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M.A. Andreas C. Hofmann | 21.01.2013 | 7744 Aufrufe | 1 | Beiträge

Wissenschaftstheorie, Wissenschaftspolitik und die Gründung eines "Instituts für Studentisches Publizieren" — einige Überlegungen

Es ist nun auch an deutschen Universitäten keine Seltenheit mehr, dass Studierende nicht nur zur Feder greifen, sondern die zu Tage geförderten Ergebnisse in redaktionell betreuten und lektorierten Publikationsorganen einer breiten Öffentlichkeit präsentieren. Trotzdem steht das Studentische Publizieren im deutschsprachigen Raum noch immer in den Kinderschuhen. Immerhin kann die Geschichtswissenschaft, die ja per se eine nicht immer zukunftsorientierte Zunft ist, mittlerweile vier etablierte Plattformen vorweisen, welche Studierenden eine Möglichkeit bieten, ihre während des Studiums erworbenen Forschungsergebnisse nach wissenschaftlichen Standards im Internet zu publizieren. Was aber sind diese vier Plattformen? Wie ist Studentisches Publizieren zu definieren? Ist es eine neue Form von Wissenschaftskommunikation? Und nicht zuletzt: Welche institutionalisierten Rahmen sind denkbar, um Studentisches Publizieren voranzutreiben?

Was versteht man unter Studentischem Publizieren? Da es an einer anerkannten Definition bisweilen mangelt, ist zuerst die Ausgangslage zu betrachten. So identifizieren beispielsweise die Macher von w.e.b.Square. Wissensmanagement und E-Learning unter Bildungsperspektive, einem von der Deutschen Initiative für Netzwerkinformationen e.V. ausgezeichneten studentischen Magazin am Institut für Medien und Bildungstechnologie der Universität Augsburg, die Behebung des mangelnden Wissensaustauschs unter Studierenden als ein Leitmotiv ihrer Arbeit.[1] Aber Studentisches Publizieren kann nicht nur im Wissensaustausch unter Studierenden bestehen. Die Herausgeber des Mainzer Skriptum. studentische onlinezeitschrift für geschichte und geschichtsdidaktik gehen schon weiter, indem sie Studierenden ein Forum zur Veröffentlichung herausragender wissenschaftlicher Arbeiten und Unterrichtsentwürfe bieten wollen.[2] Bereits einen qualitativen Schritt voran geht das Vorwort zur ersten Ausgabe der Hannoveraner Perspektivräume. Historische Zeitschrift aus studentischer Hand, welches die Zeitschrift als einen „Publikationsraum“ für Studierende versteht.[3] Hierbei ist es wichtig, wie das Münchner Projekt »aventinus. Studentische Publikationsplattform Geschichte« zutreffend formuliert, eine kritische und zugleich faire Redaktion zu haben,[4] da studentische Publikationen stets einer besonderen Beobachtung durch die Fach- und Nachwelt unterliegen — auf das Negativbeispiel hausarbeiten.de sei nur der Vollständigkeit halber hingewiesen. Als ein zentrales Kriterium der Konzeption ihres Portals benennen die Koordinatoren des von der Technischen Universität Darmstadt herausgegebenen reviewlution.net. studentisches Rezensionsjournal beispielsweise die „Studienrelevanz“.[5] Man sieht also, dass Studentischem Publizieren unterschiedliche Konzepte zu Grunde liegen können.

 

Aber nun zurück zur Ausgangsfrage: Was ist Studentisches Publizieren überhaupt? Studentisches Publizieren bezeichnet die Veröffentlichung während des Studiums erworbener Forschungsergebnisse — es handelt sich somit um ein wissenschaftlich-studentisches Publizieren im Gegensatz zu einem journalistisch-studentischen Publizieren, wie es viele Campuszeitungen pflegen.[6] Dass hierbei die entsprechenden Plattformen häufig studentischen Initiativen entspringen, ist keine zwingende Voraussetzung für eine Einordnung einer Publikation als studentisch. Es kommt vielmehr auf den studentischen Autor an, wobei es sich anbietet, sich an dem angloamerikanischen Begriff student zu orientieren. Umfasst dieser doch alle Formen einer akademischen Ausbildung: vom klassischen Studenten, über Promotionsstudenten bis hin zu Referendaren.[7] Darüber hinaus soll an dieser Stelle konstatiert werden, dass es sich bei Studentischem Publizieren um eine neue Form der Wissenschaftskommunikation handelt, welche die mangelnde Einbindung Studierender in den Wissenschaftsdialog beheben soll. Denn Studentisches Publizieren kann die klassischen Funktionen von Wissenschaftskommunikation der Zuordnung, Überprüfung, Bekanntmachung und Archivierung von Forschungsergebnissen durchaus erfüllen, wenn gewisse Standards eingehalten werden.[8] Hierbei ist eine Gratwanderung zwischen den wissenschaftlichen Ansprüchen an ein Qualitätsmanagement und der der studentischen Mentalität entspringenden redaktionellen Freiheit zu bewerkstelligen. So gibt beispielsweise das Soziologiemagazin. Publizieren statt Archivieren die Entscheidung über eine Publikation in die Hände eines wissenschaftlichen Beirats, welcher anhand eines klaren Kriterienkatalogs über eine Veröffentlichung entscheidet.[9] Es ist somit festzuhalten, dass auch die Trägerschaft des Projektes und der Redaktion ein Unterscheidungskriterium innerhalb Studentischen Publizierens darstellen können. Ferner erscheint es nicht sinnvoll, Publikationen Studierender in anerkannten Fachzeitschriften als studentisch einzuordnen. Denn auch wenn es in der Öffentlichkeit teilweise anders scheint,[10] stellt dies doch bislang eher die Ausnahme dar. Aber eine abschließende Definition von Studentischem Publizieren zu liefern, kann hier nicht die Aufgabe sein.

