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Lic. phil. Felix Engel | 12.10.2011 | 1545 Aufrufe | 2 2 Kommentare

Rätseln, Puzzeln, Mutmaßen – wie kriegerisch war die Frühgeschichte?

Bericht von der Sitzung der AG Spätantike und Frühmittelalter zum Thema „Rauben, Plündern, Morden – Nachweis von Zerstörung und kriegerischer Gewalt im archäologischen Befund“

 

Der Nachweis bewaffneter Gewalt zählt selten zu den nüchternen Übungen der Archäologie. Im frühgeschichtlichen Kontext sollen sich historische und archäologische Quellen die Hand reichen, obwohl beide äußerst schütter und mit zahlreichen quellenkritischen Problemen behaftet sind. Im Rahmen des 7. Archäologiekongresses, den der Nordwestdeutsche Verband für Altertumsforschung vom 3. bis 7. Oktober 2011 in Bremen ausrichtete, traf sich die Arbeitsgemeinschaft Spätantike und Frühmittelalter, um es ein weiteres Mal zu versuchen. Und in Ansätzen gönnte man sich bisweilen sogar ein Scheitern.

Die Mehrheit der Beitragenden wählte den klassischen Ansatz, historische Quellen durch archäologische Befunde zu bereichern und gelegentlich die beiden gegeneinander auszuspielen. Jens Schneeweiss berichtete von den Schwierigkeiten bei der Lokalisierung des castellum hohbuoki und des genauen Austragungsortes der „Schlacht an der Elbe“ im Wendland. Solche Aufgabenstellungen sind schwierige Indizienprozesse, bei denen die Ungenauigkeit schriftlicher Quellen auf die Unvollständigkeit der archäologischen Überlieferung trifft. Mehrmals während der zweitägigen Sitzung fiel das Argument, ein einzelner Waffenfund habe natürlich wenig Aussagekraft, da aber ein zweiter Fund vorliege, sei die Bedeutung gesichert. Ebenso stellt sich die Frage, wie groß eine Brandspur sein muss, damit sie als Beleg für Brandlegung gelten darf. Solche Schwellen sind schwer objektiv festzulegen. Lukas Werther wies in seinem quellenkritischen Beitrag darauf hin, dass die „schlechten Fundbedingungen“ - deren Schlechtigkeit in der Regel nicht quantifiziert werden kann – eine allzu wohlfeile Ausrede darstellen, um aus geringer Information dennoch große Schlüsse zu ziehen. Offen bleibt die Frage, welche Kriterien ein Befund erfüllen muss, um als belastbar gelten zu dürfen.

Archäologische Quellen erwiesen sich als besonders zugänglich, wenn eine klare historische Hypothese formuliert werden konnte, wie etwa die Entstehung eines genau lokalisierten Verwüstungskorridors infolge der Machtergreifung des Magnentius (Beitrag Roland Prien) oder die historisch viel beklagte Belastung durch ungarische Raubzüge im 10. Jahrhundert. Dem letzten Thema widmeten sich zwei Vorträge (von Lukas Werther und Heidi Pantermehl) aus dem Projekt „Reiterkrieger, Burgenbauer“ des Römisch-Germanischen Zentralmuseums; Roman Grabolle war verhindert, so dass sein Vortrag dazu ausfallen musste. Im Zusammenhang mit solchen Fragestellungen ist es eher möglich, Fundorte in solche einzuteilen, welche die Hypothese stützen bzw. ihr widersprechen und in solche, welche keine Information liefern. Im Fall des Bürgerkriegs um Magnentius gibt es zumindest eine Anzahl von Fundorten, die eine Schneise totaler Verwüstung, wie sie historisch behauptet wird, in Frage stellen können. Ähnliche Belege konnte auch Jörg Drauschke in seinem Vortrag über die Perser- und Arabereinfälle nach Kleinasien im 7. Jahrhundert anführen.

Sunhild Kleingärtner ging in ihrem Beitrag über die Seehandelsplätze der südlichen Ostseeküste vom archäologischen Befund aus und arbeitete sich von dort auf den historischen Kontext zu. Die Warenumschlagplätze wären für Angriffe besonders prädestiniert, dennoch gibt es weder Spuren starker Befestigungen noch von Kampfhandlungen. Unter Umständen kann die Sicherung dieser Orte nur aus ihrer Einbettung in die Verteilungssysteme, welche sie fütterten, verstanden werden. Gleichzeitig ist es in der weitgehenden Abwesenheit historischer Quellen für diese Region schwer abzuschätzen, welche Dimensionen für kriegerische Auseinandersetzungen angenommen werden müssen.

