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Georgios Chatzoudis | 19.05.2015 | 1021 Aufrufe | Interviews

"Partizipieren, anstatt nur zuzuhören"

Interview mit Janine Noack über Twittern bei History@Debate

Die Veranstaltung von History@Debate zum 8. Mai 1945 wurde über Twitter rege kommentiert und mitgestaltet. Während der 90-minütigen Debatte zwischen Prof. Dr. Paul Nolte und Prof. Dr. Sönke Neitzel erschienen im Kurznachrichtendienst rund 200 Kommentare und Fragen aus der Netzgemeinde, aber auch aus dem Publikum im Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums in Berlin, das die Diskussion vor Ort miterlebte und gleichzeitig twitterte. So auch die Historikerin Janine Noack. Sie promoviert zurzeit als assoziierte Doktorandin am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) zur Computerisierung der Bundeswehr und der NVA und arbeitet am ZZF in der Redaktion von www.zeitgeschichte-online.de mit. Wir wollten von ihr wissen, wie sie History@Debate und den zeitgleichen Einsatz von Twitter erlebt hat und zu welcher Einschätzung sie rückblickend kommt.

Janine Noack, Doktorandin an der Universität Potsdam und am Zentrum für Zeithistorische Forschung zum Thema "Die Computerisierung der Bundeswehr und der NVA von den Anfängen bis in die 1980er Jahre", assoziiert im Projekt "Aufbrüche in die Digitale Gesellschaft.

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"Neue Perspektiven auf eine bestimmte Fragestellung"

L.I.S.A.: Frau Noack, Sie haben im Deutschen Historischen Museum in Berlin die Diskussion von History@Debate zum 8. Mai 1945 verfolgt. Wie hat Ihnen die Debatte gefallen? Hat Sie etwas überrascht? Gab es eine Kontroverse?  

 

Noack: Die Diskussion hat mir gut gefallen, auch wenn keine großen Kontroversen behandelt wurden. Spannend fand ich vor allem das Format. Da es nur kurze einführende Vorträge gab und ansonsten alle Diskussionspunkte in der Runde besprochen wurden, kamen immer wieder neue Perspektiven auf eine bestimmte Fragestellung auf. Besonders spannend fand ich die Frage, wie stark die Erinnerung an den 08.05.1945 tatsächlich im kollektiven Gedächtnis verankert ist. Die Diskussion ergab, dass ein stärkerer Dialog mit einer breiten Öffentlichkeit wichtig ist. „Die Erinnerung an den Krieg müssen wir uns mühsam wieder erarbeiten“, erwähnte Paul Nolte in diesem Kontext. Ebenfalls spannend war die Frage, welche Formen der Geschichtsschreibung für die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg adäquat sind. Sönke Neitzel plädierte an dieser Stelle beispielsweise dafür, nicht nur Musternarrative zu schreiben wie zum Beispiel Tony Judt oder Eric Hobsbawm, sondern auch Widersprüchlichkeiten zuzulassen, Zeitzeugen Raum zu geben und die Geschichtsschreibung nicht national zu verengen.

"Das Ziel, auf Twitter eine Diskussion mit der Community zu beginnen"

L.I.S.A.: Sie haben die Diskussion nicht nur als Zuschauerin erlebt, sondern über Twitter kommentiert und mitgestaltet. Wie viele Tweets haben Sie abgesetzt, und was versuchen Sie mit den Tweets zu erreichen?  

 

Noack: Ich habe ungefähr 35 Tweets an dem Abend versendet, wobei ich dabei nicht dezidiert ein Ziel verfolge. In erster Linie will ich einen noch größeren Mehrwert aus der Veranstaltung ziehen. Ich twittere dabei oft interessante oder besonders kontroverse Punkte der Diskussion mit dem Ziel, auf Twitter eine Diskussion mit der Community zu beginnen. Zuschauer, die nur den Hashtag #historydebate verfolgen, bekommen damit einen Eindruck, welche Punkte der Diskussion die verschiedenen Twitterer besonders interessant oder auch problematisch fanden. Das ist natürlich ein Filter durch unsere Brille, aber auch eine Möglichkeit im Nachhinein einen Überblick über wichtige Thesen zu bekommen. Außerdem macht es mir Spaß zu diskutieren und Fragen zu stellen. Twitter gibt mir also die Möglichkeit direkt zu partizipieren, anstatt nur zuzuhören.  

