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M.A. Birte Ruhardt | 24.07.2014 | 1240 Aufrufe | Interviews

"Schlemmen wie die alten Römer"

Interview mit Annette Böhm über antike Römische Kultur heute

Nachtigallenzungen und gedämpften Flamingo, römische Orgienpakete und Römerkostüme: all das bietet Dr. Annette Böhm mit ihrem Römerlein Express. Die promovierte Archäologin ist ehemalige Gerda Henkel Stipendiatin und hat sich nach der Promotion selbstständig gemacht. Nun kleidet sie Hochzeitsgesellschaften mit römischen Gewändern ein, bietet Kochkurse nach römischen Originalrezepten an und organisiert Kurse zur römischen Kunst und Kultur. Wie sie an die Original-Zutaten kommt und an welchen römischen Funden und Befunden sie sich orientiert, hat sie uns in einem Interview erzählt.

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Dr. Annette Böhm mit einer Schüssel Bohnen nach dem Rezept des Apicius

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"Zubehör für römische Feiern"

L.I.S.A.: Sie haben zu römischen Bogenmonumenten der Gallia Narbonensis promoviert und führen heute den Römerlein Express. Was genau ist der Römerlein Express?


Böhm: Mit meiner Firma Römerlein express biete ich auf historischen Märkten und online das Zubehör für römische Feiern an: Ich verleihe Nachbildungen römischer Kleidung und römischen Geschirrs und verkaufe Zutaten für die römische Küche.
Eine Freundin, die ich 1992 bei den Arbeiten zu meiner Dissertation in Südfrankreich kennen lernte, hat sich übrigens ebenfalls der römischen Küche verschrieben: Sie leitet ein römisches Restaurant in der Ausgrabungsstätte Glanum und vertreibt unter der Marke Taberna romana Saucen nach römischem Rezept. Wir tauschen uns regelmäßig aus.

"Die römische Küche und Esskultur"

L.I.S.A.: Wie kamen Sie auf die Idee römische Feiern, Kochkurse, Modenschauen etc. anzubieten und wer gehört zu Ihrem Kundenkreis?


Böhm: Die Idee entstand 2007 bei der Vorbereitung der Konstantin-Ausstellung in Trier. Für die Organisation Moselland Touristik hielt ich damals Kurse zur Einführung der ortsansässigen Gastronomen in die römische Küche und Esskultur. Für die geplanten Themenveranstaltungen wurden damals auch Kostüme nachgefragt. Kurz entschlossen stellte ich eine Kollektion von Leihkostümen zusammen, die ich heute über meinen Online-Shop deutschlandweit, aber auch ins grenznahe Ausland vertreibe. Besonders stark war die Nachfrage übrigens im Varusjahr 2009, als an vielen Orten 2000-Jahr-Feiern begangen wurden.

"Das Kochbuch des Apicius"

L.I.S.A.: Wodurch sind die römischen Originalrezepte, aber auch die römische Kleidungs- und Esskultur überliefert? An welchen Funden und Befunden orientieren Sie sich?


Böhm: Die meisten römischen Rezepte sind im Kochbuch des Apicius überliefert, das in wesentlichen Teilen aus dem 1. Jh.n.Chr. stammt. Weitere Anregungen beziehe ich aus den landwirtschaftlichen Handbüchern Catos d.Ä. und Columellas, manchmal aber auch aus literarischen Quellen: So stammt etwa das Rezept für einen sehr beliebten Kräuterkäse aus einem bukolischen Gedicht der Vergilzeit.
Um ein möglichst umfassendes Bild der römischen Esskultur zu vermitteln, stelle ich in meinen Kursen aber auch die archäologischen Befunde vor: Funde und Darstellungen römischer Küchen und Kochzutaten, Abbildungen und Beschreibungen antiker Festgelage. Die Schnittmuster für meine Leihkostüme entwickelte ich anhand römischer Statuen und Wandmalereien.

"Eine römische Hochzeit in Ladenburg"

L.I.S.A.: Was war die originellste Veranstaltung, die Sie bisher organisieren durften?


Böhm: Meine römischen Kostüme waren schon auf Weinfesten, Stadtjubiläen, Messen, historischen Märkten, Firmenfeiern, runden Geburtstagen und in Theatervorstellungen im Einsatz. Die originellste Veranstaltung war aber sicherlich eine römische Hochzeit in Ladenburg, bei der ich die gesamte Hochzeitsgesellschaft eingekleidet habe. Ich wäre zu gern dabei gewesen!

"Ein mit Quallen überbackener Auflauf"

L.I.S.A.: Was ist das außergewöhnlichste Rezept, auf das Sie bisher in der römischen Küche gestoßen sind und woher bekommen Sie heute all die Zutaten für die 2000 Jahre alten Originalrezepte?


Böhm: Ein äußerst skurriles Rezept, das mich schon lange reizt, ist ein mit Quallen überbackener Auflauf aus dem Kochbuch des Apicius. Quallen werden auch in der südostasiatischen Küche verwendet, sind aber in Deutschland nur getrocknet erhältlich. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, irgendwann frische Quallen aufzutreiben und das Rezept endlich nachkochen zu können.
Um Zutaten für die römische Küche zu finden, halte ich auf all meinen Auslandsreisen die Augen offen und schicke auch meine reisenden Freunde als Späher aus. So habe ich zum Beispiel den Seefenchel auf Mallorca aufgetrieben, die Myrtenbeeren beziehe ich als Direktimport aus Sardinien und die Stinkasantwurzel aus Indien.
Auch hier vor Ort in Haltern am See habe ich meine Zulieferer: Eine nahe gelegene Kräutergärtnerei baut die Weinraute an, und der ortsansässige Metzger stellt regelmäßig lukanische Würstchen nach dem Rezept des Apicius für mich her.

Dr. Annette Böhm hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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