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Georgios Chatzoudis | 09.06.2015 | 6623 Aufrufe | 5 | Interviews

"Keine Ausweispflicht für den Gebrauch der Meinungsfreiheit"

Interview mit Patrick Bahners über die Debatte um das Blog "Münkler-Watch"

Die Debatte über anonym bloggende Studierende, die Vorlesungen ihres Professors protokollieren und öffentlich kommentieren, ist ruhiger geworden. Für uns ein guter Zeitpunkt, die Diskussion mit einem Teilnehmer der Debatte Revue passieren zu lassen. Der Journalist Patrick Bahners hat in der "Causa Münkler-Watch" gleich zu Beginn in einem Gastbeitrag für de.hypotheses.org Position bezogen. Wir haben ihm nun unsere Fragen gestellt.

Patrick Bahners, Feuilletonkorrespondent der Frankfurter Allgemeine Zeitung in New York

"Der Vorwurf, die Blogger rissen Zitate aus dem Zusammenhang, ist besonders töricht"

L.I.S.A.: Herr Bahners, Sie haben in einem Blogbeitrag bei hypotheses.de eine Lanze für bloggende Studierende gebrochen. Hintergrund ist die Debatte um den Blog „Münkler-Watch“, in dem Studierende der Humboldt-Universität Vorlesungen des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler… ja, was eigentlich? Zitieren, kommentieren, kritisieren, diskreditieren, auseinandernehmen, sich zurechtlegen, aus dem Zusammenhang reißen? Was trifft in Ihren Augen am ehesten zu?  

 

Bahners: Mit einem Wort: Der Blog übt Kritik. So einfach, so banal, so legitim ist das. Das Format lässt sich umschreiben als fortlaufender Kommentar, als Rezension in Fortsetzungen. An allerlei formalen Unebenheiten erkennt man freilich, dass es sich um einen Gebrauchstext aus dem akademischen Unterricht handelt, um selbstgemachtes Arbeitsmaterial für diesen Unterricht. Nach all der Aufregung muss man zunächst einmal das Unspektakuläre der Sache betonen. Teilnehmer der Vorlesung „Politische Theorie und Ideengeschichte“ von Professor Herfried Münkler schreiben mit und erstellen nach jeder Stunde eine Zusammenfassung des Gesagten, angereichert mit eigenen Beobachtungen und Einwänden. Was tun sie also? Sie protokollieren die Vorlesung. Das Vorlesungsprotokoll ist vertraut als Leistungsnachweis beziehungsweise Beschäftigungsprogramm. Eine typische Anfängeraufgabe. Münklers Vorlesung ist eine Pflichtveranstaltung für Studenten des zweiten Semesters.

 

Die wissenschaftliche Gebrauchstextgattung der Bibliographie gibt es in der Variante der räsonnierenden Bibliographie: Die aufgelisteten Literaturtitel werden um mehr oder weniger subjektive Hinweise zur Brauchbarkeit der Bücher ersetzt, etwa bei den Historikern Hans-Ulrich Wehler und Thomas Nipperdey in den Literaturverzeichnissen ihrer konkurrierenden Deutschen Geschichten aus dem Beck-Verlag. So ergeben die Folgen von Münkler-Watch ein räsonnierendes Protokoll. Die Form des Protokolls wird dabei durch das Räsonnement nicht gesprengt: Alle Kritikpunkte werden mit Zitaten aus der Vorlesung belegt, auch die Verweise auf andere Äußerungen Münklers sind mit Nachweisen versehen.

 

Es ist sehr viel Abwegiges über Münkler-Watch gesagt und geschrieben worden. Der Vorwurf, die Blogger rissen Zitate aus dem Zusammenhang, ist besonders töricht. Erstens ist Zitieren per definitionem Aus-dem-Zusammenhang-Reißen. Und zweitens bekommt man bei Münkler-Watch eine gute Vorstellung vom Gedankengang der jeweiligen Vorlesungsstunde. Der Duktus des Blogs ist beflissen, streckenweise zäh, wie es zur Gattung des Protokolls gehört. Münkler hat den Verdacht geäußert, die Blogger seien politische Aktivisten, die sich als Studenten getarnt hätten. Diese Camouflage-Hypothese könnte nur zutreffen, wenn die Blogger auch den ganzen Apparat einer studentischen Arbeitsgruppe simuliert hätten, dessen Monate vor Münkler-Watch einsetzende Tätigkeit auf derselben Internetseite dokumentiert ist. Zum state of the art der politischen Ideengeschichte gehört heute die Untersuchung von Kontexten und Redesituationen. Auf die einschlägigen Forschungen der Schule von Cambridge hat Münkler in der Vorlesung Bezug genommen. Mit seiner Tarnkappen-These hat Münkler kein gutes Beispiel seiner hermeneutischen Fähigkeiten geboten.

 

Erst recht gilt das für die Zusatzthese der trotzkistischen Autorschaft. Es fehlt bei Münkler-Watch jede Spur einer marxistischen Klassenanalyse, wie ein Kommentator im Kommentarbereich des Blogs mit Recht angemerkt hat. Die Autoren nennen den Blog ein Projekt. Sie verfolgen eine Absicht, die sie in der schriftlichen Projektvorstellung auf ihrer Internetseite erläutert haben. Herfried Münkler nehmen sie als einen Denker wahr, der eine besondere Nähe zu den Herrschenden kultiviert, daher wollen sie an seiner Grundlagenvorlesung Strukturen des herrschenden Denkens aufweisen. Sie suchen die politische Auseinandersetzung mit Münkler. In einer Veranstaltung des Studiums der Politischen Wissenschaft kann ein solcher Ansatz nicht als sachfremd abgetan werden. Vielleicht trifft man die Eigenart der unter dem Rubrum Münkler-Watch publizierten Texte am besten, wenn man sie als polemisches Protokoll bezeichnet.

