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Georgios Chatzoudis | 21.02.2013 | 4614 Aufrufe | Kommentare

Kathedralen des Wissens – Bibliotheken im Internetzeitalter

Ein Rückblick auf "Geisteswissenschaften im Dialog" am 14.02.2013

Das Podium: Dr. Thomas Stäcker, Prof. Dr. Thomas Kaufmann, Prof. Dr. Caroline Y. Robertson-von Trotha, Georgios Chatzoudis (Moderation) und Dr. Michael Kaiser (v.l.n.r.)

Am Valentinstag vor einer Woche debattierten in der ehrwürdigen Paulinerkirche zu Göttingen vier Geisteswissenschaftler über eine besonders alte und besonders innige Liaison: Wissen und Bibliothek. Im Raum stand die Frage nach der Zukunft dieser Beziehung. Wie steht es um Bibliotheken im Internetzeitalter? Brauchen wir diese in großen und oft repräsentativen Gebäuden untergebrachte Institution im digitalen Zeitalter noch? Sind digitale und virtuelle Bibliotheken nicht praktischer, effizienter und kostengünstiger? Lösen sie die klassischen Bibliotheken ab? Oder sind die Bibliotheken so anpassungsfähig, dass sie auch den digitalen Wandel unbeschadet überstehen?

 

Aktuelle Zahlen weisen zumindest darauf hin, dass Bibliotheken von ihrer Attraktivität nichts eingebüßt haben. In Deutschland gibt es derzeit mehr als 8.000 Bibliotheken an fast 12.000 Standorten - darunter mehr als 2.000 öffentliche Bibliotheken, gut 4.000 in kirchlicher Trägerschaft und etwa 250 wissenschaftliche Bibliotheken an Universitäten und Fachhochschulen. Täglich kommen fast 700.000 Besucher in die Bibliotheken - das sind im Jahr mehr als 200 Millionen (zum Vergleich: etwa 150 Millionen Kinobesucher und 100 Millionen Museumbesucher jährlich) -, die pro Jahr rund 470 Millionen Medien entleihen. Kann man angesichts solcher Zahlen noch ernsthaft von einer Krise der klassischen Bibliothek und einem großen Anpassungsdruck an die digitale Welt sprechen?

Über diese und viele andere Fragen haben die Soziologin Prof. Dr. Caroline Y. Robertson-von Trotha vom Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale (ZAK) vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Thomas Kaufmann, der Stellvertretende Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel Dr. Thomas Stäcker und der Historiker Dr. Michael Kaiser von der Max Weber Stiftung diskutiert.

Die Positionen - Prof. Dr. Caroline Y. Robertson-von Trotha

Die Soziologen und Kulturwissenschaftlerin vertrat die Ansicht, dass Bibliotheken mehr seien als nur ein Ort, an dem Bücher entliehen werden. Vielmehr seien Bibliotheken gleich sieben Orte: der Beständigkeit, des Bewahrens, des Fortschreitens, der Medienvielfalt, des Lernens, der Vertrauenswürdigkeit und der Überraschung - nachzulesen in ihrem Statement im anschließenden PDF.

 

Insgesamt machte sich Prof. Dr. Caroline Y. Robertson-von Trotha für eine interdisziplinäre Neuerschließung der Bibliotheken stark, was nicht zuletzt auch eine stärkere Digitalisierung vorhandener und neuer Bestände einschließe. Diese sei aber eher als Herausforderung und nicht so sehr als Krise der klassischen Bibliotheken zu verstehen. Außerdem sei der reale Ort Bibliothek nicht gefährdet, denn Bibliotheken eröffneten soziale Räume, die gerade in Zeiten digitaler Lebensgewohnheiten von großer Bedeutung seien.

Dr. Thomas Stäcker, Prof. Dr. Thomas Kaufmann, Prof. Dr. Caroline Y. Roberston-von Trotha (v.l.n.r.)

PDF (74 KB)

Die Positionen - Prof. Dr. Thomas Kaufmann

Der Kirchenhistoriker bezeichnete sich in der Diskussion selbst als Dinosaurier. Er hegt Zweifel an Sinn und Zweck digitaler Bibliotheksbestände und macht einen oft kopflosen Hype um den digitalen Wandel aus. Konkret kritisierte er, dass bei der Digitalisierung das Vorgehen nicht koordiniert sei und dadurch immense Summen verschwendet würden. Heraus kämen dabei nicht zuletzt zahllose Dubletten. Außerdem befürchtet das Göttinger Akademiemitglied das Verlernen von klassischen Kulturtechniken bei der Erschließung, Aneignung und Vermittlung von Wissen.

 

Kurzum: Digitalisierung von Wissen ist gut und heutzutage auch notwendig, sollte aber maßvoll, mit Verstand und koordiniert eingesetzt werden.

Dr. Thomas Stäcker, Prof. Dr. Thomas Kaufmann, Prof. Dr. Caroline Y. Roberston-von Trotha, Georgios Chatzoudis, Dr. Michael Kaiser (v.l.n.r.)

Die Positionen - Dr. Thomas Stäcker

Der gelernte Bibliothekar und Leiter der Abteilung "Neue Medien/Digitale Bibliothek" in Wolfenbüttel hält Bibliotheken für Garanten der Meinungsfreiheit, lebendige Orte der geistigen Bildung und Gedächtnis unserer kulturellen Identität. Eine Krise mochte er genauso wenig erkennen, wie Prof. Dr. Roberston-von Trotha. Im Gegenteil: Bibliotheken seien nach wie vor die am häufigsten besuchten Kultureinrichtungen. Allerdings hätten sie die Aufgabe, Bestände, Organisationsstrukturen und Personal an den digitalen Wandel anzupassen. Das könne sogar dazu führen, dass Bibliotheksmitarbeiter über Kenntnisse der Informatik verfügen müssen. Ausführlich nachzulesen ist seine Position hier oder auch im anschließenden PDF.

Dr. Thomas Stäcker, Prof. Dr. Thomas Kaufmann, Prof. Dr. Caroline Y. Roberston-von Trotha (v.l.n.r.)

PDF (30 KB)

Die Positionen - Dr. Michael Kaiser

Der Frühneuzeithistoriker von der Max Weber Stiftung schätzt an Bibliotheken insbesondere ihre Bedeutung für die Wissenschaft. Aus dieser Perspektive ist für ihn die Digitalisierung bestehender und neuer Bestände nicht nur ein Vorteil sondern ein großer Segen. Entscheidend sei dabei vor allem die Verfügbarkeit von Wissen - die Zeiten, in denen man ein Buch mühsam per Fernleihe ordern musste oder im Sonderlesesaal alte Druckwerke nur mit Spezialhandschuhen und zu vorgebenenen Zeiten studieren durfte, seien dank der Digitalisierung vorbei. Heute können man jederzeit und von überall her für die Forschung relevante Werke im Netz finden, sie aufrufen, herunterladen und abspeichern. Das sei ein epochaler Fortschritt für die wissenschaftliche Arbeitsweise. Insofern könne heutzutage gar nicht genug digitalisiert werden. Sein vollständiges Statement findet sich hier oder im anschließden PDF.

Dr. Thomas Stäcker, Prof. Dr. Thomas Kaufmann, Prof. Dr. Caroline Y. Roberston-von Trotha, Georgios Chatzoudis, Dr. Michael Kaiser (v.l.n.r.)

Der Videomitschnitt

Die Veranstaltung in voller Länge sehen Sie in Kürze hier in einem Video bei L.I.S.A.

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