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Georgios Chatzoudis | 11.02.2016 | 765 Aufrufe | Interviews

"Sowohl die Fähigkeit zum Krieg als auch zum Frieden"

Interview mit Philippe Buc über Gewalt im Namen des Christentums

Religiös motivierte beziehungsweise religiös begründete Kriege stützen sich in der Regel auf ein manichäisches Weltbild: das Gute zieht gegen das Böse zu Felde. Was vielleicht spontan wie Mittelalter anmutet, ist tatsächlich jüngste Zeitgeschichte und reicht bis in die Gegenwart hinein. Dabei ist es nicht allein der radikale Islam, der im ausgerufenen Dschihad gute Gläubige gegen böse Ungläubige kämpfen lässt. Auch der säkulare Westen greift auf die religiöse Symbolkraft von Gut und Böse sowie auf einen vermeintlichen Dualismus von Christentum und Islam zurück, etwa als der US-Präsident George W. Bush eine "Achse des Bösen" definierte oder Kriegsabsichten als Kreuzzüge bezeichnete. Der Mediävist Prof. Dr. Philippe Buc von der Universität Wien hat sich mit der theologisch motivierte Legitimation von Terror und Krieg beschäftigt und darüber ein Buch geschrieben. Wir haben ihm unsere Fragen gestellt.

"Eine Art Wiederkehr viel älterer christlicher Vorstellungen"

L.I.S.A.: Herr Professor Buc, Sie haben ein Buch mit dem Titel „Heiliger Krieg. Gewalt im Namen des Christentums“ vorgelegt. Mit Blick auf die Gegenwart überrascht der Titel und provoziert vielleicht sogar ein wenig, denn mit „Heiliger Krieg“ und religiös motivierter Gewalt verbinden wir heute in erster Linie den Islam und weniger das Christentum. Was hat Sie dazu bewogen, den Spieß gewissermaßen umzudrehen und das Buch zu schreiben?

 

Prof. Buc: Es handelt sich ursprünglich um ein amerikanisches Buch, recherchiert an der Westküste der Vereinigten Staaten, während ich in Stanford lehrte. Seine Konzeption reicht zurück ins Jahr 2001, nach den Ereignissen des 11. September. Ich bemerkte damals, dass die Äußerungen von Präsident George W. Bush, der schon im Herbst dieses Jahres hartnäckig auf einen Krieg gegen Saddam Hussein abzielte, teilweise bestimmten Charakterzügen des mittelalterlichen Vokabulars des heiligem Krieges ähnelten. In diesem Sinne sah ich bei Bush eine Art Wiederkehr viel älterer christlicher Vorstellungen und Werte. Die öffentliche Meinung des Abendlandes war nicht immer, dass das Christentum eine Religion des Friedens sei. Voltaire (den ich S. 76 zitiere), wunderte sich, dass die Religion des schwertragenden Propheten Mohammed „barmherzig und tolerant“ wurde; im Gegensatz zum Glauben des Friedensfürsten Christus, der korrumpiert worden, und „zur unduldsamsten und barbarischsten von allen“ Religionen geworden sei. Voltaire als Polemiker der Aufklärung erwartete Zustimmung vonseiten seiner eigenen Öffentlichkeit, wenn er schrieb, das Christentum sei eher gewalttätiger als der Islam. Als Nicht-Spezialist wollte ich einen Vergleich mit dem Islam vermeiden; nach viel Lektüre und einigen Seminaren sehe ich jedoch inzwischen genau, wie ein solcher Vergleich machbar sein könnte. Aber die Idee des Buches wurde geboren aus den Worten des amerikanischen Präsidenten, der von Freiheit, vom Schicksal der Welt, vom Bösen, vom Krieg im Dienst des Frieden sprach. Diese Begriffe sind zu Hause im Europa des Mittelalters.

 

Nebenbei bemerkt, den Untertitel („Gewalt im Namen des Christentums“) hat der Verlag gewählt. Meine Fragestellung ist nicht, ob das Christentum Gewalt verursacht, sondern eher, wie das Christentum die Formen der Gewalt prägt.

"Moderner westlicher Terrorismus war von alten christlichen Denkmustern überformt"

L.I.S.A.: Denkt man an Kriege im Namen Christi fallen einem vor allem die Kreuzzüge, der 30jährige Krieg und vielleicht noch die Konquistadoren in Lateinamerika ein. Danach muß man allerdings schon etwas stöbern. Könnten Sie unserem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen und uns einfach ein paar weitere Beispiele in Erinnerung rufen?