"Es gibt keine Ausweispflicht für den Gebrauch der Meinungsfreiheit"
"Das Schreiben ist Ausfluss von Diskussionen"

L.I.S.A.: Die Reaktionen auf „Münkler-Watch“ in den Medien sind überwiegend negativ. Den bloggenden Studierenden wird vor allem vorgeworfen, anonym zu agieren. Sie hingegen verteidigen diese Vorgehensweise und bezeichnen sie als legitim. Warum? Gibt es an Universitäten für offen ausgesprochene Kritik keinen anderen Raum mehr als den eines anonym geführten Blogs? Anders gefragt: Hätten die Studierenden auch einen anderen Weg wählen können beziehungsweise sollen, um ihren Unmut zu äußern?

 

Bahners: Die Unzulässigkeit anonymer Meinungsäußerungen in der Hochschulöffentlichkeit wird in den meisten Pressekommentaren vorausgesetzt und gar nicht erst begründet. Aus dieser Gedankenlosigkeit speist sich die Empörung. Kurzes Nachdenken, wenigstens ein Blick ins Geschichtsbuch, würde das Fieber sofort abklingen lassen. Es ist vielleicht nicht verwunderlich, dass die Verteidiger Münklers das prächtige Wort von Eduard Gans gegen das „Banditenwesen der Anonymität“ noch nicht zitiert haben. Denn es liegt ja auf der Hand, dass der Jurist Gans, Professor in Berlin und Mitbegründer der hegelianischen „Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik“, gegen eine Üblichkeit des wissenschaftlichen Publikationswesens seiner Zeit polemisierte.

 

Der Präsident der Humboldt-Universität, Jan-Hendrik-Olbertz, hat den Bloggern im Deutschlandfunk einen Verstoß gegen „die guten Regeln wissenschaftlicher Praxis“ vorgeworfen und in einem Artikel in der „Berliner Zeitung“ raunend die Frage gestellt, ob womöglich „das Zeitalter der Aufklärung vorbei“ sei, wenn „bisherige Regeln des wissenschaftlichen Austausches“ nicht mehr gelten sollten. In der Zeit, als Wilhelm von Humboldt die heute nach ihm und seinem Bruder benannte Universität gründete, waren sowohl anonyme als auch namentlich gezeichnete Rezensionen normal, wobei die Regeln von Zeitschrift für Zeitschrift unterschiedlich waren. Im Hinweisblatt für Autoren der „Heidelbergischen Jahrbücher der Literatur“ stand: „Jeder Rezensent hat, im Fall er dies wünschen sollte, das Recht, sich unter seiner Kritik zu unterzeichnen.“ Im Fall er dies wünschen sollte! Das klingt eher nach erlaubter Ausnahme. Die Erwartung anonymer Publikation entspricht ja auch besser dem Grundgedanken der Aufklärung, dass es in der Gelehrtenrepublik auf die Sache ankommen soll, das Gewicht der Tatsachen und Argumente, und nicht auf die Autorität des Verfassers, den im Ständestaat alles bestimmenden Rang. Wenn heute alle Beiträge in Fachzeitschriften mit Verfassernamen erscheinen, liegt der Grund nicht in einem Fortschritt der Aufklärung gegenüber der Aufklärung, sondern darin, dass Karrierechancen im Wissenschaftssystem an die Reputation gebunden sind. Man muss sich einen Namen machen. Studenten brauchen sich aber noch nicht für ihre Reputation zu interessieren.

 

Im goldenen Zeitalter des britischen kritischen Zeitschriftenwesens waren wie in der britischen Presse überhaupt alle Artikel anonym. Das änderte sich erst im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Leslie Stephen, der Vater von Virginia Woolf, publizierte 1868 einen Artikel zur Kontroverse über die Anonymität im Journalismus - abwägend, aber anonym. Die Blogger haben viel Spott auf sich gezogen mit ihrem mehr oder weniger unironischen Bekenntnis, sie wollten aus Furcht um ihre Berufsaussichten ihre Namen nicht nennen. Stephen warb um Verständnis für den „aufstrebenden jungen Rechtsanwalt“, der zu einer Streitfrage des Tages etwas beizutragen hat, aber sich vor den Augen älterer Kollegen nicht durch Vertretung kontroverser Ansichten exponieren möchte.

 

Die klassische liberale Lehre von der Meinungsfreiheit, wie sie uns bei Stephen entgegentritt, ist von der realistischen Sorge vor dem Konformitätsdruck geprägt, der gerade in einer Öffentlichkeit der befreiten Meinungen und professionellen Meinungsproduzenten entsteht. Stephen gestand zu, dass man von der Einführung von Autorenzeilen in den Zeitungen eine Hebung des Tons erwarten dürfe. Dieser Gewinn für die literarischen Umgangsformen wäre aber erkauft mit einem Verlust an Freimut. Wenn eine Zeitung Raum für die ausführliche und unbefangene Erörterung jedes Aspekts jeder Frage bieten solle, so Stephen, sei jede Einschränkung der Möglichkeit, sich freimütig auszudrücken, ein Übel.