 

Vielmehr soll es im Folgenden auch darum gehen, einige wissenschaftstheoretische Fragen an Studentisches Publizieren zu entwickeln. Denn betrachtet man Studentisches Publizieren als eine neue Form von Wissenschaftskommunikation, muss die Frage nach dem Mehrwert der studentischen gegenüber den ‚herkömmlichen‘ wissenschaftlichen Publikation erlaubt sein: Haben Studierende wirklich eine andere Perspektive auf wissenschaftliche Themen? Vermeidet der unvorbelastete studentische Blick eine Betriebsblindheit, wie sie jeder Wissenschaftler in seiner Laufbahn schon einmal erlebt hat? Um eines vorweg zu nehmen: Die Erfahrungen in Studentischem Publizieren zeigen beispielsweise auf, dass Studierende mit einem anderen Anspruch für ein breites Publikum schreiben, als wenn sie ihre Forschungsergebnisse ‚nur‘ einem Dozenten präsentieren müssen.[11] Dies allein als einen Mehrwert zu definieren, wäre zu kurz gegriffen. Es verdeutlicht allerdings, dass Studentisches Publizieren doch mehr bewirken kann, als ‚arme‘ ausgeschlossene Studierende in den Wissenschaftsdialog einzubeziehen und deren Seminararbeiten vor dem digitalen Recycling zu bewahren. Studentisches Publizieren sollte sich auch keinesfalls als eine Konkurrenz zur konventionellen Wissenschaft, sondern vielmehr als eine Ergänzung sehen — eine Ergänzung, welche die Einheit von Lehre und Forschung propagiert und hierbei akademisches Lernen als eine Vorstufe zu künftiger wissenschaftlicher Arbeit versteht. Hierbei müssen die Studierenden raus aus dem ‚Hamsterrad‘ und rein in den Elfenbeinturm, denn ihre während des Studiums erbrachten Leistungen bleiben so lange Trockenübungen, wie sie nicht in den Wissenschaftsdialog eingebracht werden. Das Historische Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München beschreitet hierbei seit kurzem akademisches Neuland, indem es Fördermittel für studentische Forschergruppen oder die Publikation studentischer Abschlussarbeiten ausschreibt.[12] Es versteht sich bei alldem von selbst, dass Autoren und Redakteure sich denselben Regeln wie der restliche Wissenschaftsbetrieb stellen müssen. Denn so wie eine studentische Veröffentlichung durchaus in der Lage ist, eine wissenschaftliche Karriere zu fördern,[13] kann die fahrlässige Veröffentlichung eines fachlich nicht vertretbaren Textes auch Hindernisse für die Zukunft bringen. Umso wichtiger ist es hierbei insbesondere für die Projekte, welche keine professorale Begutachtung in Anspruch nehmen, ein einwandfreies Qualitätsmanagement zu etablieren. So verzichtet aventinus zwar auf eine Begutachtung durch fachlich ausgewiesene Wissenschaftler. Jeder Artikel muss allerdings innerhalb der Redaktion — deren Zusammensetzung von Studierenden im Hauptstudium bis hin zu promovierten wissenschaftlichen Mitarbeitern reicht — ein dreistufiges Begutachtungsverfahren durchlaufen.[14]

 