 

Prof. Buc: Hier verwirrt der Untertitel. Es gibt Kriege beziehungsweise Gräuel, die nicht auf den ersten Blick religiös motiviert sind, wie diejenigen, welche der Französischen Revolution anzulasten sind, oder neo-konservativen amerikanischen Interventionen. Aber sie alle sind von einer alten christlichen Kultur geprägt. Ich behandle auch nicht nur Krieg; Terror beziehungsweise Terrorismus und Märtyrertum sind die zwei anderen Leitbegriffe dieser Studie (der amerikanische Titel lautete, „Holy War, Martyrdom, and Terror“). Moderner westlicher Terrorismus war, auch wenn er atheistisch war, dennoch von alten christlichen Denkmustern überformt. Mein Leitbeispiel ist die westdeutsche Rote Armee Fraktion. Klassische heilige Kriege sind die Hussitenkriege des 15. Jahrhunderts, die Religionskriege Frankreichs im 16. Jahrhunderts, der Englische Bürgerkrieg 1642-1651 mit der „Befriedung“ Irland durch Oliver Cromwell, der Amerikanische Bürgerkrieg 1861-1865. In letzterem wird auch die Heiligung der modernen nationalistischen Schlachtfelder deutlich erkennbar – die Forschung hat seit langem die religiöse Dimension der großen Kriege des 20. Jahrhunderts hervorgehoben, eine säkularisierte religiöse Dimension. Etwas Ähnliches existierte bereits viel früher mit der Gleichsetzung zwischen einer werdenden Nation (z.B. Frankreich und England) inklusive deren Kriege, und dem universalen Schicksal der Christenheit.  

"Modern übersetzt politische, wirtschaftliche und ökologische Katastrophen"

L.I.S.A.: Sie gehen in Ihrem Überblick zurück bis zur Entstehung des Christentums. Es fällt dabei auf, daß es Konjunkturen der religiösen Begründung bzw. Rechtfertigung von Gewaltausübung und Krieg gegeben hat. Welche Voraussetzungen bzw. gesellschaftspolitischen Bedingungen begünstigten und begünstigen bis heute das „christliche Framing“ von Kriegen?

 

Prof. Buc: Wichtig ist stets die Deutung der Zeichen. In Matt. 24,8-33 lehrt Christus die Apostel, was die Zeichen der beginnenden Endzeit sind – Kriege zwischen Nationen und Königreichen, Seuchen, Hungersnöte, Erdbeben, das Auftreten von falschen Messiasen und Propheten. Die objektiven Probleme eines Augenblickes beziehungsweise einer Ära werden nur durch die Interpretation von Gruppen und Einzelnen zu Krisen. Diese „objektiven“ Bedingungen sind aber gerade Kriege, Seuchen, Hungersnöte und Erdbeben, modern übersetzt politische, wirtschaftliche und ökologische Katastrophen. Ein Gläubiger kann diese Katastrophen als Zeichen des Endes deuten, und für eine Richtung des abendländischen Christentums bedeutet das nahende Ende der Zeiten, das Schwert zu nehmen und für Christus zu kämpfen, um die Welt endlich zu reinigen (eine andere Richtung wäre, sich passiv opfern zu lassen). 

"Theologie kann ohne Theologen präsent sein"

L.I.S.A.: Das Christentum erlebt im Westen spätestens nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine Renaissance im Leben vieler Menschen. Waren es bis dato in erster Linie politische Ideologien, die sich vor allem aus dem Ideenfundus der Aufklärung und der Französischen Revolution speisten, scheinen Religionen wieder an Boden zu gewinnen. Welche Rolle spielt dabei die Bibel und deren Exegese? Und was unterscheidet in diesem Zusammenhang „religiös motiviert“ von „theologisch motiviert“?

 

Prof. Buc: Einen strikten Unterschied zwischen Monotheismus und säkularen Ideologien würden manche Forscher ablehnen. Letztere sind für sie „politische Religionen“ oder „Zivilreligionen“. Sowohl strukturell, als auch inhaltlich, haben sie viel mit Religionen gemeinsam. Neo-Konservatismus ist eine dieser „politischen Religionen“. Das erklärt das Bündnis von christlichen Fundamentalisten und Neokonservativen, das 2001-2003 im Weißen Haus regierte. Fundamentalistischer Protestantismus ist in den Vereinigten Staaten sehr stark. Hier gibt es keine offizielle autoritative Bibelexegese wie im Mittelalter, jedoch beliebte Handbücher beziehungsweise sozusagen „Reiseführer in der Heiligen Schrift“ wie die Genfer Bibel der Reformationsära und die viel jüngere Scofield Bible. Die Details der klassischen Exegese bestimmen nicht die Religiosität und Erwartungen, jedoch gibt es noch Traditionen, die von dort stammen. Wichtiger sind die tieferen, basalen Deutungsmethoden der Exegese beziehungsweise die Prinzipien der Theologie, u.a. die Wechselwirkung der verschiedenen Deutungsebenen der Heiligen Schrift (im Fall der Gewalt das Wechselspiel zwischen physischen, moralischen, allegorischen und kosmischen Kriegen) und das janusköpfige Wesen eines monotheistischen Gottes, der sowohl der Gott des Friedens (im Neuen Testament), als auch des Krieges (im Alten Testament) ist. Diese Prinzipien prägen auch in Abwesenheit von theologischen Lehrern religiöse Motivationen. In diesem Sinne kann Theologie ohne Theologen präsent sein. 