 

Auch Stephen führte gleich am Anfang seines Artikels das Bild vom Banditen an, als Topos und Schlagwort: Ein anonymer Rezensent müsse damit rechnen, als gedungener Mörder beschimpft zu werden. Die Durchsetzung der Autorennamen war ein Triumph des viktorianischen Ideals der Männlichkeit. Mit der Forderung nach dem offenen Visier glauben die Kritiker von Münkler-Watch eine schiere Selbstverständlichkeit auszusprechen. Ihnen kann man entgegenhalten, was Stephen zur Verteidigung seines hypothetischen Anwalts zu bedenken gab: Die Forderung, ein Autor müsse mit seinem Namen und seinem Ansehen für seinen Standpunkt einstehen, geht ins Leere, wo er kein Privatwissen geltend macht, sondern sich auf offenkundige Tatsachen beruft: „Nicht seine persönliche Wahrhaftigkeit wird schließlich bestritten, sondern die Stärke seiner Argumente.“ Stephen postulierte damals schon mit Blick auf den Typ des informierten Autors, den wir Whistleblower nennen, „jede Form von Erörterung“ sei begrüßenswert. Ein Publikationsverbot für anonyme Verfasser wäre nur unter einer „absoluten Regierung“ verständlich, wir würden sagen: in einer Diktatur.

 

Diese liberale Auffassung deckt sich mit dem, was die höchsten Gerichte heute auch in Deutschland verkünden: Es gibt keine Ausweispflicht für den Gebrauch der Meinungsfreiheit. Die Aufforderung an die Blogger, aus der Anonymität herauszutreten, sprach der HU-Präsident, vormals Kultusminister von Sachsen-Anhalt, in offenkundiger Unkenntnis des BGH-Urteils zum Lehrerbewertungsportal spickmich.de von 2009 aus. Dort sprach der Bundesgerichtshof der Anonymität genau die Funktion des vorsorglichen Schutzes in Verhältnissen ungleicher Machtverteilung zu, auf die die Münkler-Beobachter sich berufen: „Die Verpflichtung, sich namentlich zu einer bestimmten Meinung zu bekennen, würde nicht nur im schulischen Bereich die Gefahr begründen, dass der Einzelne aus Furcht vor Repressalien oder sonstigen negativen Auswirkungen sich dahingehend entscheidet, seine Meinung nicht zu äußern. Dieser Gefahr der Selbstzensur soll durch das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung entgegen gewirkt werden.“

 

Wohlgemerkt nahm der BGH diese Einschätzung im Kontext eines Werkzeugs zur Benotung von Lehrern durch Ermittlung des arithmetischen Mittelwerts anonymer Bewertungen vor. Von solchen subjektiven, punktuellen, von jeder Begründungspflicht entlasteten Meinungsäußerungen ad personam hebt sich die sachliche Beschäftigung mit der Lehre und den Lehren Herfried Münklers bei Münkler-Watch ab. Das Unternehmen ist auf ein Semester angelegt; was bei Münkler-Watch eingestellt wird, ist durch einen Diskussionsprozess in der Gruppe hindurchgegangen.

 

Die Legitimität der Namenlosigkeit der Blog-Autoren kann nach meiner Meinung nicht ernsthaft bestritten werden. Eine andere Frage ist es, ob die Blogger gut beraten waren, von der Lizenz zur Anonymität im gegebenen Kontext Gebrauch zu machen. Das ist eine Klugheitsfrage.

 

Hierzu muss man zuerst feststellen, dass die universitären Amtsträger mit ihren Reaktionen auf die Anonymität alles getan haben, um die Vorsicht der Blogger berechtigt erscheinen zu lassen. Die Aufforderung des Präsidenten, die Anonymität zu verlassen, kommt einer Maßregelung gleich - und diese Maßregelung wurde in einer Presseerklärung vorgenommen, nicht in einem ordentlichen Verfahren.

 

Auf der anderen Seite verdienen die Erwägungen, die in den Debatten der deutschen und britischen kritischen Journale im neunzehnten Jahrhundert gegen die Anonymität vorgebracht wurden, sehr wohl bedacht zu werden. Von der Zurechnung der Artikel an einzelne, persönlich ansprechbare Autoren versprach man sich eine disziplinierende Wirkung: eine Zurückdrängung der Invektive, einen verbindlicheren Stil. Anonymität hat Kosten: Wer in der heutigen Wissenschaftskultur anonym publiziert, errichtet ein Rezeptionshindernis. Ein starker Grund für die Anonymität im klassischen Zeitalter der liberalen Öffentlichkeit lag darin, dass Zeitschriften wie die „Edinburgh Review“, das philosophische Organ der britischen Whig-Partei, eine kollektive Autorenpersönlichkeit ausbilden wollten. „We“, die Edinburgher Kritiker, urteilten mit quasi gegenmonarchischem Autoritätsanspruch über die Finanzpolitik von Mr. Pitt und die Gedichte von Mr. Wordsworth. Der Verzicht auf Autorennamen erleichtert das Redigieren. Die Anteile verschiedener Personen an der Entstehung eines Textes können unsichtbar gemacht werden. Darin liegt ein großer Reiz der Anonymität für das Team von Münkler-Watch: Das Schreiben ist Ausfluss von Diskussionen; die Blogger wollen einerseits als Gruppe politisch Stellung beziehen und stellen andererseits auf ihrer Seite auch Provisorisches und Unfertiges ein, Texte, hinter denen vielleicht nur ein Teil der Gruppe im gegebenen Moment steht.

 

Dieser offene Forumscharakter eines anonymen, allgemein zugänglichen Blogs befördert interne Klärungsprozesse, erschwert aber Außenstehenden den Zugang. Das Produkt eines solchen Autorenkollektivs kann hermetisch und sektiererisch wirken. Auch solche Irritationen gingen in die Reaktionen auf Münkler-Watch ein.

"Überall Trolle zu sehen, das ist nun ein Zeichen von Panik"

L.I.S.A.: Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien in diesem Fall? „Spiegel online“ hat den Aufschlag gemacht. Ohne die Berichterstattung wäre kaum jemand auf den Blog aufmerksam geworden. Zieht hier der Vorwurf des Rufmords, der inzwischen mehrfach geäußert worden ist?

