmerkmale“ zwischen den unterschiedlichen Menschengruppen biologisch zu begründen, die zumeist phänotypisch bestimmt und mittels Projektionen mit bestimmten Bedeutungen versehen wurden. Aufgrund dieser mit Bedeutung versehenen, (phänotypischen) Merkmalen (beispielsweise Hautfarbe, Körperwuchs, Form des Schädels und der Nase etc.) wurden dann „die ganz typischen“ Rassenmerkmale und daraus abgeleiteten Verhaltens- und Lebensweisen oder die Intelligenz bzw. Charaktereigenschaften von Menschen (Rassen) bestimmt und damit die Ungleichwertigkeit zwischen Menschen gerechtfertigt und legitimiert. So schaffte man sich mit vermeintlich wissenschaftlicher Grundlage eine Rassen-Hierarchie, und zwar auf Grundlage der „Biologisierung der Differenz“. Zwar ist diese Form des Rassismus inzwischen passé, aber so ganz sind wir trotzdem den Rassismus nicht losgeworden. Heute haben wir es mit einer gewissermaßen ‚modernen’ Form zu tun, die in der Wissenschaft als „Neo-Rassismus“ bezeichnet wird. Das ist im Grunde gesagt ein „Rassismus ohne Rassen“, der natürlich Abstand nimmt von inzwischen als problematisch und als wissenschaftlich unhaltbaren rassenbiologischen Ansätzen. Dieser ‚Neo-Rassismus’ schlägt einen anderen Begründungsweg ein, um Ungleichwertigkeit zwischen den Menschen(-gruppen) zu rechtfertigen und Hierarchien zwischen Menschengruppen zu etablieren und Machtstrukturen zu zementieren.

 

Im Sinne einer Ideologie der Ungleichwertigkeit werden hier dann zur Begründung für Aus- und Einschließungspraktiken unterschiedliche Menschengruppen konstruiert und homogenisiert, deren Lebens- und Verhaltensweisen von ihrer kulturellen bzw. ethnischen Zugehörigkeit determiniert seien und deren Lebensweisen mit „unserer“ Kultur und Lebensweise nicht vereinbar sein sollen. Besonders zeigt sich dies gegenwärtig am Beispiel des Islam, anhand dessen ich den Vorgang der „Ethnisierung des Fremden“ illustriere. Hier wird die grundsätzliche Verschiedenheit zwischen Eigenem und Fremden postuliert, wobei, wie ich aufgezeigt habe, der Terminus ‚Ethnie’ gewissermaßen zunehmend als euphemistischer Ersatz für den kompromittierenden Begriff „Rasse’ steht.

 

Konnte man im Paradigma des biologischen Rassismus auf die unterschiedlichen Phänotypen als unerschütterliche Wahrheit (Evidenz) des Andersseins verweisen, beziehen sich im kulturalistisch-ethnizistischen Paradigma die Belege für die eigene Theorie vor allem auf inakzeptable Verhaltensweisen einzelner, als Muslim identifizierter Personen (wie Gewalt gegen, Frauen und Kinder etc.), oder im gewaltbereiten ideologisch verbrämten Islamverständnis radikaler Gruppen. Die von allen Seiten versicherte Friedfertigkeit der meisten Muslime bleibt aus dieser Logik eine Randnotiz. Vielmehr noch: Während die positiven Beispiele einzelner Muslime individualisiert werden (Du bist ja ganz anders), werden die negativ-Beispiele kollektiviert. Diese rassistische Logik ist deshalb so bestechend, weil sie scheinbar auf „unerschütterliche Wahrheiten“ verweisen kann.

 

Hier wird der jeweilige Mensch aufgrund der ethnisch aufgeladenen Differenzmarkierungen über Herkunft, Sprache, Eigennamen oder Lebensgewohnheiten und Kleidungsstil dem Islam zugeordnet, ganz gleich wie sich die so Gekennzeichneten selbst gegenüber dem Islam positionieren. Das heißt: zur Kennzeichnung einer Menschengruppe (mit Migrationshintergrund) aus islamisch geprägten Herkunftsländern wird nicht mehr auf deren soziale und gesellschaftliche Bezugspunkte rekurriert, sondern anhand von bestimmten sichtbaren Merkmalen in erster Linie auf deren Religion verwiesen. Wir haben es, so gesehen, gegenwärtig mit einem Prozess der „Ethnisierung des Islam“ zu tun. Dieser Prozess der Fremd- und Selbstverortung wurde in Anlehnung an Olivier Roy (2002) als „Neo-Ethnizität“ gefasst und im Zuge weiterführender Analyse der Begriff des „Ethnizismus“ von mir in die Debatte eingeführt.    

