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Georgios Chatzoudis | 14.01.2016 | 1080 Aufrufe | Interviews

"Xenophobie ist die dunkle Seite der Zivilisation"

Interview mit Erhard Oeser über die Geschichte der Angst vor dem Fremden

Der Begriff Xenophobie ist deutlich jünger als die entsprechende menschliche Verhaltensweise an sich. Laut Wikipedia und einer Worthäufigkeitsanalyse beim Google Ngram Viewer taucht der Begriff zum ersten Mal Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich auf, später dann auch in Deutschland und England - wenn auch nur vereinzelt. Einen exponentiellen Schub erhält die Verwendung des Wortes in Büchern und Journalen in den 1990er Jahren. Heute nimmt Xenophobie als Reaktion auf die großen Fluchtbewegungen von Afrika und Vorderasien nach Europa wieder ein besorgniserregendes Ausmaß an. So jung der Begriff, so alt das Konzept der Angst vor dem Fremden. In seinem neuesten Buch geht der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Prof. Dr. Erhard Oeser dem Phänomen Fremdenfeindlichkeit seit den Anfängen der Menschheit auf den Grund. Wir haben ihn dazu befragt.

"Auch um eine kritische Betrachtung der eigenen Kultur bemühen"

L.I.S.A.: Herr Professor Oeser, Sie haben ein neues Buch vorgelegt, das sich mit der Angst vor dem Fremden - so auch der Titel - beschäftigt. Ihr Thema ist die Geschichte der Xenophobie. Allein ein Blick in das Inhaltsverzeichnis erweckt den Eindruck, als sei Xenophobie eine anthropologische Konstante, als gehöre Angst vor dem Fremden zum Grundgerüst des Menschseins, als ziehe sich deshalb Xenophobie wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Ist das so richtig verstanden? 

 

Prof. Oeser: Als „anthropologische Konstante“ möchte ich die Xenophobie oder „Angst vor dem Fremden“ nicht bezeichnen. Denn das könnte man im Sinn eines genetischen Determinismus missverstehen. Das würde bedeuten, dass es sich dabei um eine unveränderbare angeborene Eigenschaft des Menschen handelt.

 

Das aber wird heutzutage in der in der naturwissenschaftlich orientierten Anthropologie nicht vertreten. Denn das genetische Programm des Menschen ist ein offenes Programm, das für den Einfluss der sozialen Umwelt zugänglich ist. Der Begriff „Xenophobie“ ist daher eher harmlos auf die Angst (phobos) vor einem Fremden (xenos) bezogen, die sich, ohne eine direkte Bedrohung erfahren zu haben, ab einen gewissen Kindesalter fast ausnahmslos bei allen Völkern zeigt, die aber im Lauf der fortschreitenden Entwicklung wieder verschwindet. In der Humanethologie gibt es aber genügend Hinweise, dass die Wurzeln grundlegender Verhaltensweisen des Menschen weit in den vormenschlichen Bereich zurückreichen. Das gilt in einem gewissen Maße auch für die Xenophobie, die für das Überleben des Individuums und der Art eine wichtige Funktion besitzt. Fremdenangst lässt sich daher ursprünglich als ein Schutzmechanismus verstehen. Man weiß ja nicht, welche Absichten der Fremde verfolgt. Ist er feindlich? Ist er freundlich? Da ist es vernünftig, erst einmal vorsichtig zu sein. Die Wurzeln dieses Schutzmechanismus liegen in der Vorgeschichte des Menschen als biologischer Art. Angst und Misstrauen gehören sicher zu den ältesten Gefühlsregungen der Menschheit. Es handelt sich dabei zwar um eine genetische Disposition, doch sie bedeutet keinen genetischen Determinismus. Hinzu kommt noch, dass ja die moderne Genetik das Angeborensein auf die statistisch messbare Wahrscheinlichkeit bezieht, ob sich ein Merkmal in bestimmter Umgebung und unter bestimmten Bedingungen, nicht aber in allen Umgebungen und unter jeder Bedingung entwickeln wird. In diesem Sinn ist Xenophobie ein fundamentales Phänomen, aus dem der Rassismus nicht notwendigerweise als Folgeerscheinung entstehen muss. Eine biologistische Begründung des Rassismus ist nur ein Irrtum des Sozialdarwinismus, der mit Darwin selbst, der die Einheit des Menschengeschlechtes (Homo sapiens) vertreten hat, nichts zu tun hat. Für Darwin sind Rassen nur Untereinheiten von Arten oder Varietäten, die sich untereinander fruchtbar vermehren können. Eine klare Bestimmung des Artbegriffs hat ja bereits Goethe geliefert: „Was sich paart und schart, das nenn ich eine Art“. Dagegen wird Hitlers durch den Nationalismus politisch motivierter demagogischer Unsinn betreffend die biologische Vererbung am deutlichsten an seinen Beispielen aus der Tierwelt erkennbar. Dort verwechselt er nämlich in seiner Argumentation in Bezug auf den Begriff der Menschenrassen den biologischen Rassenbegriff, der nur eine Subspezies darstellt, mit dem Art- oder Gattungsbegriff, wenn er sagt: „Jedes Tier paart sich nur mit einem Genossen seiner Art. Meise geht zu Meise. Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, der Wolf zur Wölfin u.s.w.“ (Hitler 1934, S. 311). Es ist erschreckend und heutzutage kaum vorstellbar, dass eine derartige pseudowissenschaftliche Ansicht die Grundlage des Antisemitismus war, der sich damals im nationalsozialistischen Deutschland mit all seinen fürchterlichen Folgen entwickelt hat.