 

Bahners: Für die Presse ist die Affäre kein Ruhmesblatt. Bevor wir uns über die Angemessenheit der heftigen Werturteile unterhalten, fällt auf, wie wenig informativ die meisten Artikel waren. Man bekam keinen klaren Eindruck davon, was bei Münkler-Watch eigentlich steht und gemacht wird. Dass der Blog, der schon seit Januar betrieben wird, auch der Dokumentation von Meinungsdifferenzen in der Gruppe dient, dass im Kommentarbereich seit dem Bericht von „Spiegel online“ eine lebhafte Diskussion unter Beteiligung der Administratoren in Gang ist - all das wurde nicht erwähnt. Was der Routine akademischer und studentischer Kommunikation ähnelt, fiel unter den Tisch. Man machte sich Münklers Anklage der Feigheit zu Eigen und entdeckte nicht, dass sich die Blogger schon am 26. Januar ausdrücklich mit diesem Einwand gegen ihr Vorgehen auseinandergesetzt hatten. Es dauerte ein paar Tage, bis Reporter mit den Bloggern Kontakt aufnahmen und sich deren Sicht der Sache erzählen ließen.

 

Für die meisten Kollegen war mit der Anonymität die Sache entschieden: Tut nichts, der Blogger wird verbrannt. Wie ist der Reflex zu erklären? Die Antwort liegt nahe: Den meisten Journalisten begegnet die anonyme Meinungsäußerung heute täglich in Gestalt des Internetleser-Kommentars und das heißt hauptsächlich der Troll-Mitteilung. Diese Trolle machen unseren Alltag zur Hölle, wenigstens den der Online-Redakteure. Es gibt längst eine Glossenfolklore der vergeltenden Troll-Beschimpfung; an der Figur des Trolls macht man einen unerfreulichen Strukturwandel der Öffentlichkeit fest. Diese Troll-Kritik hat sich, wie das in der feuilletonistischen Soziologie so ist, schon verselbständigt und dient beispielsweise der pauschalen Abwehr von Kritik an der einseitigen Ukraine-Berichterstattung maßgeblicher deutscher Medien.

 

Das ändert nichts daran, dass der Troll ein unsympathischer und leider zeittypischer Knilch ist. Aber überall Trolle zu sehen, das ist nun ein Zeichen von Panik. Die Zeitungen fürchten um ihr Überleben und sehen mit Grausen, dass ihr eifriges Engagement im Internet von den Leuten, die dort ihre Artikel lesen, mit Lügenvorwürfen honoriert wird. Bedenklich nur, dass im vorliegenden Fall in den Internetkommentaren auf der Münkler-Watch-Seite eine viel ruhigere und sachlichere Kritik des Blogs vorgetragen wird als in den Zeitungen.

 

Nehmen wir die drei Artikel, die in der „Süddeutschen Zeitung“ zwischen den 11. und dem 22. Mai erschienen sind. Die „Süddeutsche“ gilt als das Flaggschiff des Liberalismus in der deutschen Publizistik. Auch von Kollegen werden die SZ-Autoren wegen ihrer Nonchalance und Lässigkeit bewundert. Die Kommentare zu Münkler-Watch befremden durch einen herablassenden bis abschätzigen, ja, verächtlichen Ton. Die Überschrift zum Bericht von Jens Bisky vom 13. Mai lautete „Blubb und Blog“. Eine Gruppe Studenten setzt sich wöchentlich zusammen, um eine anspruchsvolle Vorlesung zu resümieren - und der SZ-Reporter hört nur ein Blubbern? Die Sorge der Blogger, mit namentlich gezeichneten Beiträgen spätere Anstellungschancen zu gefährden, erklärt der Redakteursstelleninhaber Bisky für unbeachtlich, indem er auf den angeblichen Widerspruch zur „bundesrepublikanischen Erfahrung“ verweist, „dass die schärfsten Revoluzzer später Minister werden“. Politisch-intellektueller Idealismus erledigt sich mit der Zeit: Die Haltung, die sich in dieser Erwartung artikuliert, nennt man Zynismus.

 

Das „Streiflicht“ auf der Titelseite der SZ hatte schon zwei Tage vorher über die vorauseilende Prüfungsangst der Münkler-Kritiker gespottet: „Aber fallen Studenten, die derartig wunderlich bloggen, nicht ohnehin durch jede Prüfung, weil sie den Unterschied zwischen einer Hochschule und einer paranoiden Watchblog-Welt nicht kennen?“ Einen Beleg für die Diagnose der Paranoia enthält die Glosse nicht. Nicht vergessen: Das „Streiflicht“ ist die berühmteste anonyme Rubrik in der deutschen Presse.

 

Bloggen genügt wahrscheinlich, um bei den SZ-Psychologen die Einstufung als Paranoiker auszulösen. Das lässt jedenfalls Bernd Graffs Text vom 22. Mai vermuten, der in die fürs Internet erfundene Gattungskategorie des „rant“ fällt. Überschrift: „Autopilot für Idioten - Münkler-Watch und mehr: Online-Pranger leisten keine Aufklärung. Sie vergiften nur“. Ausgerechnet die SZ, das investigative Kampagnenblatt, nimmt Anstoß an Skandalisierung und Personalisierung und wirft Studenten, denen erst „Spiegel online“ außeruniversitäre Leser zuführte, vor, sie machten Stimmung.

 

Internetbeobachtung bedeutet für viele alte Medien heute zuerst Unwettervorhersage. Auch anderen Zeitungen bot Münkler-Watch den Anlass für Shitstorm-Warnungen der höchsten Alarmstufe. Aber der stinkende Wind, den diese Berichterstattung aufwirbelte, zog sich nicht über Münkler zusammen, sondern über den Machern von Münkler-Watch.