 

Von einem solchen Ethnizismus wäre demnach zu sprechen, wenn im Sinne der Neo-Ethnizität sowohl Differenzkonstruktionen vollzogen werden, wie auch eine Semantik der Ungleichheit bzw. der Ungleichwertigkeit mit impliziten Vorurteilen bzw. Ressentiments vorzufinden ist. Die Besonderheit dieses „Ethnizismus“ besteht einerseits darin, in (schein-)humanitärer Absicht - d.h. in scheinbarer Distanzierung zu biologistischen Positionen des wissenschaftlichen Rassismus - die „Anerkennung der Unterschiedlichkeit“ und die „Gleichwertigkeit der Kulturen“ zu betonen. Andererseits wird mit dieser Argumentation „mixophobisch“ vor jeglicher Kulturvermischung bzw. einer potenziellen Auflösung kultureller Distanzen gewarnt. Eine solche Ethnifizierung muss (noch) nicht ideologisch im Sinne einer rassistischen Ideologie fixiert sein. Deshalb war hier zwischen dem „Islambezogenen Ethnizismus“ und einem „Antiislamischen Ethnizismus“ zu unterscheiden.  

 

Der „Islambezogene Ethnizismus“ konstruiert lediglich eine Semantik der Ungleichheit, die sich mit simplifizierenden Vorurteilen (positiv wie negativ) und Typisierungen paart, die aber nicht per se von unkorrigierbaren Vorurteilen und einem geschlossenem Feindbild durchdrungen sind. Ganz im Gegenteil kann hier die Differenzkonstruktion mit der Forderung nach Toleranz einhergehen. Dennoch wird auch hier der jeweilige Mensch mit seiner Lebenswelt, seiner Weltauffassung und seinem Wertebekenntnis primär als Angehöriger der islamischen Religion gesehen, so dass die Religion als Differenzmarker einen Masterstatus bei der Zuweisung von Identität und Zugehörigkeit bekommt, ungeachtet dessen, wie die betroffene Person es mit es mit ihrer Religion hält.

 

Der „Antiislamische Ethnizismus“ schließt an den obigen Begründungszusammenhang an und meint das gesamte Spektrum negativer Einstellungen, das von diskriminierenden Vorurteilen bis hin zu offenen rassistischen Haltungen und Handlungen reichen kann. Er ist durch eine Ideologie der Ungleichwertigkeit mit impliziten unkorrigierbaren Vorurteilen und geschlossenen Feindbildern gekennzeichnet. Mit diesem ethnifizierenden Mechanismus zeigt sich - analog zur „Rassialisierung - ein wesentliches Charakteristikum von biologistischen Rassismen: die Tendenz zur „Entindividualisierung“ und „Entpersonalisierung“ (Bielefeldt 2010).

 

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass nicht jegliche Ethnifizierung - besonders diejenige, die nicht auf einer „Ideologie der Unvereinbarkeit und der Ungleichwertigkeit“ gründet - unmittelbarer ideologischer Ausdruck des Rassismus ist, aber als dessen primäres, vorausgesetztes Konstituierungsmerkmal anzusehen ist, während ein „Anti-islamischer Ethnizismus“ als differenzialistischer Rassismus zu betrachten ist.  

"Im Gewande der Islamfeindlichkeit in die gesellschaftliche Mitte"

L.I.S.A.: Wer sind Initiatoren und Multiplikatoren feindseliger Stimmungen gegen Menschen muslimischen Glaubens? Inwiefern ist Islamfeindlichkeit heute salonfähig und im Mainstream angekommen?  