"Zu einigen Punkten gab es eine Paralleldiskussion"

L.I.S.A.: Wenn Sie die Tweets zur Veranstaltung Revue passieren lassen - wie verlief die Debatte auf Twitter? Was wurde aus dem Podium aufgenommen? Gab es eine Paralleldiskussion?  

 

Noack: Twitter hat den Abend für mich eindeutig positiv ergänzt. Im Twitterfeed wurden Kommentare und Thesen aus dem Podium sofort aufgenommen, kommentiert und weiter diskutiert. Zu einigen Punkten gab es eine Paralleldiskussion, beispielsweise zu der Frage, wie wir als Historiker besser mit der Öffentlichkeit kommunizieren können. Außerdem wurde diskutiert, ob wir wirklich von einer „nationalen Gedenkkultur“ sprechen sollten. Diese Diskussionsstränge wurde sogar nach dem offiziellen Veranstaltungsteil weitergeführt und es haben sich neue Twitterer eingemischt; das ist wirklich eine bereichernde Art der Partizipation. 

"Auf die Diskutanten wirkte das Medium teilweise störend"

L.I.S.A.: Wie haben die Tweets auf Diskussion und Diskutanten im DHM eingewirkt? Konnten sie dem Podium neue Impulse geben? Oder irritieren Tweets eher in so einer Veranstaltung?  

 

Noack: In meinem Gefühl gab es eher eine Paralleldebatte, die keinen großen Einfluss auf die Diskussion hatte. Während der kurzen Pausen hat Twitter aber sicherlich geholfen, die bisherigen Diskussionspunkte zusammenzufassen. Auf die Diskutanten wirkte das Medium wohl teilweise störend, da ein Twitterfeed meiner Meinung nach in seiner Logik und auch in seiner Ironie nicht wahrgenommen werden kann, wenn man nur zufällig einmal darauf schaut und einen oder zwei Tweets liest. Ich schätze, die Diskutanten haben vor allem Fragen vom Twitterpublikum erwartet und keine Paralleldiskussion über die auf dem Podium diskutierten Thesen. 

"In diesem Format mehr Frauen auf dem Podium sehen"

L.I.S.A.: Was würden Sie sich für die nächste Ausgabe von History@Debate wünschen? Was haben Sie vielleicht vermisst?  

 

Noack: Ich würde mich sehr freuen, wenn das Format fortgesetzt wird. Eine zentrale Frage, die ich mir auch während der Diskussion gestellt habe, ist die des zu erreichenden Publikums. Ich empfand die Diskussion über lange Strecken sehr auf HistorikerInnen zugeschnitten. Ich bin mir nicht sicher, ob eine interessierte Öffentlichkeit beispielsweise die ganzen Querverweise auf Forschungsliteratur einordnen könnte. Hier wäre es vielleicht interessant, eine Person mit auf das Podium zu setzen, die nicht jeden Tag mit dem Forschungskontext konfrontiert ist.

 

Weiterhin wäre es schön, auch in diesem Format mehr Frauen auf dem Podium zu sehen. Mit Blick auf die Diskussion wäre es vielleicht interessant zu versuchen, den Moderator zu motivieren, einen stärkeren Fokus auf den Twitterfeed zu legen und während der Diskussionen Anregungen direkt mit aufzunehmen. Dann könnten die Pausen für Fragen aus dem „analogen“ Publikum genutzt werden.

Janine Noack hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Zusätzliche Information

Ihre Eindrücke aus der Veranstaltung History@Debate zum 8. Mai 1945 hat Janine Noack auch in ihrem Blog, janinesblog, zusammengestellt.

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