Um an dieser Stelle ein Zwischenfazit zu versuchen: An einer anerkannten Definition von Studentischem Publizieren mangelt es bisweilen. Es kann festgehalten werden, dass ein studentischer Autor als Voraussetzung gilt, wobei zusätzliche Faktoren wie studentische Trägerschaft des Publikationsorgans, Studienrelevanz der Veröffentlichung oder Etablierung eines wissenschaftlichen Dialogs unter Studierenden unterschiedliche Möglichkeiten einer Definitionserweiterung sind. Außerdem stellt Studentisches Publizieren als neue Form der Wissenschaftskommunikation die Wissenschaft vor neue Herausforderungen, welchen mit einer wissenschaftstheoretischen Herangehensweise begegnet werden muss. Es muss aber auch eine wissenschaftspolitische Auseinandersetzung stattfinden, die den zunehmenden Trend, während des Studiums erarbeitete Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, berücksichtigt: Unter welchen Voraussetzungen sind studentische Veröffentlichungen zitationsfähig? Dürfen entsprechende Titel als Prüfungsliteratur angegeben werden?[15] Wäre es nicht an der Zeit, bei Rankings sowie leistungs- und belastungsbezogenen Mittelzuweisungen auch die Publikationskraft Studierender zu berücksichtigen? Betrachtet man die bislang aufgeworfenen wissenschaftstheoretischen und wissenschaftspolitischen Fragen, wird deutlich, dass bislang kein Rahmen existiert, der sich mit derartigen Problemstellungen auseinandersetzt.

 

An diese Feststellung knüpfen einige Überlegungen an, welche innerhalb von aventinus geführt werden; nämlich eine organisatorische Grundlage zu schaffen, welche genau diese Lücke schließt und folgende Funktionen übernehmen könnte:

  • Wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit Studentischem Publizieren als neuer Form von Wissenschaftskommunikation
  • Erarbeitung und Vertretung wissenschaftspolitischer Diskurse, um Studentisches Publizieren weiter zu etablieren

  • Durchführung von Veranstaltungen und Informationsdiensten, um die fachübergreifende Vernetzung studentischer Publikationsorgane voranzutreiben

  • Etablierung eines Kompetenzzentrums, um die mit Studentischem Publizieren gesammelten Erfahrungen weiterzugeben[17]

 

aventinus evaluiert gegenwärtig die Durchführbarkeit dieses Ziels, welches unter dem Arbeitstitel Institut für Studentisches Publizieren firmiert. Diese Bezeichnung orientiert sich hierbei beispielsweise am Institut für Dokumentologie und Editorik e.V. aus Köln,[16] welches ein für sein Fachgebiet ähnliches Aufgabenspektrum wie das geplante Institut für Studentisches Publizieren aufweist.

 

An konkreten Aktivitäten des Instituts wären beispielsweise die Etablierung einer interdisziplinären Mailingliste zu Studentischem Publizieren, die Veranstaltung von Tagungen und Workshops, eigene Publikationen zu den oben genannten Punkten oder auch konkrete wissenschaftspolitische Arbeit denkbar. aventinus hat bereits in der Satzung seines Trägervereins Vorkehrungen für den Fall getroffen, dass es die Trägerschaft eines solchen Instituts antreten würde. Aufgrund seiner mehr als siebenjährigen Erfahrung in Studentischem Publizieren, seinem weit etablierten Netz an Partnern sowie seiner internationalen Aufstellung würde aventinus den idealen Rahmen für ein Institut bieten.[18] Idealerweise und zur Stärkung seiner transdisziplinären Qualität könnte ein solches Institut in enge Kooperation mit der Studierendenvertretung einer großen deutschsprachigen Universität treten, welche sich unter anderem durch einen Bei-Status äußern könnte.

Andreas C. Hofmann (*1980) ist ehrenamtlicher Geschäftsführender Herausgeber von »aventinus. Studentische Publikationsplattform Geschichte« (http://www.aventinus-online.de) sowie ehemaliger Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung und setzt sich seit längerem mit praktischen und theoretischen Aspekten Studentischen Publizierens auseinander. Kontakt: institut@aventinus-online.de 

Anmerkungen:

 

[1] Sandra Hofuehs / Tamara Ranner: Studentisches Publizieren unter Vernetzten Bedingungen: die Online-Zeitschrift w.e.b.Square (=Präsentation bei den Vernetzungstagen 2011) [03.03.2011], www.dini.de/fileadmin/workshops/vernetzungstage_2011/hofhues_websquare.pdf.



[2] Dominik Kasper / Max Grüntgens: Editorial, in: Skriptum. studentische onlinezeitschrift für geschichte und geschichtsdidaktik Ausg. 1/2011 [02.05.2011], urn:nbn:de:0289-2011051805.



[3] Florian Grumblies / Stefan Mazur / Vanessa Erstmann: Vorwort zur ersten Ausgabe, in: PerspektivRäume. Historische Zeitschrift aus studentischer Hand Ausg. 1/2010, S. 1-4, www.perspektivraeume.uni-hannover.de/vorwort.html, [09.04.2010].



