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Dr. des. Christine Seidel | 09.09.2011 | 1591 Aufrufe

La fortune des „primitifs français“ - ein kurzer Blick in die Bilddatenbanken auf französische Malerei des 15. Jahrhunderts

2004 gab es anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Jahrhundertsausstellung primitifs français (12.04-14.07. 1904 im Pavillon de Marsan und der Bibliothèque nationale) eine Ausstellung im Louvre (Primitifs français. Découvertes et rédecouvertes vom 27.02.-15.05. 2004), deren Ziel es war, die bedeutendsten Werke zusammenzutragen, die 1904 unter der Leitung von Henri Bouchot in Paris versammelt wurden. 2004 standen vor allem die heute sehr viel besser bekannten Maler Enguerrand Quarton, Barthélemy d’Eyck und Jean Poyer mit Hauptwerken der französischen Tafelmalerei des 15. Jahrhunderts im Zentrum der Aufmerksamkeit, für die Ausstellung von 1904 wurden aus nahezu allen französischen Provinzen die Werke zusammengetragen.

Selbst Enguerrand Quartons berühmte Marienkrönung, die ihren leer geräumten Ausstellungsraum in Villeneuve-lès-Avignon (im Musée Pierre de Luxembourg) sonst nie verlässt, hat man 1904 nach Paris geholt und neben dem zweiten Hauptwerk des Malers, der Pietà (heute im Musée du Louvre) präsentieren können, auch wenn beide Werke damals noch nicht als die wichtigsten ein und desselben Malers erkannt waren. So bedeutende Bilder wie die Verkündigung von Barthélemy d’Eyck (die dazugehörigen Flügel sind heute in Brüssel und Rotterdam), die in Aix-en-Provence selbst seit mehreren Jahren in einer etwas dunklen Kirchenkapelle aufbewahrt wird, sind erst 2004 wieder in Paris einem größeren Publikum vorgestellt worden.

 

Im selben Jahr war auch die große Ausstellung Paris 1400. Les arts sous Charles VI (26.03-12.07. 2004 im Musée du Louvre) zu sehen, die eine beeindruckende Materialfülle versammelte, aber – wie der Titel schon verrät – im Kern der reichen Kunstproduktion in der französischen Hauptstadt gewidmet war.

 

Ein Großteil der 1904 vor allem aus der Provinz nach Paris gebrachten Werke sind naturgemäß schnell wieder aus dem Blick der überregionalen Forschung verschwunden; so bahnbrechende Künstler wie Jean Fouquet hat man seit 1904 hingegen nicht mehr losgelassen. Die letzte große Ausstellung zu Fouquet (Jean Fouquet, Peintre et enlumineur du XVe siècle, 25.03.-22.06.2003 in der Bibliothèque nationale, Site Richelieu) hat gezeigt, dass man sich auch unter Kennern noch lange nicht einig über das seit nun mehr als 100 Jahren diskutierten Werks des Malers ist. Das konstante Interesse aber hat sich ausgezahlt, denn nur wenige Werkgruppe sind so gut analysiert und haben auch so viel Kenntnis über Werkstattprozesse geliefert, wie die Handschriften aus dem unmittelbaren Umfeld Fouquets, zu dem es fast keine historischen Quellen gibt (z.B. im Vergleich zu den Werkstätten der Burgunderherzöge in Dijon, die sehr genau z.B. über die Rechnungsbücher konturiert wurden; für die französische Buchmalerei i.A. bleibt der Katalog von Avril und Reynaud von 1993 maßgebend).

 

Die großen Ausstellungen schärfen auch das Interesse für detaillierte Einzelstudien; so haben Millet und Rabel ganz frisch eine umfangreiche Studie zur Schutzmantelmadonna aus dem z.Z. geschlossenen Musee Crozatier vorgelegt, die das ikonografisch anspruchsvolle Werk des frühen 15. Jahrhunderts aus verschiedenen Perspektiven und mithilfe neuester Untersuchungsmethoden präsentiert. Das ist umso erfreulicher, da die im Katalog von 1904 als Nr. 28 aufgelistete Tafel bereits wenige Jahrzehnte nach der großen Ausstellung wieder aus dem Blick der überregionalen Forschung verschwand.

