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Björn Schmidt | 29.12.2015 | 507 Aufrufe | Interviews

"Jüdische Geschichte stärker digital vernetzen"

Interview mit Thomas Fache und Dr. Anna Menny zur Digitialisierung jüdischer Geschichte

In seiner jüngsten Ausgabe hat sich das Online-Periodikum "Medaon – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung" mit der Bedeutung der Digitalisierung für die jüdische Geschichte beschäftigt. Dies haben wir zum Anlass genommen, uns mit den Autoren Thomas Fache und Dr. Anna Menny über "Medaon" insgesamt und die in der Schwerpunkt-Ausgabe aufgeworfenen Fragen zur Digitalisierung zu unterhalten. Welche spezifische Möglichkeiten bietet das digitale Zeitalter in Hinblick auf die Erforschung jüdischer Geschichte? Welche Themen und Zugänge werden ermöglicht? Wie funktioniert die Vernetzung? Und welche Rolle spielt das Online-Magazin "Medaon" dabei?

"Einzelbeiträge zu jüdischer Geschichte und Gegenwart im europäischen Kontext"

L.I.S.A.: Herr Fache, Sie gehören zur Zentralredaktion des Online-Magazins "Medaon. Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung". Bevor wir inhaltlich auf das Portal zu sprechen kommen, was verbirgt sich hinter dem Namen "Medaon"?

 

Fache: Als die Gründungsredaktion über einen Namen für das neue Projekt nachdachte, fand sich schnell der Ansatz, die grundlegenden Ansprüche bzw. Charakteristika der Zeitschrift in einem Wort oder einer Wortkomposition darzustellen und dafür auf die hebräische Sprache zurückzugreifen: Die Zeitschrift („Iton“) sollte mittels Beiträgen sowohl Ansichten („Dea“) als auch Informationen („Meda“) aus der Wissenschaft („Mada“) präsentieren.     

 

L.I.S.A.: Der Untertitel deutet schon die thematische Ausrichtung des Portals an. Könnten Sie uns das Konzept noch etwas näher erläutern? Worum geht es genau? Wann und wie ist die Internetplattform entstanden? An wen richtet Sie sich?

 

Fache: Die erste Ausgabe von Medaon erschien im Herbst 2007, die ersten Diskussionen zur Konzeption der Onlinezeitschrift wurden aber bereits 2005 in Dresden bei und im Umfeld der Trägerinstitution, HATiKVA e.V. – Bildungs- und Begegnungsstätte für Jüdische Geschichte und Kultur Sachsen, geführt. Das Vorhaben war zunächst – man erkennt dies mit Blick auf das erste Inhaltsverzeichnis – ganz auf deren regionalen Wirkungsbereich bestimmt und fokussierte auf jüdische Geschichte und Kultur in Sachsen. Zwar ist damit immer noch ein ganz zentraler inhaltlicher Schwerpunkt beschrieben, aber im Verlauf der weiteren Ausgaben und mit der Entwicklung einer größeren Redaktion erweiterten wir das Blickfeld. Heute können wir sagen, dass bei Medaon Einzelbeiträge zu jüdischer Geschichte und Gegenwart im europäischen Kontext erscheinen, deren AutorInnen vornehmlich aus dem akademischen Kontext stammen. Wir halten die Zeitschrift dabei offen für erfahrene KollegInnen, dezidierter Anspruch ist es aber auch, der jüngeren Forschungsgeneration Zugänge zu bieten, sei es als AutorInnen, sei es in der redaktionellen Mitarbeit oder im Rahmen erster Gutachtertätigkeiten. Ebenso wertschätzen wir die unermüdlichen ForscherInnen aus dem nichtakademischen Umfeld, die v. a. in der Lokal- und Regionalgeschichte meist ehrenamtlich aktiv sind, und ermöglichen diesen, ihre Ergebnisse einer breiteren Leserschaft vorzustellen. Auf inhaltlicher Ebene sind für uns Fragestellungen und Diskussionen zur (pädagogischen) Vermittlung in schulischen und außerschulischen Bildungskontexten sehr wichtig. Dies drückt sich ja im Untertitel, aber auch in der spezifisch zugeschnittenen Rubrik „Bildung“ deutlich aus. Beides, auch als dem wissenschaftlichen Diskurs verpflichtetes Periodikum den sogenannten HeimatforscherInnen weiter offenzustehen und die hohe Relevanz der pädagogischen Fachdiskussion für uns, kennzeichnet sicher am stärksten den Entstehungskontext bei der regional orientierten Forschungs- und Bildungsstätte HATiKVA. Wir möchten mit Medaon den Fachdiskurs mitgestalten und richten uns dementsprechend in erster Linie an eine wissenschaftliche Leserschaft, erhoffen uns aber auch wiederum durch entsprechende inhaltliche und textliche Gestaltung die Interessierten im nichtakademischen Umfeld zu erreichen. Aufmerksamkeit gibt es aber auch von unerwarteter Seite, wenn etwa Nachkommen jüdischer Emigranten bspw. in Südamerika sich bei uns für biografische Hinweise von Familienmitgliedern bedanken. Dies verweist nicht zuletzt auch auf unseren Anspruch, mit einem kostenfreien und technisch möglichst leicht zugänglichen Onlineangebot unkompliziert unsere Inhalte mit großer Reichweite zu präsentieren.