 

Was dagegen heutzutage massiv vertreten wird und die öffentliche Diskussion bestimmt, ist ein "Neorassismus" oder "Kulturrassismus". Dieser Neorassismus ist eine Denkweise, die kulturelle Differenzen anstelle von genetischer Ausstattung für "angeboren, unauslöschlich und unveränderbar" erklärt. Das Stichwort dazu ist "Clash of Civilizations" oder "Kampf der Kulturen". Die Botschaft lautet: Andere Kulturen seien auf einem niedrigen Stand und zur Anerkennung von Menschenrechten und Demokratie als Staatsform nicht fähig. Was dabei übersehen wird, ist die in der modernen Völkerkunde (Ethnologie) zustande gekommene Einsicht von der Subjektivität jedes kulturellen Standpunktes. Daher muss man sich nicht nur um das Verstehen fremder Kulturen sondern auch um eine kritische Betrachtung der eigenen Kultur bemühen. Denn Xenophobie ist eine Kulturerscheinung oder wie es die Aufklärungsphilosophen Rousseau und Voltaire gesehen haben, die dunkle Seite der fortschreitenden Zivilisation. In diesem Sinne, nämlich einer Aufklärungsschrift, möchte ich auch meine kulturhistorisch vergleichende Darstellung verstanden wissen.

"Auch bei den Aufklärern gibt es dunkle Flecken"

L.I.S.A.: Im Untertitel Ihres Buches setzen Sie sich zum Ziel, die Wurzeln dieses menschlichen Charakterzuges, der Xenophobie, aufzeigen zu wollen. Wo liegen diese Ihrer Meinung nach? Wie weit müssen wir zurück? 

 

Prof. Oeser: Die Wurzeln der Xenophobie, die sich in den jeweiligen kulturellen Traditionen unterschiedlich ausgeprägt hat, reichen weit zurück bis in die Anfänge der Menschheitsgeschichte. Sie sind in der durch schriftliche Dokumente belegte Geschichte des Menschen eindeutig nachweisbar. Bereits im antiken Griechenland findet man Belege für das Vorhandensein von Xenophobie. So muss man fremdenfeindliche Ansichten sogar bei den berühmten Philosophen Platon und Aristoteles feststellen. Bei Platon ist es die Idee eines gegenüber den Fremden (Barbaren) geschlossenen Staates und bei Aristoteles die Ansicht vom Barbaren als eines Sklaven von Geburt aus. Was die Aufklärungsfunktion der Philosophie betrifft sind sich zwar die Philosophen der Neuzeit zumeist darüber einig, dass Fremdenhass vor allem in der Form des Rassismus zu verdammen ist. Doch auch bei den Aufklärern gibt es dunkle Flecken. Beispiel ist die Negrophobie Voltaires, die nicht durch seine Hochachtung gegenüber den Arabern ausgeglichen oder entschuldigt werden kann. 

"Die Religion spielt eine verhängnisvolle Rolle"

L.I.S.A.: Wo sehen Sie entscheidende Zäsuren in der Geschichte der Xenophobie? Anders gefragt: Welche gesellschaftspolitischen Bedingungen begünstigen das Ausleben xenophober Gewalt, welche hegen sie eher ein? Inwieweit ist Xenophobie ein Phänomen von Krisenzeiten, von Zeiten des Umbruchs? 

