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M.A. Birte Ruhardt | 04.06.2015 | 884 Aufrufe | 1 | Interviews

Vom Musikwissenschaftler zum Kabarettisten

Interview mit Martin Zingsheim über seinen Berufsweg nach der Promotion

Dr. Martin Zingsheim hat Musik-, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften sowie Philosophie studiert. An das Studium schloss er die Promotion im Fach Musikwissenschaften an, die aber nicht den Beginn einer akademischen Laufbahn bedeutete, sondern eher einen Schlusspunkt setzte. Denn seit einigen Jahren tourt er als Kabarettist durch Deutschland und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Von seinem Schritt aus der wissenschaftlichen Karriere in den Geisteswissenschaften ins Tourneeleben erzählt er in diesem Interview.

Dr. Martin Zingsheim (Foto: Tomas Rodriguez)

"Bis ich irgendwann gemerkt habe, dass ich Noten schreiben hasse"

L.I.S.A.: Wann und wie haben Sie Ihr Interesse für das Kabarett entdeckt?  

 

Dr. Zingsheim: Ich hatte gar keins. Also Interesse schon, für alles Mögliche, aber nicht für Kabarett, Comedy, Kleinkunst, oder wie auch immer man das alles nennen mag. Wahrscheinlich bin ich in die Kleinkunstszene abgerutscht wie andere ins Drogenmilieu, sprich durch Zufall und "schlechten" Umgang. Ich habe immer Musik gemacht und mir selber gerne größere und kleinere Stücke ausgedacht, schon zur Jugendzeit und dachte lange, ich würde einmal ein sogenannter seriöser Komponist, mit schrecklich überkomplexen und schwer verständlichen Werken mit kaum realisierbaren Besetzungsangaben, bis ich irgendwann gemerkt habe, dass ich Noten schreiben hasse. Eher suboptimal, wie ich zugeben musste. So kam also alles anders. Nach der Schulzeit landete ich beim legendären Springmaus-Improvisationstheater in Bonn. Dort wurde zum ersten Mal das Einzige, was ich konnte, tatsächlich gebraucht, nämlich die Hits der letzten fünftausend Jahre im fliegenden Wechsel und jeden Abend anders ineinanderzumixen und ohne Umschweife zwischen Bach, Beatles, Backstreet Boys und Beethoven hin- und herzuwechseln.

 

Nebenher habe ich angefangen, Texte von anderen unbekannten Menschen zu vertonen und ansonsten aushilfsweise Hotel-Essen musikalisch zu untermalen. Zum Glück lernte ich 2006 Henry Schumann und Sebastian Pufpaff kennen und unter dem wenig bescheidenen Namen "Das Bundeskabarett" tourten wir fünf Jahre lang quer durch die Republik und haben so ziemlich alles erlebt, was man sich unter dem Stichwort 'Tourneeleben' so vorstellen mag: absurde Garderoben, unfassbare Unterkünfte, phänomenales bis unterirdisches Essen, Freundschaft, Enttäuschung, Jubel, Frustration und latent oxidierte Wurstbrötchen. Ich saß am Klavier, sang ein paar Lieder, steuerte dreieinhalb Sätze zum Bühnengeschehen bei und konnte den Rest der Zeit zwei sehr, sehr witzigen Menschen "bei der Arbeit" zuschauen und von ihnen lernen. Das allerdings war wirklich ein Glücksfall für mich.

"Geisteswissenschaftliches Schreiben hat ja auch seine ganz eigene Komik"

L.I.S.A.: Sie haben Musikwissenschaften, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften und Philosophie studiert. Profitieren Sie von Ihrem geisteswissenschaftlichen Studium in Ihrem jetzigen Beruf? 

 

Dr. Zingsheim: Schwierig zu sagen. Nicht direkt wahrscheinlich. Aber abends nach der Vorstellung fragen mich Zuschauer oft, ob ich eigentlich "irgendwas Geisteswissenschaftliches" studiert hätte. Tatsächlich ist es wohl so, dass mich die Studienzeit vor allem sprachlich geprägt hat und immer wieder tauchen in meinen Programmen kleine, weitgehend kryptische Wortfetzen aus so mancher Theorie von früher auf. Geisteswissenschaftliches Schreiben, wenn es sich in die terminologischen Höhen eines gewissen Theorieüberschusses aufschwingt, hat ja auch seine ganz eigene Komik, wie überhaupt jegliche Form extremen Expertentums von Außen betrachtet oftmals nicht wenig lustig daherkommt. Den folgenden Satz aus meinem zweiten Programm "Hier wird natürlich durch die Verkörperung einer transpersonalen Geworfenheit die Existenzkrise des Subjekts, also die topologische Tautologie postmoderner Referenzialität als performativ mimetische Hybris diskursimmanent vergegenwärtigt" muss ich der Presse immer wieder mal aufschreiben und das Publikum liebt ihn, gerade weil er komplett sinnentleert lediglich von musikalisch-rhythmischem Wert ist.

"Das Rennen zwischen Uni und Bühne"

L.I.S.A.: Wieso haben Sie dennoch in den Musikwissenschaften promoviert, obwohl Sie schon als Kabarettist arbeiteten? Schließen Sie eine wissenschaftliche Karriere für sich aus?