 

Graff schreibt: „Münkler-Watch bedient nicht den Diskurs, sondern das Totschlagargument. Die anonymen Blog-Betreiber zerlegen nicht Münklers Thesen, sondern ihn als Vertreter mutmaßlicher Anschauungen.“ Das ist typisch für die irreführende Darstellung des Blogs in der Presse. Nicht als Person wird Münkler dort attackiert, er wird nicht als Rassist beschimpft. Die Blogger machen ihm die Verwendung „rassistischer Stereotype“ zum Vorwurf. Schon Anlage und Literaturauswahl der Vorlesung sind in ihren Augen von „rassistischen“ Denkmustern bestimmt. Es geht gerade nicht um private Vorurteile, die in verräterischer Wortwahl durchschimmern, sondern um die Leitbegriffe eines öffentlichen Denkers. „Rassismus“ und „Sexismus“ sind hier technische Termini einer linksradikalen Schule der Diskursanalyse. Nils Markwardt hat den Bloggern in der Online-Ausgabe der „Zeit“ einen „haarsträubenden Schematismus der Argumentation“ bescheinigt. Ihre Schuldefinitionen von Rassismus und Sexismus sind so weit, dass sie im allgemeinen Publikum auf wenig Zuspruch rechnen dürfen. So geht die Gefahr gegen Null, dass bei informierten Zeitgenossen hängenbleiben wird: „Münkler? Ist das nicht ein Rassist?“  

"Zensur wird von der Obrigkeit geübt"

L.I.S.A.: Sie haben angemerkt, Denunziation sei die Anzeige bei einer Behörde. Aber gibt es nicht auch die Denunziation im übertragenen Sinne?

 

Bahners: Der Kluge, das Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache, gibt als Bedeutung für „denunzieren“ „anzeigen, verpfeifen“ an. Im Zeitalter der demokratischen Öffentlichkeit kann es für den Denunzianten effektiv sein, die Verleumdung an die große Glocke zu hängen, statt sie auf dem Postweg dem zuständigen Minister oder Universitätspräsidenten zur Kenntnis zu bringen. Die Öffentlichkeit wird als Super-Obrigkeit wahrgenommen, und ihre vorschnellen Urteile sind häufig keiner Revision mehr zugänglich. Damit man öffentliche Äußerungen als Denunziation im erweiterten Sinne bezeichnen kann, müsste aber das Kriterium der Hinterhältigkeit erfüllt sein, wie es in „verpfeifen“ anklingt.

 

Warum ist der „Denunziant“ selbst ein übles Schimpfwort? Die Denunziation ist die unfaire Anzeige. Sie ist entweder falsch, oder sie betrifft einen Sachverhalt, den der Angezeigte für sich behalten durfte. Da der Denunzierte von der Anzeige nicht oder zu spät erfährt, kann er sich nicht oder nicht wirkungsvoll verteidigen. Und genau das wird nun auch über Münkler gesagt, obwohl es um öffentliche Äußerungen über öffentliche Äußerungen geht. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ stand, er sei „den Vorwürfen wehrlos ausgesetzt“. Das ist offenkundig falsch. Teilnehmer der Vorlesung, die die Einschätzungen der Blogger nicht teilen, haben ihn gegenüber Journalisten in Schutz genommen. Und er hat sich auch selbst verteidigt: unbedingt abwehrbereit und zum Einsatz jedes rhetorischen Gegenmittels bereit.

 

Witzigerweise haben beide Seiten die Situation mit der von Münkler populär gemachten Lehre von der asymmetrischen Kriegführung verglichen, die Blogger schon in ihrer programmatischen Erklärung am 26. Januar. Die große Überraschung: Münkler, der alte Fuchs, Ex-Juso und vermeintliche machiavellistische Einflüsterer unserer Fürstinnen Merkel und von der Leyen, verhält sich exakt so unsouverän wie in der Theorie die von Partisanen herausgeforderte Weltmacht. Er lässt sich durch Nadelstiche zu Überreaktionen provozieren.

 

Mit Reflexen können wir es dabei eigentlich nicht zu tun haben. Denn ausdrücklich hat Münkler in der Vorlesung in Anwesenheit von Journalisten seine „Strategie“ beschrieben. So war es auch nicht etwa eine unbedachte Äußerung, dass er die Blogger als erbärmliche Feiglinge apostrophierte. Er hat sich diese Formulierung genau überlegt und sie in der Vorlesung wiederholt - mit der Ankündigung, er werde die Blogger so lange weiter so titulieren, wie sie in der Anonymität verharrten. Der Vorwurf der Feigheit ist diskutabel. Wie gesagt haben die Blogger ihn von sich aus selbst erörtert. Aber durch das Adjektiv, das Münkler dem „Feigling“ voranstellt, würdigt er seine Kritiker als Personen herab. Freimütig hat der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch im Radio die Gründe dieser Wortwahl auf den Punkt gebracht: Betrieben Mannheimer Studenten einen Blog namens Hörisch-Watch, würde er sie „nach Strich und Faden beschimpfen und verächtlich machen“.

 

Als Münkler im Hörsaal den ersten seiner NS-Vergleiche in dieser Sache aussprach, hat er Zeitungsberichten zufolge den Blockwart als zeitlosen deutschen Charaktertyp beschworen. Kann man sich Menschen dieses Typs als belehrbar vorstellen? Münkler hat seinen Studenten die besten Gründe gegeben, die Deckung nicht zu verlassen. Man darf bezweifeln, dass er sie ernsthaft ins Freie holen wollte.