 

Dr. Cakir: So wie die Ursachen vielfältig sind, so kann es auch unterschiedliche Motive für feindselige Stimmungen unter den Akteuren geben. Die einen wollen das christliche Abendland vor der Islamisierung retten, was auf eine tiefe Verunsicherung hinsichtlich der eigenen Identität und Lebensführung hinweist. Die anderen fühlen sich angesichts globaler Krisen insgesamt bedroht. Ängste, wie Statusverlust und ökonomischer Abstieg, gerade in der bürgerlichen Mitte, wie dies nochmal die kürzlich erschienen „Mitte-Studie“ (Brähler / Decker 2014) an der Universität Leipzig belegt, sind einige von vielen Motiven. Dann gibt es eben auch den dumpfen Rassismus am rechten Rand, den sich Menschen zu Nutze machen möchten, um ihre rassistische Ideologie salonfähig zu machen. So wie es „die Muslime“ nicht gibt, so gibt es auch nicht „den Islamhasser.“ Dennoch gibt es trotz aller Vielfalt und Unterschiedlichkeit gemeinsame Schnittpunkte, die allen gemein sind.  

 

Besorgniserregend finde ich gerade die islamfeindlichen Haltungen und Einstellungen, die aus Teilen der sogenannten gesellschaftlichen Mitte kommt. Also von ganz normalen Menschen, die man weder mit Fremdenfeindlichkeit noch mit Ausländerhass in Verbindung bringen möchte und insbesondere auch deshalb nicht, weil sie scheinbar für humanitäre und demokratische Rechte eintreten. Dies ist jedoch ein Trugschluss, weil sie durch antiislamische Haltungen Menschen zu muslimfeindlichen Handlungen ermutigen und insgesamt menschenfeindliche Einstellungen im Gewande der Islamfeindlichkeit in die gesellschaftliche Mitte tragen. Beispielsweise werden das Recht auf Asyl und auf Religionsfreiheit, die zu den Grund- und Menschenrechten gehören, von ihnen für bestimmte Gruppen zu Disposition gestellt.

 

Trotzdem denke ich, dass ein Großteil der Pegida-Demonstranten innerhalb des antiislamischen Spektrums politischen Konzepten und vernünftigen Argumenten eher zugänglich ist und deshalb auch gesellschaftlicher und politischer Aufmerksamkeit bedarf. Um mit Erklärungsansätzen aus meinem Buch zu sprechen: Wir haben es bei ihnen wohl mit Menschen zu tun, die im Zuge eines auf den Islam bezogenen Ethnizismus Ängsten und Vorurteilen aufsitzen, aber wohl mehrheitlich (noch) nicht von einer Ideologie der Ungleichwertigkeit oder von einem geschlossenem Feindbild gegenüber dem Islam durchdrungen sind.

"Die Islamfeindlichkeitsdebatte losgelöst von islamischen Quellen führen"

L.I.S.A.: In der Debatte über den Islam in Deutschland herrscht ein großes begriffliches Sammelsurium, das von Muslimen, Moslems über Scharia, Dschihad bis zu Islamismus oder Salafisten reicht. Die meisten Begriffe sind pejorativ besetzt. Bezeichnend für unseren aktuellen Diskurs?

 

Dr. Cakir: Die Begriffe Scharia und Dschihad werden oft als Kampfbegriffe in der Abwehr einer angeblichen „Islamisierung“ eingesetzt. Beide Begriffe werden auf eine fundamentalistische Bedeutung reduziert und sollen, subtil oder offen, grausame Bilder vom Islam, der barbarisch, und unvereinbar mit demokratischem Werten erscheinen soll, transportieren. Offensichtlich werden Muslime und Islam heutzutage besonders dann Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit, wenn negative Ereignisse zu vermelden sind, unabhängig davon, ob diese Ereignisse tatsächlich oder vermeintlich mit dem Islam in Verbindung stehen. Daneben gibt es Terror-Organisationen und muslimische Randgruppen, die diese Bilder vom Islam bestätigen. Gegen die Grausamkeit von terroristischen Attentaten und Übermacht der Bilder ist schwer anzukämpfen, so dass der Islam als Religion aus dieser Perspektive als besonders grausam diskreditiert wird.