"Klassische Gegenkonzepte sind China, Russland, Indien und die islamische Welt"

L.I.S.A.: Kommen wir noch einmal zurück zur ersten Frage: Islam und Christentum. Anders als das Christentum wird der Islam in medialen Veröffentlichungen vor allem als etwas Vormodernes betrachtet. Auch die Gewalt, die in dessen Namen ausgeübt wird, trägt – denkt man den IS oder an Bestrafungsrituale in Saudi Arabien - geradezu archaische Züge. Wie erklären Sie sich folgende Dichotomie: Christentum = modern und aufgeklärt, Islam = archaisch und unzivilisiert?

 

Prof. Buc: Die Genealogie dieses Vorurteils ist bekannt. Die Selbstdeutung Europas in den letzten Jahrhunderten als „modern“ ist mit Hilfe von Gegenbildern konstruiert worden. Man sollte zu diesem Thema Talal Asad, Formation of the Secular: Christianity, Islam, Modernity (Stanford 2003), lesen. Die Komparatistik eines Max Weber, die mehr oder weniger die Basis für die in der Öffentlichkeit herrschende Meistererzählung der Modernität bildet, verortet Rationalität und jene Versionen der christlichen Religion, die dieselbe sozusagen „tragen“, in der europäischen Stadt des Mittelalters und der Neuzeit, mit Bürgertum, freien Einungen und Frühkapitalismus. Klassische Gegenkonzepte sind China, Russland, Indien und die islamische Welt. Die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert erlaubt jedoch keine solche Vereinfachung.

"Fundamentalismus ist hier das Problem und die Hürde"

L.I.S.A.: Bruno Latour ruft in seinem Essay „Krieg der Welten – wie wäre es mit Frieden?“ die westlichen Gesellschaften dazu auf, den Krieg als solchen anzuerkennen, um danach erst in die Lage zu kommen, Verhandlungen aufnehmen zu können, mit dem Ziel Frieden zu schließen. Wie steht es dabei um die Friedensfähigkeit des Christentums? Können theologisch motivierte Kriege nach ihrem Ende überhaupt zu wahrem Frieden führen?

 

Prof. Buc: Diese sind zwei verschiedene Fragen. Mein Buch interessiert sich für Gewalt und Krieg; theologisch steht Krieg jedoch in einer dialektischen Beziehung zu Frieden. In den heiligen Schriften ist Gott sowohl (einerseits) Gewaltherrscher, Rächer und Krieger, als auch (andrerseits) barmherziger Hirte, Friedensfürst und Opfer. In diesem Sinne wohnt dem Christentum sowohl die Fähigkeit zum Krieg, als auch zum Frieden inne. Die theologische Vorstellung war, dass Krieg dem ewigen, echten Frieden diente. Wenn man einen Frieden als unecht bewertete, war erneut Krieg nötig. Heute können vielleicht die Akzente verschoben werden. Erstens sind die heutigen Konfessionen in der Lage, auf Basis der modernen Bibelkritik die Äußerungen von Propheten u.a. zu historisieren. Fundamentalismus ist hier das Problem und die Hürde. Zweitens gab es immer das Potential, jene Bibelstellen, die den Buchstaben nach Gewalt fordern, zu allegorisieren; in Beziehung dazu steht die Möglichkeit, jene Bibelstellen, die dem Alten Testament angehören, als zu einer nicht mehr exemplarischen Ära gehörend von der Gegenwart der Kirche abzugrenzen. Diese Technik gehört der Theologie und wurde von Pazifisten benützt, z.B. von Roger Williams, dem Gründer von Rhodes Island. Williams leugnete, dass die Puritaner Neuenglands ein „neues Israel“ waren, mit dem Recht zu Eroberungen und der Pflicht zur Intoleranz. Laut Williams gab es, im Gegensatz zum Alten Bund vor Christus, in der neuen Ära nach Christus keinen Bund zwischen Gott und einer bestimmten Nation mehr. Historisch betrachtet kann jede Dialektik sich in ihre Komponenten auflösen – in diesem Falle entweder in Richtung Frieden oder in Richtung Krieg.

Prof. Dr. Philippe Buc hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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