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19. Dez 1914. Sonnabend. Tomaszów

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

Vorgeschickt mit Dzembowski, um ein neues Quartier für das Generalkommando in nordöstlicher Richtung, in der Gegend von Cierniewice zu suchen. Um 10 abgeritten. Auf der Strasse von Tomaszow nach Cierniewice, die mir vom 27ten Oktober so vertraut ist, endlose Kolonnen in Vorwärtsbewegung. Unser Corps und das Kavalleriecorps schieben sich hier durcheinander. Teile des Kavalleriekorps waren noch bei Lubochnia mitten zwischen unserer 48ten Division. Bei Cierniewice bogen wir von der Chaussee nordöstl. auf Krzemienica ab, um nach Chociw zu reiten und dort das Gut zu besehen. In und vor Krzemieniça stand abgesessen die fünfte Kavalleriedivision, östlich und nördlich war ziemlich lebhaftes Geschützfeuer. Da die Brücke vor Krzemienica nicht passierbar war, zurück und Strzemeszna wieder vor auf Chociw. Jetzt, gegen halb zwei, wurde das Geschützfeuer heftiger und rückte näher. Wir sahen, wie eine Schwadron auf der Höhe vor Krzemenica im Trab zurückgieng. Als wir bei Chociw ankamen, hörte man in kurzer Entfernung Infanteriefeuer, auch deutliches Pfeifen der russischen Granaten, die hinter dem Gutshaus einschlugen. Im Dorfe schleppten die Bauern ihre Sachen aus den Häusern. Auf dem Gutshof stand eine Ulanenpatrouille hinter dem Inspektorhaus in Deckung. Einige Bäuerinnen, junge Dirnen in bunten roten Röcken und Kopftüchern, liefen eilig hin und her; dabei verrichteten die Knechte gewohnheitsmässig ihre Arbeit. Ich gieng ins Gutshaus, ein für polnische Verhältnisse grosses, altmodisch aber gut eingerichtetes Schloss. Der Besitzer und seine Frau kamen mir im Vorzimmer entgegen und fragten etwas nervös, ob Gefahr sei, ob sie in den Keller müssten, das Gefecht schiene doch heranzukommen. Ich beruhigte sie und bemerkte dann einen jungen hübschen Ulanen, der im Salon vor Dzembowski und mir stramm stand und der sich als Fahnenjunker von Grote vorstellte. Er war der Führer der Patrouille, die auf dem Hof in Deckung stand, und hatte sich hier im Hause ein Glas Thee ausgebeten. Er sagte, sein Regiment, die 10ten Ulanen, sei 1500 Meter von hier bei Wale zum Gefecht zu Fuss abgesessen; er sei als Seitenpatrouille abgeschickt, könne aber nicht mehr zurück. Nach seinem Empfinden hätten die Russen Boden gewonnen. Ich liess mich von den Besitzern durch das Haus führen, um einen Überblick zu gewinnen, und gieng dann mit einem grossen dicken komischen Inspektor in Pelzmütze und Wasserstiefeln durch die Nebengebäude, um die, immer aufgeregter, Bäuerinnen mit Kindern und allerlei Zeug, das sie fortschleppten, herumliefen. Zwei Granaten schlugen dicht hintereinander in einem Sumpf hundert bis zweihundert Meter hinter den Stallungen ein und erhöhten die Angst. Als wir wegritten, sahen wir bei Krzemienica die Kavalleriedivision noch immer abgesessen stehen; aber Infanterie und Artillerie war dazugekommen und hatte die Höhen gegen Nordosten besetzt. Nach meinem Empfinden war das Ganze nur ein etwas heftiges Gefecht der russischen Nachhut, die standhielt, um irgendwelche wichtigeren Truppenverschiebungen rückwärts zu verdecken. Der Rückritt in Dunkelheit und Regen auf der von marschierenden Kolonnen besetzten schlechten schmutzigen Chaussee nach Tomaszow war unangenehm. Ich machte meine Meldung an Thomsen, der ebenfalls an Nichts Andres als an ein Nachhutgefecht glauben will; allerdings hinzu fügte, dass man nicht wisse, was in dem Raume südlich der Pilica los sei, wo starke russische Kräfte gemeldet seien. Auf meine Bemerkung, dass wir diese Kräfte doch flankierten, bemerkte er, dass sie ebenso in unserer Flanke stünden. Eigentlich sollten die Österreicher hier vorgehen, scheinen aber bis jetzt untätig noch auf dem linken Ufer der Pilica zu stehen.

Musikgeschichte

Bachs Thomaner

Episode 2: Schlüsselstück Matrikelbuch

Das verloren geglaubte Album Alumnorum Thomanorum, das Matrikelbuch der Leipziger Thomasschule, wurde im Jahr 2011 im Leipziger Stadtarchiv wiederentdeckt. Der Band enthält eigenhändig eingetragene Kurzlebensläufe aller 650 Thomaner im Zeitraum zwischen 1729 und 1800. Durch eine systematische Auswertung dieser bedeutenden biographischen Quellen erhofft sich der Direktor des Bach-Archivs, Prof. Dr. Peter Wollny, neue Hinweise zur Datierung der Bach-Werke, aber auch nähere Informationen zu Bachs Persönlichkeit.

