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Georgios Chatzoudis | 04.01.2012 | 5831 Aufrufe | Interviews

"Öffentlichkeitsarbeit ist für Wissenschaftler Pflicht"

Interview mit Wenke Bönisch

Wenke Bönisch ist eine Wissenschaftsbloggerin der ersten Stunde. Die Historikerin führt seit Jahren einen eigenen Blog und nutzt zusätzlich zahlreiche Soziale Netzwerke, um mit Wissenschaftlern und anderen Interessierten ins Gespräch zu kommen - über Wissenschaft und Publizieren.

 

Wir haben Wenke Bönisch nach ihren bisherigen Erfahrungen als Wissenschaftsbloggerin gefragt.

Zoom

Wenke Bönisch

"Fundamentaler Umbruch in der Wissenschaftskommunikation"

L.I.S.A.: Frau Bönisch, Sie sind im Bereich der neuen Wissenskommunikation via Facebook, Twitter und Google+ sehr aktiv. Was genau kommunizieren Sie über „Digiwis“ und zu welchem Zweck?

 

Bönisch:Digiwis“ steht für Wissenschaft und Publizieren im digitalen Zeitalter und ist mein „Pseudonym“ in den sozialen Netzwerken. Als Freiberuflerin in der Verlagsbranche und als Wissenschaftlerin beschäftige ich mich intensiv mit der Entwicklung von Forschen und Publizieren im Spannungsfeld traditioneller und moderner Form. Wir erleben gerade durch die Digitalisierung und den Bedeutungsanstieg des Social Webs einen fundamentalen Umbruch in der Wissenschaft(skommunikation). Wie dieser Wandel sich vollzieht, welche Konsequenzen er hat und wie Wissenschaftler, Verlage und Bibliotheken mit ihm umgehen, steht im Mittelpunkt meiner Social Web Aktivitäten. Ich möchte nicht nur darüber berichten, sondern bin gegenüber neuen Kommunikationsformen im Social Web sehr aufgeschlossen und probiere sie selber gerne aus.

 

Bloggen ist für mich die Kernarbeit meines Publizierens im Social Web. Themen sind – wie oben schon erwähnt – Wissenschaft, Publizieren, Verlage, Open Access, Open Journal System, Buchhandel und Social Web. Natürlich gibt es auch ab und zu mal persönliche Bemerkungen. Darüber hinaus bin ich auf Twitter (nutze es als Informationskanal, aber als Freiberuflerin ist Twitter für mich vor allem auch meine berufliche Teeküche), Facebook (Informationskanal, Dialog mit Fans) und Google+ (ähnlich wie Facebook genutzt) vertreten.

 

Die letzten drei genannten Kanäle sind für mich einerseits Verteilungskanäle für meine Blogartikel, aber auch – je nach Medium – pure Informationskanäle sowie ein intensiver Austausch mit Kollegen aus der Wissenschafts- und Buchbranche. Genau letzteres ist für mich das I-Tüpfelchen im Social Web. Es ist die menschliche Komponente des Internets. Schon viele nette, interessante Menschen konnte ich so kennenlernen und intensive berufliche Kontakte knüpfen – sowohl zu Wissenschaftlern als auch zu Buchleuten.

Zoom

digiwis.de

"Viele Online-Präsenzen sind noch zu statisch angelegt"

L.I.S.A.: Für viele Online-Plattformen, die sich wissenschaftlichen Themen widmen und sie digital aufbereiten, gilt, dass Sie zwar gelesen werden, die aktive Beteiligung aber meist dahinter zurück bleibt. Woran liegt das?

 

Bönisch: Zunächst einmal muß man zwischen den verschiedenen Arten von Online-Plattformen unterscheiden, abhängig von ihrem statischen oder dynamischen Charakter bzw. dem Kommunikationsgrad, der ihnen innewohnt. Datenbanken werden eher rezipiert, als das mit ihnen kommuniziert wird ;-). Bei Blogs sieht es schon anders aus. Sie sind von Natur aus eher kommunikativ angelegt bzw. sollten es sein. Gleiches gilt für die übrigen Sozialen Netzwerke wie Twitter oder Facebook.