"Die Chance einer virtuellen (Wieder-)Zusammenführung historischer Quellen"

L.I.S.A.: Kürzlich erschien die neue Ausgabe, die sich dem Schwerpunkt "Jüdische Geschichte digital" widmet, die Medaon zusammen mit dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg und dem Netzwerk Jüdische Geschichte digital der AG Digitale Geschichtswissenschaft im Historikerverband herausgibt. Welche Chancen und Herausforderungen kommen im Zuge der Digitalisierung auf die Erforschung jüdischer Geschichte zu? Welche Themen können neu und zusätzlich erschlossen werden? Haben Sie einige Beispiele für uns?  

 

Fache: Für uns als Redaktion war es schon länger geboten, das Augenmerk auf einzelne, thematisch relevante Onlineangebote zu richten und dementsprechende Beiträge einzuwerben. Letztlich blieb die Zahl dieser Texte niedrig, die darin aufgeworfenen Perspektiven unterstrichen für uns aber die Relevanz dieser Fragestellungen, sodass wir 2013 redaktionsintern beschlossen, dem ganzen Themenfeld künftig ein stärkeres Gewicht zu geben. Dass das Institut für die Geschichte der deutschen Juden just im selben Jahr mit der Fachtagung „Jüdische Geschichte digital“ auf das Thema aufmerksam machte, war für uns dann ein glücklicher Umstand. Und noch vielmehr natürlich, dass das Institut unser Angebot zur Zusammenarbeit annahm und wir gemeinsam die vorliegende Schwerpunktausgabe konzipierten und umsetzten.      

 

Dr. Menny: Die Auswirkungen der Digitalisierung für das Fach Jüdische Geschichte lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt ebenso wenig absehen wie die für die Geschichtswissenschaft im Allgemeinen. Dennoch gibt es einige Besonderheiten, verwiesen sei hier etwa auf den Umstand, dass die Quellen zur (deutsch-)jüdischen Geschichte an den verschiedensten Orten in der ganzen Welt bewahrt werden. Digitalisierungsprojekte bedeuten vor diesem Hintergrund die Chance einer virtuellen (Wieder-)Zusammenführung. Mit der leichteren Verfügbarkeit immer größerer Mengen an Quellenmaterial können transnationale, vergleichende, aber auch quantitativ ausgerichtete Studien angeregt werden. Allerdings darf die (Massen-)Digitalisierung nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bestände der jüdischen Gemeinden aufgrund von Verfolgung, Vernichtung und Zerstörung oftmals große Lücken aufweisen. Diese Lücken auch digital „abzubilden“ stellt vielleicht eine besondere Herausforderung dar.