 

An die heute nicht mehr zu erreichende Fülle, die 1904 in Paris zu bestaunen gewesen sein muss, wird in den Vorworten der Ausstellungskataloge (von denen hier nicht alle aufgezählt werden können) oft erinnert; sicher auch mit dem Ziel, sich in der anzustrebenden Nachfolge der wichtigen Arbeit von Bouchot zu verstehen.

 

Einige der so selten zu beschauenden Werke, die sich heute nicht mehr so ohne weiteres in einem Ausstellungsraum zusammenbringen lassen, findet man stattdessen in den zahlreichen Datenbanken (für die frz. Sammlungen v.a. die Verbunddatenbanken Joconde und Enluminures) und Großprojekten wie Europeana und sind – mit einigem know how – für den Benutzer in der Datenbank des Europäischen Bildgedächtnisses sogar auffindbar. Vergleichbar ist die Suche dort vielleicht mit dem Erlebnis der Beistegui-Madonna im Louvre. Weil sie wegen alter Besitzverhältnisse nicht bei der burgundischen und Pariser Malerei um 1400 hängt, sondern im Sammlungskontext neben französischer Malerei von Fragonard bis Meissonier gezeigt wird. Auch Fragen zum Umgang mit dem Medium stellen sich hier auf eine neue, andere Art.

1. Fall: Die Geschichte vom Reichen und vom Armen Lazarus

(Link zur Reproduktion)

 

Wer Panofskys Early Netherlandish Painting aufmerksam liest, wird dort auf die fast vergessene Tafel stoßen, die heute im Depot des Musée de Cluny in Paris lagert. Das Bild stammt aus dem Schloss Ripaille (die Residenz des savoyardischen Herzogs Amadeus VIII. am Genfer See) und gelangte aus der Sammlung Engel-Gros in den Pariser Kunsthandel. Dass die Tafel das Werk einer Pariser Werkstatt der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts sei, glaubt man heute nicht mehr (Grete Ring hat die verschachtelte Architektur der Tafel mit der Frontispiz der Pariser Dialogues de Pierre Salmon (BnF, Ms. fr. 23297) verglichen und sie daraufhin dem Boucicaut-Meister zugeschrieben), für die großen Ausstellungen der letzen Jahre hat man sie allerdings nicht noch einmal genauer angeschaut.

Den roten Fond kennt man eigentlich von dem, was man mit der Malerei aus Geldern verbindet: so z.B. dem Baltimore-Antwerpener Quadriptychon, das schon um 1400 nach Dijon (in die Karthause von Champmol) gelangt sein könnte. Die aufregend ineinander geschobene hell erleuchtete Architektur, die in eigentlich italienischen Raumeinsichten Szenen der Lazarusgeschichte zeigt, kennt Zinnenkranz und Kastenräume, die in perspektivischer Verkürzung von Maßwerkbögen und Metallgittern – bemerkenswert funktional gedacht – eingefasst werden. Italienisch anmutende Profilfiguren in – man könnte meinen – oberrheinischer (?) Gestalt in einem Tafelbild mit der Lazarusgeschichte sind eigentlich so selten, dass eine Revision des nun schon über 60 Jahre alten Forschungsstandes wünschenswert wäre.

2. Fall: Das Jüngste Gericht

(Link zur Reproduktion)

 

Nicht ganz so unbekannt ist die im Depot des Musée des Arts Decoratifs in Paris aufbewahrte Tafel mit dem Jüngsten Gericht, das zuletzt in der Retrospektive Primitifs français. Découvertes et rédecouvertes (vom 27.02.-15.05. 2004 im Louvre und in dem gleichnamigen Katalog unter der Leitung von Dominique Thiebaut (l’École d’Avignon), Philippe Lorenz (Strasbourg 1400) und François-René Martin) besprochen wurde. Die Tafel gilt seit Langem als ein Werk des Dunois-Meisters (nach dem eponymen Stundenbuch des Jean de Dunois, Bâtard d’Orléans in der British Library, Ms. Yates Thompson 3) , der eines der wichtigsten Buchmalerateliers in Paris um die Mitte des 15. Jahrhunderts unterhielt. Die Komposition des Tafelbildes findet sich so relativ genau auch im Sobieski-Stundenbuch (Royal Collection, Windsor Castle), das als ein Werk seines direkten Vorgängers, des Bedford Meisters, gilt. Nur selten lassen sich Buch- und Tafelmalerei vor 1450 aus der französischen Hauptstadt so direkt miteinander verbinden und hiervon ausgehend ließe sich auch ein differenzierterer Blick auf den Umgang mit einem in mehreren Medien arbeitenden Maler und die Methoden seiner Werkstatt entwickeln. (Das weitaus bekanntere Portrait der Familie Jouvenel des Ursins im Pariser Musée de Cluny verbindet man heute ebenfalls mit einem konturierbaren Buchmaler aus etwa derselben Zeit).