 

Aber das beantwortet noch nicht so recht die Frage. Meine Erfahrung nach wird im Netz kommuniziert – nicht immer direkt, oft auch indirekt. Viele Online-Präsenzen sind noch zu statisch angelegt. Zu wenig werden die Möglichkeiten des Social Webs genutzt. Es gibt immer noch zu wenige Wissenschaftler, die sich hier aktiv einbringen – leider. Als rühmliche Ausnahme, was alles möglich ist, möchte ich auf die Bloggerplattform Scilogs aufmerksam machen. Darüber hinaus gibt es auch exzellente Blogs einzelner Wissenschaftler, so wie das von Christian Spannagel.

 

Zwei Kritikpunkte werden mir dann in der Diskussion entgegen gebracht. Erstens: Social Media kostet Zeit und ist –zweitens – banal in seiner Kommunikationsfunktion. Hier entgegne ich immer: es ist als Wissenschaftler bereichernd, sich der Öffentlichkeit zu öffnen und zu kommunizieren. Man sieht vieles durch die Kommentare der Leser in einer anderen Perspektive. Außerdem empfinde ich Öffentlichkeitsarbeit als Pflichtaufgabe eines jeden Wissenschaftlers, da wir nicht aus Selbstzweck für uns forschen, sondern eingebettet in die uns finanzierende und fördernde Gesellschaft sind. Zur Zeitfrage kann ich nur antworten: man muß es ausprobieren, seinen Kanal angepaßt an das eigene Zeitbudget finden. Man muß nicht überall dabei sein.

 

Hinzu kommt nach meinem Empfinden und Erfahrungen aus Gesprächen noch eine gewisse Distanz von Wissenschaftlern, sich außerhalb tradierter Wissenschaftskommunikationsformen öffentlich zu äußern. Über die Gründe kann ich nur spekulieren. Ich denke, es ist vielfach auch eine Generationsfrage. Nachwuchswissenschaftler in 5 Jahren sind mit dem Social Web aufgewachsen. Sie kennen es, und werden es bestimmt auch für ihre Profession nutzen.

 

L.I.S.A.: Welche Resonanz erfahren Sie?

 

Bönisch: Viele meiner täglich über 150 Leser auf dem Blog lesen die Artikel, kommentieren sie jedoch nicht. Dennoch erfahre ich Resonanz auf anderen Wegen: sei es über meine übrigen Social Web Präsenzen (Diskussionen im Social Web verlaufen in der Regel nicht an einem Punk, sondern an vielen), persönlich per Mail oder in spontanen realen Treffen auf Tagungen oder Konferenzen. Hier höre ich oft nach Vorstellung meiner Person die Worte: „Ich kenne Sie. Ich lese regelmäßig Ihren Blog.“ Solches Kennenlernen bzw. Feedback meiner Leser freut besonders, weil sie spontan und direkt sind.

"Die neuen Techniken sind für Wissenschaftler ein großes Glück"

L.I.S.A.: In welche Richtung bewegt sich Ihrer Meinung nach die wissenschaftliche Kommunikation? Wo wird in Zukunft publiziert?

 

Bönisch: Schon jetzt deutet sich – in Naturwissenschaften noch deutlicher als in Geisteswissenschaften – an, daß wissenschaftliches Kommunizieren vermehrt online ablaufen wird. Vor allem Fachzeitschriften werden wohl überwiegend online publiziert werden, wobei ich eine hybride Variante nicht von vornherein ausschließen würde. Meine Einschätzungen werden durch die Annahmen, die die Buchbranche im September diesen Jahres in Frankfurt auf ihrer Zukunftskonferenz aufstellten, bestätigt. Fachverlage gehen davon aus, daß der Umsatz im Bereich Zeitschriften von 45-60 % (2011) auf 1-10 % (2025) des Gesamtumsatzes fallen werden. Auch der Umsatz im Bereich Printbuch wird sich in 14 Jahren halbieren. Einen Anstieg sehen die Verlage im Bereich „Internet“ und „Paid Service“.

 

L.I.S.A.: Was heißt das konkret?