"Digitale Werkzeuge erlauben mitunter andere Fragestellungen als bisher"

L.I.S.A.: Jüdische Geschichte ist auch die Geschichte der jüdischen Diaspora bzw. der Multilingualität jüdischer Geschichte und Kultur. Was kann die Digitalisierung mit Blick auf die Mehrsprachigkeit des Quellenmaterials zur jüdischen Geschichte leisten?  

 

Dr. Menny: Die Mehrsprachigkeit und Mehrschriftlichkeit der Quellen bedeuten mit Sicherheit eine besondere Herausforderung an die technische Umsetzung bei Digitalisierungsvorhaben. Gleichzeitig bieten Möglichkeiten zum kollaborativen Arbeiten auf Online-Plattformen neue Chancen zur gemeinsamen Übersetzung oder Annotation von Dokumenten. Mehrsprachige Angebote sind angesichts der globalen Ausrichtung von Online-Projekten und der international vernetzten Forschungscommunity gerade im Bereich der jüdischen Geschichte von großer Bedeutung.

 

L.I.S.A.: Im Zuge des digitalen Wandels haben sich die Kommunikationsformen im Netz drastisch erweitert. Was bedeutet das für ein Online-Portal mit dem Schwerpunkt "Jüdisches Leben"? Welches Feedback erhalten Sie in der Redaktion? Wie gehen Sie mit Kommentaren um? Und, Frau Dr. Menny, welche Rolle spielt die Digitalisierung für Forschungsinstitute bzw. für die Geschichtswissenschaft im Allgemeinen?

 

Fache: Ich denke, dass hier der Aspekt der hohen Sichtbarkeit durch weltweit möglichen Zugriff auf unser Angebot und der leichten Ansprechbarkeit von allerorten via E-Mail zentral ist: KollegInnen weltweit greifen auf publizierte Beiträge zu, KollegInnen aus ganz unterschiedlichen Regionen und Ländern bieten Beiträge an bzw. reichen diese ein. Oder Nachfahren exilierter Verfolgter des Nationalsozialismus, die etwa in Südamerika leben, nehmen Texte mit für sie relevanten Hinweisen zu den Biographien ihrer Familienmitglieder wahr, sprechen uns an und wir vermitteln bestenfalls weiterführende Kontakte. Und wir als Redaktion wiederum nutzen Angebote u.a. wie das Portal L.I.S.A. oder Mailinglisten, um unsere Ausgaben zu bewerben. Auf der anderen Seite verhält es sich jedoch so, dass wir als Redaktion einige technische Möglichkeiten oder solche der kollaborativen Zusammenarbeit bzw. redaktionellen Arbeit am Text nicht ausreizen und orientieren uns in der eigenen Zeitschrift eher an einer klassischen Diskursgestaltung über verschiedene Einzelausgaben hinweg. Kommentaroptionen bspw. bieten wir nicht, diskutieren Rückmeldungen im direkten Austausch bzw. regen zu Repliken oder weiterführenden Beiträgen an. Auch stehen viele Redaktionsmitglieder einigen Entwicklungen eher skeptisch gegenüber, hier könnten bspw. – bei allen auch uns bekannten Problemen von geschlossenen Verfahren – open peer review-Ansätze genannt werden. Nicht alleinig entscheidend, aber auch mit ausschlaggebend für die Zurückhaltung gegenüber solchen und anderen Fortentwicklungen ist bei einem ehrenamtlich umgesetzten Projekt wie Medaon auch der Faktor Zeit; gegen bestimmte Optionen entscheiden wir uns auch ganz pragmatisch, weil wir einen noch höheren und nicht zu bewältigenden Betreuungsaufwand des Online-Auftritts vermuten.