 

Prof. Oeser: Zu entscheidenden Zäsuren in der Geschichte der Xenophobie kommt es vor allem in jenen Zeiten, in denen die politische und territoriale Macht eines Volkes durch Eroberungszüge auf fremden Territorien ausgeweitet wird. Die fundamentalen gesellschaftlichen Bedingungen für solche Eroberungen sind grundsätzlich wirtschaftlicher Art, vor allem die Sucht nach Gewinn von Reichtum und neuem Land (Beispiel: die Eroberung der neuen Welt Amerika, beginnend bereits mit Columbus). Dabei spielt die Religion, die auch im sogenannten „christlichen Abendland“ bis in die neueste Zeit von der Politik nicht getrennt war, eine verhängnisvolle Rolle, die sie heutzutage noch in den islamischen „Gottesstaaten“ hat. Dabei lässt sich auch ein ständig wiederkehrendes Schema erkennen. Immer dann, wenn Bekehrungsversuche gescheitert sind, war das der Wendepunkt, an dem Fremdenfeindlichkeit in Fremdenhass und damit in Gewalt umgeschlagen ist.

 

Das war sowohl bei Mohammed der Fall, der zwar von allem Anfang an keineswegs eine Vorliebe für die Juden hatte, doch war deren Macht bedeutend genug, dass er sie dennoch zu seinen Anhänger machen wollte. Als aber die Juden nicht die geringste Lust zeigten, von ihren Gesetzen abzuweichen und sich standhaft jeglichen Bekehrungsversuchen widersetzten, schlugen die Annäherungsversuche des gekränkten Propheten in unauslöschlichen Hass um. Das sollte auch einige Jahrhunderte später in Europa das Schicksal der ihren alttestamentarischen Glauben standhaft gegen die christlichen Bekehrungsversuche verteidigenden Juden sein. Da war es Martin Luther, der nach seinen gescheiterten Bekehrungsversuch zu einem der größten Hasser des Judentums wurde und zu dessen Vernichtung aufrief. Der religiöse Glaube diente seit jeher zur Rechtfertigung von schrecklichen Gräueltaten bis hin zum Völkermord. Der Andersgläubige gilt als Fremder, dem man niedrige Intelligenz und die schlechtesten Charaktereigenschaften zuschreibt, wie Grausamkeit, Fresssucht, Kannibalismus, Kindsmord, Menschenopfer usw.

 

Begünstigt wird das Ausleben xenophober Gewalt durch die Schaffung politischer Grenzen, welche die Vertreter anderer Volksstämme zu Minderheiten macht oder sie auf verschiedene politische Staaten aufteilt, so dass sie im Fall eines Krieges zwischen diesen Staaten zu fremden Feinden werden, die vertrieben oder getötet werden müssen. Historisches Beispiel dafür ist der Völkermord an den Armeniern in der Türkei, die in den Verdacht geraten waren, der Aufforderung nachgekommen zu sein, sich an ihre Stammes- und Glaubensbrüder im verfeindeten Russland anzuschließen. Beispiele heutzutage sind der Konflikt zwischen Türken und den kurdischen Minderheiten oder die Verfolgung von Christen in radikal islamischen Staaten. Die Hoffnung, dass es nach den beiden großen Weltkriegen keine Krisen mehr geben werde, hat sich nicht bewahrheitet. Es brechen vielmehr in der ganzen Welt immer neue Krisenherde auf. Statt großer zeitlich begrenzter Kriege gibt es einen weltweiten Terrorismus und eine Fluchtbewegung, die einer Völkerwanderung gleichkommt und dadurch einer permanenten, schier unausrottbaren Xenophobie Vorschub leistet.  

"Xenophobie ist in unseren Tagen zu einer wechselseitigen 'Blutrache' geworden"

L.I.S.A.: Heute begegnet uns in unseren westlichen Gesellschaften eine besondere Art der Xenophobie – die Islamophobie. Auffällig ist, dass Islamophobie kein Randphänomen der Gesellschaft ist, sondern tief in der sogenannten politischen Mitte verankert ist. Wie erklären Sie sich das? Spricht das für das erhöhte Gefahrenpotential, das von sogenannten Islamisten ausgeht, oder eher für eine politische Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte? 