 

Bönisch: Die Publikation und Kommunikation verlagern sich in den digitalen Bereich. Fachzeitschriften werden aufgrund der besseren technischen Möglichkeiten in der Organisation und Verbreitung (Peer Review, schnellere Veröffentlichung) als Printprodukte fast völlig verschwinden. Im Bereich Monographie, denke ich, werden eBooks bzw. eBooks mit App- bzw. Datenbankcharakter neben dem klassischen Printbuch existieren – je nach Aufgabenbereich: ein Lehrbuch eignet sich als eBook aufgrund der Aktualisierungen und technischen Aufbereitungsmöglichkeiten besser als in gedruckter Form.

Darüber hinaus wird es wohl Varianten wissenschaftlichen Publizierens geben, die wir heute noch nicht kennen, die aber aufgrund der technischen Entwicklung machbar sind. Letztlich steht noch die Frage nach dem freien Zugang (Open Access) im Raum, die schon heute intensiv und kontrovers diskutiert wird.

 

Auch in der Kommunikation wird das digitale Element das Übergewicht bekommen. Was steht virtuellen Konferenzen im Wege? Oder einer vermehrt visuellen-audiotechnischen Aufarbeitung (kleine Videos), die dann auf Plattformen wie Youtube verbreitet werden können? Hier gibt es schnell Überschneidungen zum eLearning. Zudem sehe ich große Herausforderungen im Publizieren und Kommunizieren mit der interessierten (Laien)Öffentlichkeit – sei es als Blog oder Engagement auf Plattformen wie Wikipedia.

 

Wir Wissenschaftler haben heute großes Glück: die technische Entwicklung bietet so viele Möglichkeiten, ohne auf Traditionelles unbedingt verzichten zu müssen. Wir können ausprobieren, was digital möglich ist und dennoch uns ganz real, klassisch auf Tagungen treffen.

"Google+ ist im Aufbau begriffen - ich experimentiere noch"

L.I.S.A.: Sie nutzen intensiv die Sozialen Medien, obwohl Digiwis eine eigene Internetpräsenz hat. Warum bietet sich das trotzdem an?

 

Bönisch: Zunächst einmal ist meine Webseite Digiwis zusammen mit meinem Blog ganz klassisch der Dreh- und Ausgangspunkt meiner Internetpräsenz. Wie schon in meiner ersten Antwort zu lesen ist, sind die sozialen Netzwerke für mich Informations-, Distributions-, Marketing- und Kommunikationskanäle. Soziale Netzwerke haben für mich mehrere Funktionen inne. Der wichtigste ist jedoch für mich die Kommunikationsfunktion – das Kennenlernen neuer Fachkollegen, ein erster Austausch mit Ihnen, der sich meist spontan in einem realen Treffen fortsetzt.

 

L.I.S.A.: Seit wenigen Woche kann sich nun auch bei Google+ eine Institution eine Seite einrichten. Bisher konnten das nur Personen. Jetzt haben inzwischen eine Reihe von wissenschaftlichen Online-Plattformen eine Präsenz bei Facebook und bei Google+. Doppelt sich das nicht? Macht es Sinn, die Inhalte einfach nur zu spiegeln? Oder bietet sich an, Facebook und Google+ unterschiedlich zu nutzen? Welche Strategie verfolgen Sie?

 

Bönisch: Google+ Unternehmensseiten gibt es erst seit einem Monat, eine recht kurze Zeitspanne für Soziale Netzwerke. Noch fehlen wichtige Funktionselement wie die Multi-Admin-Verwaltung bei Google+. Dieses Netzwerk ist erst im Aufbau. Daher würde ich von einer endgültigen Entscheidung zwischen Facebook und Google+ abraten. Fast alle suchen noch und experimentieren, wie man Google+ am besten nutzen kann. So auch ich. Ich teste erst einmal, probiere verschiedene Dinge aus. Google+ ist noch nicht in der breiten Masse angekommen. Daher ist es jetzt schwierig, eine Strategie für das neue Netzwerk festzulegen.

 

Auch wenn viele Menschen von Google+ bis jetzt enttäuscht waren, so möchte ich dem Netzwerk doch mehr Chancen einräumen – einfach weil dahinter Google als quasi Monopolsuchmaschine mit zahlreichen Funktionen wie Googlemail, Googlemaps steht, die weltweit in millionenfacher Hinsicht genutzt werden. Schnelle Auffindbarkeit im Internet spielt auch für die Wissenschaft eine wichtige Rolle. Und da kommt man an Google nicht ohne weiteres vorbei.

Wenke Bönisch hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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