Ringvorlesung

1914 – Mitten in Europa. Die Rhein-Ruhr-Region und der Erste Weltkrieg

Vortrag von Prof. Dr. Theodor Grütter

Prof. Dr. Heinrich Theodor Grütter, Leiter des Ruhr Museums in Essen und Lehrbeauftragter der Universität Duisburg Essen, skizziert in seinem Vortrag unter Berücksichtigung zahlreicher Exponatsbilder die wissenschaftlichen Ergebnisse der Ausstellung "1914 - Mitten in Europa - Die Rhein-Ruhr-Region und der Erste Weltkrieg" zusammen. Im Zentrum stehen dabei die Fragen, wie der Erste Weltkrieg das Leben zwischen Köln und Dortmund veränderte und welche Auswirkungen er auf die Entwicklung der Region nahm, die in den Jahren unmittelbar vor dem Weltkrieg durch "explodierende" Einwohnerzahlen zu Europas größten industriellen Ballungsraum aufgestiegen war. Aufbauend auf der Rekonstruktion der spezifischen Entwicklung in der Vorkriegszeit referiert er über Kriegserleben und Kriegserfahrung...

Max meets LISA 7

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Wissenschaft kennt keine staatlichen Grenzen - und doch ist so nach wie vor überwiegend national organisiert. In Deutschland kümmern sich mehrere öffentliche Institutionen um die Begutachtung von Forschungsprojekten und sie Vergabe von Mitteln, darunter die Bundes- und Landesministerien, die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik. Ist die behördliche Organisierung und Verwaltung von Wissenschaft noch zeitgemäß? Wie lässt sich der Anspruch, Wissenschaft jenseits nationaler Kriterien zu organisieren, einlösen? Was genau bedeutet in diesem Zusammenhang Interantionalisierung?
 
Wir haben in unserer siebten Ausgabe von Max meets LISA mit dem Historiker und Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris (DHIP), Prof. Dr....

Debatte

Falsches Gedenken

Ein Aufruf

Nach langer Diskussion oder zumindest nach Jahren, in denen das Thema auf seiner Agenda stand, hat sich nunmehr der zuständige Ortsbeirat für eine recht unkonventionelle Form des Gedenkens entschieden.

Termin

Nach den Pakten. Zur Zukunft der Hochschule in Deutschland

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Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands  (VHD) lädt alle Interessierten zu einem hochschulpolitischen Gespräch am 8. Januar 2015 um 12.15 Uhr ein, um sich den drängenden Fragen zur Zukunft der Hochschule in Deutschland mit Blick auf die Länderebene zu widmen. Das Gespräch findet im Senatssaal der Ludwig-Maximilians-Universität statt (Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München).

Deutschland-Saga

"Clark tritt als eine Art Kulturtourist auf"

Interview mit Dr. Angela Siebold über die ZDF-"Deutschland-Saga" mit Christopher Clark

Der australische Historiker Christopher Clark erzählt im Fernsehen dem TV-Publikum eine "Deutschland-Saga" - so auch der Titel der gleichnamigen Sendung. Geht man davon aus, dass Saga das athochdeutsche Wort für Sage ist und somit die selbe Bedeutung hat, heißt es laut Wikipedia, dass eine Sage, "dem Märchen und der Legende ähnlich, eine zunächst auf mündlicher Überlieferung basierende, kurze Erzählung von fantastischen, die Wirklichkeit übersteigenden, Ereignissen" ist. Und weiter ist zu lesen: "Da diese mit realen Begebenheiten, Personen- und Ortsangaben verbunden werden, entsteht der Eindruck eines Wahrheitsberichts." Trifft das auch für die ZDF-"Deutschland-Saga" zu?
 
Wir haben mit der Historikerin Dr. Angela Siebold von der Universität Heidelberg aus der Sicht einer...

Interview

The Age of Removal - Die Ausweisung der Indianer

Interview mit Dr. Claudia Haake über den Indian Removal Act von 1830

Am 28. Mai 1830 unterzeichnete US-Präsident Andrew Jackson den Indian Removal Act, den der Senat eine Monat zuvor beschlossen hatte. Das Gesetz sah vor, die innerhalb der Bundesstaaten lebenden Indianerstämme umzusiedeln bzw. auszuweisen. Sie sollten ihr Land gegen Gebiete westlich des Mississippi tauschen. Die Historikerin Dr. Claudia Haake, die derzeit Forschungsstipendiatin der Gerda Henkel Stiftung in Harvard ist, untersucht, wie die betroffenen Native Americans auf diese Politik der US-Administration reagiert haben.