[4] Andreas C. Hofmann: Ein Angebot für Studentisches Publizieren in den Geschichtswissenschaften: aventinus. Studentische Publikationsplattform Geschichte, in: Nomen Nominandum. Studentisches Magazin für das Historische Seminar Ausg. 6 (WS 2010/11), S. 12-14, hier S. 12.



[5] [Editorial], in: reviewlution.net. studentisches Rezensionsjournal (Ende 2011), www.geschichte.tu-darmstadt.de/index.php?id=reviewlution.



[6] Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum. Namen, Adressen, Herausgeber, Profile, Links, in: Ruprecht. Heidelberger Studierendenzeitung, www.ruprecht.de/zeitungen.



[7] Beispiele der verschiedenen Bedeutungen des Begriffs und seiner Komposita finden sich beispielsweise unter dict.leo.org/ende?search=student.



[8] Ausführlich vgl. Andreas C. Hofmann: „Studentisches Publizieren als neue Form von Wissenschaftskommunikation“ (=Vortrag beim Verein der Ehemaligen, Freunde und Förderer des Historischen Seminars der LMU München, 18.07.2012), in: aventinus generalia Nr. 15 [209.12.2010 / 118.07.2012], www.aventinus-online.de/index.php?id=3789.



[9] Hinweise für Autor_innen, in: soziologieblog. Das Wissenschaftsblog des Soziologiemagazins, soziologieblog.hypotheses.org/hinweise-fur-autor_innen.



[10] Tina Rohowski: Wie veröffentliche ich einen Aufsatz in einer Fachzeitschrift?, in: Zeit-Online [24.07.2011], www.zeit.de/studium/uni-leben/2011-07/forschung-veroeffentlichung-fachmagazin.



[11] Hierzu und zu weiteren wissenschaftstheoretischen Aspekten auf Studentisches Publizieren vgl. Andreas C. Hofmann: Interview: Generation Internet stürmt den Elfenbeinturm, in: Forum. Zeitschrift der StipendiatInnen der Friedrich-Ebert-Stiftung Nr. 2/2010, durchges. zweitpubl. in: aventinus generalia Nr. 6 [04.01.2011], www.aventinus-online.de/index.php?id=3176.



[12] Andreas C. Hofmann: Förderung Studentischer Forschergruppen und Abschlussarbeiten durch das Studienbüro des Historischen Seminars der LMU München, in: aventinus specialia Nr. 42 [31.10.2012], www.einsichten-online.de/2012/10/3489.



[13] Julia Zahlten: Studentenmagazine an der LMU. Kreative Spielwiese, in: MünchnerUni Magazin. Zeitschrift der Ludwig-Maximilians-Universität München Ausg. 4/2009, S. 4-7, hier S. 7, www.uni-muenchen.de/aktuelles/publikationen/mum/archiv.



[14] Andreas C. Hofmann: Zu den Redaktionsabläufen bei aventinus. Workflow zur Artikelpublikation, in: aventinus interna Nr. 3 [13.11.2011], www.aventinus-online.de/no_cache/persistent/artikel/9138.



[15] Hierbei waren in der Vergangenheit bereits erste Erfolge zu verzeichnen, indem beispielsweise sämtliche Artikel aus »aventinus« in die Historische Bibliographie der Arbeitsgemeinschaft Historischer Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland eingetragen werden (www.oldenbourg.de/verlag/ahf/hbo.php?F=institute&id=%201148) oder das Mainzer Magazin Skriptum mit Unique Ressource Names (URN) und ISSNs der Deutschen Nationalbibliothek ausgestattet ist.



[16] www.i-d-e.de.



[17] Die technischen Hürden Studentischen Publizierens erläuterte Andreas C. Hofmann: Studentisches Publizieren — eine leichte Kunst? Zu den technischen Hintergründen von »aventinus. Studentische Publikations­plattform Geschichte« (=Vortrag bei der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Geschichte und EDV, Stuttgart 30.11.2012), in: aventinus specialia Nr. 44 [30.11.2012], www.einsichten-online.de/2012/11/3630/.



[18] Andreas C. Hofmann: Von der Historischen Internetzeitschrift von Studierenden für Studierende zur Studentischen Publikationsplattform Geschichte. Perspektiven und Probleme studentischen Publizierens am Beispiel von aventinus, in: aventinus generalia Nr. 1 [221.08.2012 / 117.06.2010], www.aventinus-online.de/service/ueber-uns.

Kommentar

von Gert Pauly | 07.08.2013 | 15:44 Uhr

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