 

Prof. Oeser: Die dominante Form der Xenophobie in unserer globalisierten Welt ist nach den Terroranschlägen in Amerika und Europa fraglos die Islamophobie. In ihr treffen alle Komponenten der Xenophobie zusammen, wie sie in der Geschichte der Menschheit nachweisbar sind: Angst, Hass und Fremdenfeindschaft. Betrachtet man aber die heutige Situation der europäischen Staaten mit ihren Problemen einer ständig wachsenden Einwanderung von Flüchtlingen, die durch deren mangelnde Integration zu „Parallelgesellschaften“ und „Paralleljustiz“ geführt hat, so scheint nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa die Furcht vor der Überfremdung durch eine nichtassimilierbare Kultur, die sich vor der Bevölkerung des Aufnahmelandes abschließt, vor allem dann berechtigt zu sein, wenn man die daraus entstehenden wirtschaftlichen Folgen betrachtet. Das ist auch der Grund dafür, dass Islamophobie kein Randphänomen der Gesellschaft ist, sondern sich auch in der sogenannten politischen Mitte breitmacht. Die Befürchtung, dass der Sozialstaat durch die immer mehr anwachsende Zahl der Flüchtlinge, die zum Großteil nicht Asylberechtigte sondern sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ sind, ausgenützt oder sogar missbraucht wird, hat zu übertriebenen Ängsten geführt, die durch oft auch unberechtigte statistische Extrapolationen auf demagogische Weise noch angeheizt werden (Beispiel Sarrazin mit der Parole: „Deutschland schafft sich ab“). Es ist aber vor allem der sich langsam erhärtende Verdacht, dass sich unter den islamischen Flüchtlingen auch Terroristen befinden könnten, der zu Radikalisierung in der Gesamtbevölkerung geführt hat.

 

Besonders nach den jüngsten von IS-Dschihadisten durchgeführten Attentaten in Paris erreicht der Kampf gegen den Islamischen Staat auch aus völker- und europarechtlicher Sicht eine neue Dimension. Denn es handelt sich beim Islamischen Staat trotz seines von ihm selbst gegebenen Namens um keinen Staat im rechtlichen Sinn. Daher gilt Frankreichs Aufforderung zur Teilnahme der europäischen Staaten am Kampf gegen den "Islamischen Staat" nicht als zwischenstaatlicher Krieg, sondern nur als Polizeiaktion der internationalen Gemeinschaft. Im Grunde genommen sind die danach beschlossenen vermehrten Luftangriffe nur als Racheakte für die Pariser Terroranschläge zu betrachten, die zwar der militärischen Vernichtung des IS dienen sollen, die aber bereits eine nicht bekannte Anzahl von Todesopfern unter den Zivilisten gefordert haben und noch fordern werden. Wiederum ist ein strukturelles Schema in der Geschichte der Xenophobie erkennbar. Denn es wiederholt sich das, was sich bereits im ersten islamischen Staat des Mahdi ereignet hat. Auch der Feldzug Kitcheners wurde als Racheakt angesehen, der zu einer sogar von Churchill bedauerten grausamen Vernichtung der arabischen Glaubenskämpfer geführt hat. Während bei einem zwischenstaatlicher Krieg der Tod von Zivilpersonen oder die Zerstörung von Gebäuden, welche durch einen militärischen Angriff entstehen, notgedrungen in Kauf genommen werden, wie die Bombardements in den beiden Weltkriege auf grausamste Weise demonstrieren, sind solche „Kollateralschäden“ an Zivilisten bei den Luftangriffen gegen die Terrormilizen des IS nicht hinnehmbar. Durch die vom IS im Internet auf Arabisch, Französisch, Englisch und Deutsch veröffentlichte Erklärung zu den Anschlägen in Paris erkennt man, dass es auch von dieser Seite aus gesehen um Racheakte geht. Denn in dieser Erklärung werden die Anschläge als „Kriegszug“ auf das „kreuzzüglerische Frankreich“ bezeichnet. Die Fortsetzung der Luftangriffe bedeutet daher ein erhöhtes Gefahrenpotential für Europa, das sich mit der Fortsetzung der Luftangriffe und den Verlusten des IS im eigenen Land immer mehr zu steigern droht. Xenophobie ist damit in unseren Tagen zu einer wechselseitig sich ständig wiederholenden „Blutrache“ zwischen Völkern und Religionen geworden.  