Der gesamte zweite Sitzungstag widmete sich anthropologischen Quellen. Christian Meyer stellte mit Skelettfunden vom Gräberfeld Bitburg-Römermauer Nachweise schwerer – und offensichtlich über lange Zeit vorkommender – Gewaltanwendung vor. Dieser Befund kontrastierte mit den Ergebnissen meiner eigenen Untersuchung an der ländlichen Bevölkerung vom Fundort Lauchheim-Wasserfurche, wo schwere Schädelverletzungen über den gesamten Belegungszeitraum vorkommen, aber keine massiven Kampfhandlungen suggerieren. Eine Interpretation dieser Unterschiede setzt Kenntnis der Formationsprozesse der einzelnen Fundorte voraus. Thomas Becker stellte in seinem Beitrag verschiedene Möglichkeiten vor, auf welche Weise Opfer kriegerischer Gewalt am Übergang von Antike und Mittelalter enden konnten. Nur unter bestimmten Umständen können diese in Gräberfeldern erwartet werden; gerade im Umfeld großer bewaffneter Auseinandersetzungen kam es auch zu Massenbestattungen oder einer schlichten Entsorgung von Kadavern.

Besondere Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit Bestattungsplätzen wurde, durch die Beiträge von Stephanie Zintl sowie Niklot Krohn und Werner Wild, der erneuten Öffnung von Gräbern in der Antike zuteil. Die damit einhergehende Beschädigung der Bestattungen beeinflusst Häufigkeit und Verteilung von Skelettbefunden, was sich auch für Lauchheim zeigen ließ. Allerdings wiesen die Referierenden darüber hinaus auf Möglichkeiten hin, die Graböffnungen selbst als Akte gezielter Gewaltausübung, wie Entweihung und Demütigung Hinterbliebener, zu interpretieren. Dafür müssen aber geeignete Kontextinformationen vorliegen, um solche Handlungen von anderen Motiven wie Raub oder posthumen Bestattungssitten zu trennen. Auch die Störung von Gräbern durch spätere Bestattungen am selben Ort müssen nicht zufällige Versehen sein, sondern können zielgerichtete Handlungen darstellen, die zu einer Modifikation der Datengrundlage führen.

Zu einer abschließenden Diskussion aller Beiträge wollte es schließlich nicht recht kommen. In gewisser Weise war diese aber auch schon vorweg genommen worden, da sich in den einzelnen Beiträgen und den dazu gehörigen Diskussionen überraschend viele Anknüpfungspunkte von selbst ergeben hatten. Die Prüfung der Quellen – ganz gleich welcher Art – wurde allgemein als Grundlage aller Erkenntnis erkannt. Die Tatsache, dass nur sehr wenige und stark selektierte Informationen vorliegen, darf nicht zum Fehlschluss führen, dass diese zwangsläufig alle etwas miteinander zu tun haben. Nach wie vor braucht es einiges an Mut, das Scheitern solcher Brückenschläge als wissenschaftliche Erkenntnis herauszuarbeiten, da Aussagemöglichkeiten allemal beliebter sind als ihre Negierung. Allerdings waren in der Sitzung der AG Spätantike und Frühmittelalter an mehreren Stellen Ansätze des nötigen Selbstbewusstseins zu beobachten.

Außerdem zeigten sich die Grenzen einer jeden Themensetzung. Eine Archäologie kriegerischer Gewalt benötigt zwangsläufig Erkenntnisse über Unfälle, Naturkatastrophen und anderen möglichen Unbill. Lukas Werther legte in seinem Vortrag eine ganze Reihe historischer Zitate vor, die zeigen, dass bewaffnete Gewalt nicht immer das Ende aller Interpretation sein muss. Eingeschlagene Schädel entstehen auch durch Unachtsamkeit liebestoller Reiter und Klöster brennen infolge der Schussligkeit eines Novizen genauso nieder wie durch Brandlegung plündernder Ungarn.

Einige Beiträge der Sitzung sollen als Sammelband in der Schriftenreihe „Spätantike und Frühmittelalter“ erscheinen, die von der AG Spätantike und Frühmittelalter herausgegeben wird.

Links

Programm und Abstracts der Sitzung

„Rauben, Plündern, Morden – Nachweis von Zerstörung und kriegerischer Gewalt im archäologischen Befund“

 

AG Spätantike und Frühmittelalter im Rahmen des Internetauftritts des Instituts für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Heidelberg und Schriftenreihe „Studien zur Spätantike und Frühmittelalter“

 

Programm des 7. Archäologiekongresses 2011 in Bremen im Internetauftritt des Nordwestdeutschen Verbands für Altertumsforschung e. V.

 

Projekt Reiterkrieger, Burgenbauer – Die frühen Ungarn und das 'Deutsche Reich' vom 9. bis zum 11. Jahrhundert des Römisch-Germanischen Zentralmuseums

Kommentar

von Lic. phil. Felix Engel | 15.10.2011 | 18:21 Uhr
In einem Punkt muss ich mich korrigieren. Ein Herausgeber der Schriftenreihe "Spätantike und Frühmittelalter" hat mich darauf hingewiesen, dass diese nicht von der AG Spätantike und Frühmittelalter herausgegeben wird, sondern von einigen ihrer Mitglieder. Üblicher Weise erscheinen die Beiträge der AG-Sitzungen dort zeitnah als Sammelband. Die bisher erschienenen Bände können auch im Internetauftritt des Verlages nachgeschlagen werden: http://www.verlagdrkovac.de/1-2.htm

Kommentar

von Georgios Chatzoudis | 17.10.2011 | 09:05 Uhr
Lieber Herr Engel, vielen Dank für den Hinweis. Viele Grüße, Georgios Chatzoudis (L.I.S.A.Redaktion)

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