 

Im Interview mit der „Zeit“ bemühte Münkler dann einen weiteren NS-Vergleich, um das linke Selbstbild der Blogger als Illusion zu entlarven: „Der Ressentimentdiskurs, den sie pflegen, erinnert mich eher an hochschulpolitische Vorgänge des Jahres 1933: Der hat viel Geld, wir sind arm. Der hat Einfluss, wir nicht. Das ist ein Muster, das auch antisemitisch eingesetzt worden ist.“ Aus dem Munde eines Professors für politische Theorie und Fachmanns für deutsche Zeitgeschichte ist das eine sträflich vage Komparatistik. Ihn „erinnert“ also die Kritik an seiner Vorlesung an die schwärzeste Stunde der deutschen Universitätsgeschichte. Sache eines Wissenschaftlers müsste es dann aber sein, einen solchen Einfall auf seine Triftigkeit zu prüfen. Haben die Methoden von Münkler-Watch tatsächlich etwas mit dem organisierten Terror der nationalsozialistischen Studentenschaft gegen jüdische und republiktreue Professoren gemein? Welchen Raum nahm in den Kampagnen der NS-Studenten die geduldige, öffentlich dokumentierte argumentative Vorlesungsbegleitung ein?

 

Mit der Bemerkung über den antisemitischen Einsatz des Vergleichs materieller Machtpositionen spazierte Münkler ins Reich des Aberwitzes hinüber. Bei dieser assoziativen Aufblähung des Antisemitismusbegriffs bleibt allerdings ein Bezug zur Theorieproduktion in Münklers Fach so gerade noch erkennbar. Es gibt einen neoliberalen Philozionismus, der hinter dem sogenannten Antiamerikanismus und hinter jeglichem Antikapitalismus einen latenten Antisemitismus vermutet. Möchte Münkler aber tatsächlich, insoweit vielleicht auf einer Linie mit der Anti-Sozialstaats-Polemik des Historikers Götz Aly, alle Bemühungen um institutionellen Chancenausgleich bei ungleichen Einkommensverhältnissen unterbinden, weil das Argument „auch antisemitisch eingesetzt worden ist“? Ein solcher „Antisemitismus“ ist jedenfalls in gleicherweise entgrenzt wie der „Rassismus“ der Blogger.

 

Die vergangenheitspolitischen Einlassungen Münklers riefen einen erstaunlichen Kommentar des HU-Präsidenten Olbertz hervor. Im zitierten Artikel in der „Berliner Zeitung“ schrieb er, „aus dem Handgelenk“ habe Münkler „verwegene Vergleiche mit historischen Sachverhalten“ vorgetragen, „die bei genauerem Hinsehen nicht haltbar sind“. Einem Universitätspräsidenten sollte es verwehrt sein, eine öffentliche Bewertung von Ansichten vorzunehmen, die ein Professor in seinem Fachgebiet äußert. Wenn an einem Punkt der ganzen Affäre der Begriff der Zensur angemessen ist, dann hier. Zensur wird von der Obrigkeit geübt.

 

Olbertz hingegen wirft den Münkler-Watchern „die Unterbindung der wissenschaftlichen Meinungs- und Lehrfreiheit durch Studierende direkt im Hörsaal“ vor. Eine ähnliche Begriffsverwirrung findet sich in journalistischen Kommentaren. Wie bei der Denunziation sieht man beim Zensurvorwurf vom konstitutiven Bezug des Begriffs zur Obrigkeit ab. Die Äußerung der Meinung, jemand solle besser auf den Gebrauch bestimmter Wörter verzichten, beeinträchtigt den Adressaten nicht in seiner Redefreiheit, sondern ist im demokratischen Austausch von Rede und Gegenrede alltäglich.

 

Wir sollten vielleicht auch das gängige Bild vom Online-Pranger nicht ganz so selbstverständlich im Mund führen. Bei der Prangerstrafe bediente sich die Obrigkeit des Volkszorns. Die Bloßstellung als Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung ist nicht von vornherein illegitim.

 

Auch ein Namenloser, bemerkte Leslie Stephen zugunsten seines hypothetischen Anwalts, mag in der immerwährenden Schlacht der Meinungen einen Treffer landen können: „may strike an effective blow or two in the everlasting battle of opinion“. Im selben Ton spricht das Bundesverfassungsgericht in seinen Urteilen zu Artikel 5 des Grundgesetzes vom „geistigen“ und „politischen Meinungskampf“. Die robuste Auseinandersetzung soll klärend wirken. Ausgerechnet Journalisten tun sich heute schwer mit diesem Erbe des klassischen Liberalismus. 

"Münklers kriegshistorische Forschungen und seine öffentliche Politikberatung"

L.I.S.A.: In Ihrem Artikel deuten Sie an, dass „vielgefragte ‚politische‘  Wissenschaftler unserer Republik“ - also diejenigen, die eine starke öffentliche Präsenz haben, weil Sie beispielsweise oft interviewt, besprochen oder zu Talkshows eingeladen werden und insgesamt einen prägenden Einfluss auf gesellschaftspolitische Diskurse haben - auch zu der einen oder anderen Frage anregen? Was genau meinen Sie damit? Müssen solche Wissenschaftler auch mit mehr Widerspruch rechnen? Welche guten Fragen haben Sie denn bei Münkler-Watch gefunden?