 

Dr. Zingsheim: Es war für mich gar nicht so klar, dass das Rennen zwischen Uni und Bühne so schnell zugunsten des Theaters ausgehen würde. Lange Zeit habe ich mir gewünscht, nach Möglichkeit beides parallel machen zu können und zur Zeit der Promotion habe ich auch eher ab und zu Auftritte gespielt und habe dann meistens 50 Euro mitgebracht statt 200 zu verdienen. Seit 2013 ist die Zahl der Gastspiele zwischen Neumünster und Zürich dann so rasant angestiegen (im vergangenen Jahr waren es 182), dass auch ich einsehen musste, dass ich - wenn ich mich nicht entscheide - zukünftig ein semiguter Kabarettist und mittelmäßiger Wissenschaftler sein würde. Dann lieber auf eine Sache konzentrieren, auch wenn mir der Campus von Zeit zu Zeit fehlt, denn der Kaffee war echt gut, viel besser als er in der Regel backstage ist.

Dr. Martin Zingsheim bei "Songs an einem Sommerabend" (Foto: Birgit Söll)

"Auch das Leben mit zwei (bald drei) kleinen Kindern bietet Inspiration"

L.I.S.A.: Welche Themen behandeln Sie in Ihren Auftritten und woher nehmen Sie die Ideen?

 

Dr. Zingsheim: Ich nehme sie gar nicht, sie kommen einfach zu mir. Mein soziales Umfeld erträgt es mit Fassung, dass ich häufig mitten im Gespräch anfange, irgendwas ins Handy zu tippen oder auf Zettel zu kritzeln, damit ich den mehr oder weniger sinnvollen Geistesblitz nicht sofort wieder vergesse zwischen Wickeln, Kochen und Mittagsschlaf. Und ja, auch das Leben mit zwei (bald drei) kleinen Kindern bietet manchmal mehr Inspiration, als man verkraften kann. Ich halte Augen und Ohren offen, sauge jegliche verfügbaren Informationen auf und habe keinen Fernseher, das scheinen bislang ganz gute Maßnahmen für das Schreiben von Bühnenshows, die nicht wie hundert andere klingen. Wobei "schreiben" schon falsch ist. Ich schreibe die Texte eigentlich nicht, sondern gehe so lange mit der ein oder anderen Idee im Kopf "schwanger" umher, erzähle mir selber immer wieder einzelne Bruchstücke, die dann zu ganzen Nummern anwachsen und quasi erstmal mental vor sich hinwuchern. Daher auch der Titel meines aktuellen Soloprogramms: "kopfkino". Aufschreiben muss ich die Sachen eigentlich nur dann, wenn ich sie im Fernsehen sprechen soll, die wollen im Gegensatz zum Radio nämlich vorher immer alles lesen. Ich dagegen pflege - geisteswissenschaftlich angehaucht formuliert - eher eine Art "orale Tradition" bei der Herstellung meiner Texte, die ja ohnehin eigentlich nur gesprochen existieren.

"Mich hat die Zeit der Promotion sehr glücklich gemacht"

L.I.S.A.: Sie haben über Karlheinz Stockhausens Intuitive Musik promoviert. Inspiriert er Sie bei Ihren Kabarett-Auftritten?

 

Dr. Zingsheim: Glücklicherweise nicht. Oder vielleicht doch? Was ich eben in Sachen Kreativität gesagt habe, klingt tatsächlich fast ein bisschen nach Stockhausens Vorstellung von Inspiration. Mich hat die Zeit der Promotion jedenfalls sehr glücklich gemacht, diese monothematische Konzentration auf einen einzigen Gegenstand, die Planung einer doch recht umfangreichen Arbeit, all das hat mir glaube ich sehr gut getan und hilft mir heute manchmal, wenn ich über die langfristigen komödiantischen Vorhaben nachdenke. Das humoristische Arbeiten dagegen ist ja meistens eher "von der Hand in den Mund": morgens ausgedacht, abends schon auf der Bühne getestet, nicht geklappt, wieder weggeschmissen, nächste Idee und wieder von vorn. Aber wenn ich mir meine Pläne für zukünftige Programme so anschaue, eins zum Thema Religion, eins zum Thema Weltkulturerbe, vielleicht eins zum Thema Verschwörungstheorien, da kommt dann der stillgelegte Geisteswissenschaftler in mir hoch und hat plötzlich Lust auf Recherche in grell ausgeleuchteten Lesesälen. 

"Wenn alles klappt, feiern wir Premiere in Köln"

L.I.S.A.: Was ist Ihr nächstes Ziel? Wo möchten Sie beispielsweise in Zukunft als Kabarettist auftreten?

 

Dr. Zingsheim: Der Tourplan bis Mitte 2016 ist erfreulicherweise bereits rappelvoll, die Zuschauer werden auch immer mehr und es gibt einen großen Haufen wilder Ideen für die nahe und ferne Zukunft. Nächstes Jahr wird es eine Art musikalisches Best-Of geben mit einer kleinen, aber ganz wunderbaren Band. Alle meine Lieblingslieder und einige neue werden dann einmal ganz anders erklingen, das wird sicher schön rockig. Wenn alles klappt, feiern wir Premiere in Köln im fantastischen Gloria-Theater. Das wäre auf jeden Fall ein großes Ziel für zum drauf freuen. Ansonsten würde ich gerne mal ein gutes Buch lesen und zwar ohne dabei zu überlegen, was davon ich wie ins Programm einbauen könnte. Das wäre echter Luxus!

Dr. Martin Zingsheim hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Ursula Stricker-Ellsiepen (M.A.) | 10.06.2015 | 19:47 Uhr
Wunderbar erfrischendes Interview! Als Kultur- und Musikwissenschaftlerin ein großer Genuss.

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