3. Fall: Das Retabel von Vivoin

(LInk zur Reproduktion)

 

Sterling und Porcher haben die heute in Le Mans aufbewahrte Tafeln mit einem wichtigen Phänomen der französischen Malerei des 15. Jahrhunderts verknüpft: der Entwicklung von regionalen Schulen während der letzten Phase des Hundertjährigen Krieges, der Okkupation von Paris und der Abwanderung von Malern aus der Hauptstadt in die Provinzen. Für ein reicheres Wissen um die Entwicklung französischer Lokalschulen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die ganz wesentlich über die Buchmalerei konturiert werden, ist Tafelmalerei eine entscheidende Ergänzung; denn in Vivoin kennt man eigentlich keine künstlerische Produktion, auch das nahegelegene Le Mans ist kritisch. Ob die Tafeln nun aus Nantes stammen könnten (König, Französische Buchmalerei um 1450) oder doch aus einem anderen, von Fouqetesken Vorbildern beeinflussten Zentrum stammen, bleibt unklar. In jedem Fall bieten aber auch die Funde in der Handschriftenforschung der letzten Jahre (wie das Lissabonner Stundenbuch der Fondação Gulbenkian, L.A. 135 in Verbindung mit der Tafel der thronenden Maria mit Kind, s. Ausst. Kat. Fouquet 2003) neue Möglichkeiten, immer wieder auch die weniger bekannte Monumentalmalerei auf ihren möglichen Zusammenhang zu überprüfen.

 

 

Immerhin wird die virtuelle Präsenz auch den Blick auf das Original nicht ersetzten können und so bietet die oft noch wenig bearbeitete Fülle der zahlreichen Bilddatenbanken ein ganz erstaunliches Hilfsmittel, das der Methodik zugute kommt. Es ist zu hoffen, dass die in Depots gelagerten Werke, die aus einer kaum dokumentierten Phase künstlerischen Schaffens stammen, dem Benutzer in Vielfalt der Reproduktionen nicht am nächsten bleiben. Für den Kunstwissenschaftler entsteht hier auch ein Dilemma; denn allzu schnell gewöhnt man sich an den Umgang mit der Reproduktion, die als notwendiger Ersatz des Originals den Maßstab setzen kann.

 

 

 

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Ausst.-Kat., Exposition des primitifs français au Palais du Louvre (Pavillon de Marsan) et à la Bibliothèque nationale, hg.v. Henri Bouchot, Paris 1904.

Ausst.-Kat., Les manuscrits à peintures en France du VIIème au XIIème siècle, hg.v. Jean Porcher, Paris 1955.

Ausst. Kat., Les manuscrits à peintures en France. 1440-1520, hg.v. François Avril und Nicole Reynaud, Paris 1993.

F. Elsig, La peinture en France au XVe siècle, Mailand 2004.

E. König, Buchmalerei um 1450. Der Jouvenel-Maler, der Maler des Genfer Boccaccio und die Anfänge Jean Fouquets, Berlin 1982.

E. Panofsky, Early Netherlandish Painting. Ist origins and character, Cambridge (Mass.) 1953.

K. Perls, "Le tableau de la famille des Juvénal des Ursins au Louvre: le „Maitre de Bedford“ et Haincelin de Hagenau", in: Revue de l‘art ancien et moderne II, 1935, 173-180.

 

G. Ring, „Primitifs français“, in: Gazette des beaux-arts, Bd. 19, 1938, S. 149-169.

G. Ring, A century of French painting. 1400-1500, London 1949.

C. Sterling, La peinture médiévale à Paris. 1300-1500, 2 Bde., Paris 1987 und 1990.

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