 

Bahners: Herfried Münkler spielt im heutigen Berlin eine ähnliche Rolle wie der Historiker Heinrich von Treitschke im Berlin der Kaiserzeit. Treitschke, als Publizist der Herold der deutschen Einigung, kein Preuße, sondern ein Zuwanderer aus Sachsen, prägte mit seiner Politikvorlesung das Denken der wilhelminischen Elite. Mit seinem Buch über den Ersten Weltkrieg hat Münkler in meinen Augen einen beachtlichen Beitrag zur Selbstverständigung der Deutschen erbracht. Er ist der moralisierenden Legende entgegengetreten, das Deutsche Reich sei in ähnlicher Exklusivität für den Ersten Weltkrieg verantwortlich wie für den Zweiten. Unter Bundeskanzler Schröder ist diese Legende in die Selbstauskünfte des Staates eingedrungen. Selbst Bundespräsident Gauck, den die von Münkler verspotteten Stechschrittpazifisten für einen üblen Kriegstreiber halten, sprach in seiner Gedenkrede zum hundertsten Jahrestag des Kriegsausbruchs auf französischem Boden davon, Deutschland habe Frankreich im Ersten und im Zweiten Weltkrieg überfallen. Wenn ich Münkler richtig verstehe, so sieht er in einer realistischen Einschätzung der Handlungsspielräume der früheren deutschen Regierungen einen großen Schritt zur Formulierung einer realistischen Staatsräson der erweiterten Bundesrepublik. Wir stehen in der Kontinuität des Kaiserreichs, und diese Kontinuität wird nicht durch die ad hoc erfundenen Ideen von 1914, sondern durch die geopolitische Lage bestimmt. Im Projekt Münkler-Watch erkennt man diesen Zusammenhang zwischen Münklers kriegshistorischen Forschungen und seiner öffentlichen Politikberatung, nimmt aber eine andere politische Bewertung vor als ich.

 

Der Ähnlichkeit der Lage entsprechen ähnliche intellektuelle Muster im Umgang mit der Lage. Treitschkes Nationalliberalismus war eine dezidiert moderne Option, kritisch gegenüber dem christlichen Völkerrechtsabsolutismus der altpreußischen Konservativen. Münklers Vorlesungsstunde vom 28. April sorgte für einen erhellenden Dissens in der Blogger-Gruppe: Zwei konkurrierende Protokolle wurden eingestellt. Thema der Stunde waren Nation und Staat. Der erste Protokollant (Münkler-Watch 3a) liefert eine krude Abfertigung Münklers: Aus dem Professor habe „der chauvinistische Eurozentrismus des liberalen Bildungsbürger_innentums“ gesprochen, „ohne jegliches kritisches Hinterfragen“. Auch der zweite Protokollant (Münkler-Watch 3b) hat politisch einiges auszusetzen. Insbesondere attestiert er (oder sie) Münklers Ausführungen über die Figur der Schuld im heutigen deutschen Geschichtsbewusstsein eine bedenkliche Nähe zu einem „tief rechten Diskurs“. Aber getragen wird das Referat von kaum unterdrückter Euphorie angesichts der Entdeckung methodischer Affinitäten zwischen dem Ansatz der Vorlesung und dem Projekt des Blogs.

 

In der Tradition von Machiavelli und Hobbes geht Münklers Institutionenlehre von der Beschreibung elementarer Machtzusammenhänge aus. Auch Theorien und wissenschaftliche Lehrmeinungen betrachtet Münkler von daher als Machtinstrumente. Ganz ähnlich, nämlich ideologiekritisch, betrachten die Münkler-Watcher seine Vorlesung. Daher das Lob: „Fast liest sich Münkler als Theoretiker der Subversion.“ Dem Kommilitonen oder der Kommilitonin (oder den Kommilitonen) mit dem Text zur gleichen Stunde wird ausdrücklich widersprochen: „Kaum Rassismus, kaum Sexismus, eine kritische Distanz zu Eurozentrismus und jede Menge Anknüpfungspunkte für emanzipatorisches Handeln.“

 

Es bleibt nicht unbemerkt, dass die wissenssoziologischen Partien der Vorlesung auch als Selbstkommentare des Dozenten zu verstehen sind: „Mit überraschend kritischem Blick legt Münkler dar, dass die doch angeblich so neutrale bürgerliche Wissenschaft u.a. für die ‚Nationspflege‘ da sei. Die Geschichte konstruiere eine gemeinsame nationale Vergangenheit.“ So zerlegte Münkler 2009 in seinem Buch „Die Deutschen und ihre Mythen“ die Leitbilder der nationalgeschichtlichen Phantasie, um gleichzeitig ihre Unentbehrlichkeit zu postulieren. Ebenso doppeldeutig, aufklärend und sinnstiftend, war die Geschichtspolitik der Nationalliberalen. Den konstruktiven, voluntaristischen Zug, den Münkler mit Treitschke gemein hat, trifft der Blog mit dem Prädikat der Subversion.

 

Im Bericht über die Vorlesungsstunde über „Verfassungsmodell und Verfassungsnormen“ wird der Faden aufgenommen. „Hier zeigt sich wieder, dass Münklers Vorlesungen sich durchaus auch für eine subversive Lesart anbieten. Der Fakt, dass Herrschaft auf Gewalt beruht, kann angesichts der im demokratischen Regime verbreiteten Legitimations-Mythen gar nicht oft genug betont werden.“ Wieder fasziniert die Blogger Münklers Hobbesianismus, sein Rückgang auf die den Normen vorausliegende Faktizität der Macht. Als besonders interessant „für eine subversive Lesart“ wird vermerkt, dass Münkler „die Gewaltenteilung in den Bereich der gesellschaftlichen Narrative, Mythen und Märchen“ verweise. Die Lesart ist im doppelten Sinne subversiv: Münkler liest in dieser Weise die Verfassungstexte, die Bloggergruppe seine Vorlesung. Sehr hellsichtig ist eine Beobachtung im Protokoll der sechsten Stunde über Republikanismus und Liberalismus. Münkler hatte Machiavellis urrepublikanische Überzeugung von der Notwendigkeit der Erziehung des Volkes zur Tugend dargestellt. Der Blog schlägt eine Brücke zu einem Papier, das Münkler im vergangenen Jahr für eine Konferenz des Auswärtigen Amtes angefertigt hat. Die Zusammenkunft hatte die Überprüfung („Review“) der Grundlagen der deutschen Außenpolitik zum Zweck, und Münkler schlug eine begriffspolitische Wende vor: Deutschland solle seine Ziele in der Sprache der Interessen formulieren, nicht mehr ausschließlich in der Sprache von Werten. So solle das Reden über die Außenpolitik deren tatsächlicher Praxis angepasst werden.