 

Dr. Menny: Einige Punkte habe ich bereits angedeutet. Ich denke, es müssen verschiedene Bedeutungsebenen unterschieden werden: Für den einzelnen Forscher oder die einzelne Forscherin bieten online bereitstehende Angebote einen Service, in erster Linie einen leichteren Zugang zu Informationen und/oder Quellen, ggf. aber auch Möglichkeiten zur Vernetzung oder zum Austausch. Digitale Werkzeuge erlauben neue Zugriffsmöglichkeiten auf das Quellenmaterial, damit können mitunter andere Fragestellungen als bisher untersucht werden. Für Forschungsinstitute bieten Online-Projekte die Möglichkeit, eigene Forschungsergebnisse sichtbarer zu machen und einen größeren Nutzerkreis anzusprechen. Dass diese Projekte in der Regel langfristig angelegt sind, stellt m.E. gleichermaßen eine Chance wie auch eine große Herausforderung dar. Für die Geschichtswissenschaft bedeutet die Digitalisierung – neben den bereits angedeuteten inhaltlichen Impulsen, die mit neuen Analysetools einhergehen können – sowohl eine methodisch-theoretische als auch eine fachlich-disziplinäre Herausforderung. Zum einen muss die historische Arbeitsweise dem Digitalen angepasst werden, Stichwort digitale Quellenkritik, zum anderen muss das Fach neue Kommunikations- und Publikationswege – in Zukunft vielleicht auch verstärkt neue Formen der Zusammenarbeit – erproben und akzeptieren.

"Die Schwerpunkt-Ausgabe soll einen weiterführenden Anstoß geben"

L.I.S.A.: Nach der Veröffentlichung der Schwerpunkt-Ausgabe: Verfolgen Sie die Reflektion des Verhältnisses von der Erforschung jüdischer Geschichte und Digitalisierung weiter? Setzen Sie gar eigene Projekte um?

 

Dr. Menny: Die Schwerpunkt-Ausgabe bildet eine Momentaufnahme in einem Feld, das sich schnell entwickelt und verändert. Wir blicken daher gespannt in die Zukunft. Als Sprecherin des Netzwerks Jüdische Geschichte digital, das innerhalb der AG Digitale Geschichtswissenschaft im Historikerverband gegründet wurde, hoffe ich, dass es uns gelingt, die bestehenden digitalen Projekte im Bereich Jüdische Geschichte noch mehr miteinander zu vernetzen und so den Austausch zwischen den Beteiligten zu stärken. Denn dass es hier noch viel Bedarf zur Verständigung über die spezifischen Herausforderungen im Fach Jüdische Geschichte gibt, zeigt nicht zuletzt unsere Schwerpunkt-Ausgabe. Im Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg wird uns das Thema der Digitalisierung auch in Zukunft weiterbeschäftigen, insbesondere im Rahmen unseres derzeitigen Projektes einer Online-Quellenedition „Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte“, in dem wir uns mit einigen der angesprochenen Aspekte ganz praktisch auseinandersetzen.

 

Fache: Wir von der Redaktion und vom Trägerverein HATiKVA wollen Medaon zuallererst selbstverständlich verstetigen und als möglichst spannendes Forum für ganz unterschiedliche, nicht nur den Aspekt Digitalisierung betreffende fachliche Perspektiven gestalten. Die Zeitschrift hat als eins der wenigen online zugänglichen wissenschaftlichen Periodika mit Schwerpunkt Jüdische Geschichte inzwischen seinen anerkannten Platz in der Fachöffentlichkeit gefunden und es bleibt in vielerlei Hinsicht Anspruch genug, weiter dieses Podium darzustellen. Zum Themenfeld „Jüdische Geschichte und Digitalisierung“ wollen wir unbedingt weiter arbeiten. Wir werden dafür auf dem nächsten Jahrestreffen die Schwerpunkt-Ausgabe u. a. noch einmal dahingehend auswerten, welche Einzelaspekte wir nicht berücksichtigen konnten, welche dezidierten Anregungen es gab und vielleicht in Folge der Veröffentlichung als Reaktion geben wird. Wie oben angedeutet war es erklärtes Ziel, uns mit der Schwerpunkt-Ausgabe tiefergehend mit der Entwicklung zu befassen und möglichst einen weiterführenden Anstoß zu geben, dann aber auch den Fachdiskurs aktiv weiter mitzugestalten. Wir werden daher natürlich neugierig kommende Online-Angebote der KollegInnen beobachten und möglichst zeitnah reflektieren, dafür freuen wir uns auf den regen Austausch mit den AutorInnen zur Gestaltung möglicher Beiträge.

Thomas Fache und Dr. Anna Menny haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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