 

Eine differenzierte Herangehensweise an den Koran, die die große Geisteisgeschichte des Islam und die Auslegungstradition des Koran berücksichtigt, findet, wenn überhaupt, in akademischen Zirkeln statt. Ich vertrete den Standpunkt, dass wir die Islamfeindlichkeitsdebatte von den islamischen Quellen trennen sollen. Selbst ein empathischer Zugang zu islamischen Quellen im Sinne des „Fremd-Verstehens in guter Absicht“, wie dies oft nicht nur in interreligiösen und interkulturellen „Dialog“-Foren praktiziert wird, haben nämlich in ihren Konzepten Differenzkonstruktionen zwischen dem Eigenem und dem Anderen zur Grundlage. Davon ausgehend wird damit die fremde in Abgrenzung zur eigenen als adäquat empfundene Weltdeutung zu erfassen versucht. So bleibt der Islam - auch in seiner positiven Markierung - im Sinne des „Anderen des Eigenen“ stets das Fremde, womit hier der islambezogene Ethnizismus angesprochen wäre.

 

Möchten wir beispielsweise über den Islam aufklären, um Vorurteile und Feindbilder gegenüber dem Islam abzubauen, indem wir dann islamische Glaubensquellen heranziehen, so wird der Koran zwangläufig Gegenstand der Diskussionen, womit wir nicht nur zur Islamisierung der Debatten beitragen, sondern auch „neue Islam-Experten“ auf die Agenda rufen. Sie können dann immer wieder Scheinkausalität zwischen dem islamischen Glauben und dem Verhalten einzelner Personen herstellen. Ich möchte dies an einem Beispiel verdeutlichen: Wenn beispielsweise von kritischen Stimmen die Unterdrückung der Frau aus dem Koran abgeleitet wird, reagieren Muslime darauf mit Versen aus dem Koran, um diese Behauptung zu widerlegen. Somit bleiben sie im Muster derjenigen verhaftet, die sie kritisieren, weil sie ebenso Verhaltensweisen einzelner mit dem Koran wiederlegen wollen und dabei in ihren Konzepten eben dieselben Differenzkonstruktion zur Grundlage haben. Das heißt, die einen bringen einen Vers ein, um etwas zu belegen und die anderen zitieren weitere Verse, um die Argumentation zu widerlegen. Dabei wird aber übersehen, dass dieser Umgang die antiislamischen Stereotypen und Muster verstärken, weil der Blickwinkel zum Thema reduziert bleibt und die eigentlichen Ursachen und Funktionen solcher antiislamischen Stereotypen nicht erkannt und damit auch nicht bekämpft werden können. Zudem verhindert diese Sicht auch eine konstruktive Auseinandersetzung mit manch ernstzunehmender Kritik. Folglich muss meines Erachtens die Integrationsdebatte von der Islamdebatte und die Islamfeindlichkeitsdebatte von islamischen Quellen losgelöst werden, wie beispielsweise auch die Antisemitismus-Debatte losgelöst von jüdischen Glaubensinhalten diskutiert wird. Die Engführung der Debatten auf „den Islam“ steht der individuellen Verhaltens- und Glaubensäußerung von Menschen muslimischen Glaubens im Wege und überlässt die Heterogenität dieser Religion dem alltagstheoretischen Be- bzw. Entwertungsmaßstab von mehr oder weniger dazu berufenen, bzw. sich dazu berufen fühlenden KritikerInnen auf der einen Seite und selbstberufenen muslimischen Predigern auf der anderen.

 

Demgegenüber sind hier vielmehr die Bedingungen und Voraussetzungen zu analysieren, die die Menschen in kulturellen, ethnischen, religiösen Kategorien denken lassen und so entlang dieser Kategorien Differenzlinien zwischen „ihnen“ und „uns“ aufbauen. Diese wirkt spaltend und kann die bis hin zur Feindschaft gegenüber „dem Islam“ bzw. zu dessen Verherrlichung mit Anfeindungen gegenüber Andersgläubigen reichen. Wenn jemand seine Position mit einem Vers aus dem Koran bestätigen will, wird er dies können. Das heißt mit dem Koran in der Hand können wir uns leidenschaftlich für Humanität und Menschenrechte einsetzen, ebenso können andere den Koran missbräuchlich für Tod und Zerstörung instrumentalisieren, wie dies am Beispiel der IS zu sehen ist. Das Letztere ist eine schreckliche und traurige Realität, der sich Muslime weltweit stellen müssen.  

Frau Dr. Naime Cakir hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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