 

Auch bei diesem Text Münklers fällt meine politische Bewertung anders aus als die der Studenten: Ich halte ihn für erfrischend und möchte hoffen, dass seine Botschaft ihre Adressaten erreicht hat. Aber man muss die Bewertung und die Deutung des Textes trennen: Die Blogger haben mit dem Aufspüren von Motiven der machiavellistischen Tradition etwas Wichtiges getroffen. Ein Hauptmotiv klingt schon im Titel des Papiers an: der Gegensatz von Schein und Sein. Münklers These, dass einer realistischen Selbstdarstellung der deutschen Außenpolitik die Vorliebe der Öffentlichkeit für Wertbegründungen im Weg steht, enthält ein volkspädagogisches Programm.

"Die Vorlesung ist ihrem Wesen nach öffentlich"

L.I.S.A.: Um die Vorwürfe der Studierenden zu überprüfen, wird in mehreren Kommentaren zur Debatte als Lösung vorgeschlagen, Vorlesungen auf Video aufzuzeichnen und anschließend für die Öffentlichkeit ins Netz zu stellen. Wie sehen Sie das?

 

Bahners: Der Professor muss in der Gestaltung seiner Vorlesung frei sein. Münkler soll in der ersten Semesterstunde verkündet haben, er lasse keine Fragen zu. Das ist sein gutes Recht, er muss dann allerdings in Kauf nehmen, dass Fragen der Studenten in anderen Foren laut werden, in der Mensa, in seiner Sprechstunde oder eben auch in einem begleitenden Blog. Würden Professoren dazu übergehen, vorsichtshalber ihre gesamte Vorlesung aufzuzeichnen, wie in amerikanischen Großstädten Minikameras in die Polizeiuniformen eingenäht werden, wäre das Ergebnis, wie man in Amerika sagt, ein „chilling effect“ für die Freiheit der Lehre. Es muss die improvisierte Überlegung geben können, den Versuchsballon, der dem Zufallsbesucher bei Youtube womöglich einen Schreck einjagen würde.

 

Diese Eigenart des in den Hörsaal gesprochenen Worts übertreibt Münkler allerdings so sehr, dass man von Verzeichnung reden muss, wenn er „die intime Arbeitsatmosphäre zwischen Vortragenden und Mitarbeitenden“ beschwört. Die Vorlesung ist ihrem Wesen nach öffentlich, also das Gegenteil von intim. Der Professor kann die Studenten im Hörsaal nicht so gut kennen wie die Teilnehmer seines Seminars, und er wird seine Worte anders wägen als im kleineren Kreis. Denn das Risiko des Missverständnisses, des nach außen getragenen, verballhornten und verdrehten Wortes, gehört sowieso zum Alltag der Lehre wie des öffentlichen Sprechens überhaupt.

 

Die Mitschrift ist das wichtigste Arbeitsmittel für die Teilnehmer einer Vorlesung. Das Absurde der ganzen Debatte um Münkler-Watch begann damit, dass man das studentische Mitschreiben zum Akt des Terrors erklärte. Wünschenswert ist die Aufzeichnung der Vorlesungen eines Professors vom Schlag Münklers im Interesse der künftigen Forschung. Sehen sie sich an, welchen gewaltigen Aufwand die Historiker treiben mussten, um aus Mitschriften der Hörer den mutmaßlichen Wortlaut der Vorlesungen Leopold von Rankes und Jacob Burckhardts zu destillieren. Spätere Politikwissenschaftler werden sich zweifellos für Herfried Münklers Beiträge zur Umformulierung der deutschen Staatsräson interessieren. Er könnte ihnen die Arbeit erleichtern.        

Patrick Bahners hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Hans Günter Thorwarth | 09.06.2015 | 18:22 Uhr
"Münkler-Watch" ist nichts anderes als anonymes Mobbing mit NSDStB-Methoden.

Kommentar

von Ariel Koller | 09.06.2015 | 18:41 Uhr
Bei dem vorherigen Kommentar frage ich mich, ob Bahners Antworten überhaupt gelesen wurden. Wahrscheinlich nicht - anders kann man sich diesen Kommentar nicht erklären.

Kommentar

von Hans Günter Thorwarth | 10.06.2015 | 19:03 Uhr
Natürlich wurden die Antworten gelesen. Die Meinung des Herrn Bahner muss aber vom Leser nicht übernommen werden, oder?
Im Übrigen bezieht sich der Kommentar auf das System "Münkler-Watch" und sonst nix.

Kommentar

von Ariel Koller | 10.06.2015 | 19:33 Uhr
Natürlich muss man nicht der Meinung sein. Aber "münklerwatch" mit NS-Methoden zu vergleichen ist wohl doch etwas unlauter, finden Sie nicht?

Kommentar

von Diplom Designer/FH Tom Gollas | 11.06.2015 | 09:31 Uhr
... zumal es in der NS-Zeit noch gar keine Blogs und schon gar keine anonymen gab!

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