"Es gibt einen Fortschritt sowohl der wissenschaftlichen Erkenntnis als auch der Moral"

L.I.S.A.: Geht man davon aus, dass Menschen sich vor dem Fremden fürchten, müsste doch eine Lösung des Problems darin liegen, das Fremde zu „entfremden“, so dass das Fremde nicht das Andere bleibt, sondern zum Eigenen wird. Wie könnte das in der Praxis aussehen? Mehr Wissen über das Fremde, mehr Kommunikation mit dem Fremden, mehr menschliche Begegnung mit dem Fremden?

 

Prof. Oeser: Mit der Erkenntnis, dass Xenophobie ein Phänomen ist, das die Geschichte der Menschheit von allen Anfang an bis heute begleitet, ist jedoch auch ebenso unleugbar die Erkenntnis verbunden, dass die Menschheit daran nicht zugrunde gegangen ist. Das kann uns trotz der heutigen Situation der weltweit durch den Terrorismus verstärkten Radikalisierung der Xenophobie immer noch Hoffnung für die Zukunft geben. Der Grund dafür ist die Einsicht, dass es einen Fortschritt sowohl der wissenschaftlichen Erkenntnis als auch der Moral gibt, einerseits durch den "Wissenschaftlichen Universalismus" und andererseits durch die Universalität der Menschenrechte. Dass es so etwas wie eine für die ganze Menschheit gültige Vernunft und Humanität gibt, die sich gegenseitig ergänzen müssten, beruht auf der Einheit und Gleichheit des Menschengeschlechts. Es wäre zwar eine Illusion, dass so etwas wie eine endgültige „Lösung“ für das Problem der Xenophobie möglich ist, aber es gibt immer wieder Phasen in der Menschheitsgeschichte, in denen die Xenophobie zugunsten eines friedlichen Zusammenlebens der Vertreter verschiedener Kulturen und Religionen gemildert, wenn nicht ganz aufgehoben wurde. Auf der wissenschaftlichen Ebene ist dies bereits im Sinne einen „Wissenschaftlichen Universalismus“ gelungen, der nicht nur auf dem Gebiet der Naturwissenschaft beschränkt ist, sondern auch für die Philosophie gilt, wie schon die Übernahme der Philosophie des antiken Griechenlandes durch die islamischen Philosophen Avicenna und Averroes zeigt. Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit der Türkei ist der „Philosophische Kreis Wien-Istanbul/Viyana-Istanbul Felsefe Çevresi“, der in Nachfolge meiner Gastvorlesungen über „Wissenschaftlichen Universalismus“ an der Universität Istanbul mit der Unterstützung des Österreichischen Kulturinstitutes gegründet worden ist. Zu dieser Zeit, am Beginn der neunziger Jahre des 20. Jahrhundert, dominierte noch die für diese philosophisch-wissenschaftliche Kooperation günstige politische Ansicht, dass die Türkei eine Brücke zwischen der europäischen Kultur und der islamischen Kultur des Nahen Ostens bildet, was jedoch heutzutage durch die zunehmende Islamisierung der Türkei und den gleichfalls zunehmenden kulturalistischen Neorassismus in Europa wieder in Frage gestellt ist.

 

Es hat aber auch immer nicht nur einen „Wissenschaftlichen Universalismus“ sondern auch jenseits der traditionell verfestigten Moralvorstellungen und Religionen Ansätze zu einem universalen Humanismus gegeben und es gibt ihn auch heute. Das geschieht immer dann, wenn der Fremde nicht mehr der andere Fremde bleibt, sondern man sich dem Anderen dadurch nähert, dass man durch einen gewaltlosen Dialog das Gemeinsame hervorhebt und die bestehenden Unterschiede anerkennt. Voraussetzung dafür ist das Sichzueigenmachen der fremden Sprache, Kultur und Religion. Das historische Beispiel aus der Frühzeit des Islam ist das durch die Araber eroberte spanische Al-Andalus, wo es einen „arabisch-islamischen Humanismus“ gegeben hat, auf den sich heute selbstkritische arabische Autoren berufen, die eine säkularisierende Reform des Islam in Betracht ziehen. Für sie ist Andalusien ein Symbol für die Vernunft, die keine Rache kennt. Oder mit den Worten des tunesischen Philosophen Mohamed Turki ausgedrückt, mit dem ich persönlich einen Dialog über unsere gemeinsamen Ansichten führen konnte: „Das Gesicht der Menschheit ist bisher voller Narben, dennoch bleibt das Prinzip Hoffnung für eine Verwirklichung eines globalen und interkulturellen Humanismus weiterhin bestehen“.

Prof. Dr. Erhard Oeser hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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