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Georgios Chatzoudis | 29.07.2014 | 2482 Aufrufe | Interviews

"Uniformierung und Paramilitarisierung der Jugendkultur"

Interview mit Arndt Weinrich über Weltkriegsgedenken in der Weimarer Republik

Sie haben den Ersten Weltkrieg nicht an der Front erlebt. Dafür waren sie noch zu jung - die Töchter und Söhne der Frontsoldaten. Als ihre Väter zurückkehrten, war noch nicht ausgemacht, wie man sich in der Nachkriegszeit an den Krieg erinnern sollte. Wie war er für die Geburtsjahrgänge nach 1900 zu deuten? Hat er Sinn gemacht? Die Vorstellungen gingen dabei nicht nur zwischen den Generationen auseinander, sondern sie prallten auch innerhalb der Jugend aufeinander. Zunutze wusste sich diese Spannungen und die Orientierunsglosigkeit vor allem die NSDAP in Form ihrer Jugendorganisationen zu machen. Wir haben dazu dem Historikern und ehemalige Stipendiaten der Gerda Henkel Stiftung Dr. Arndt Weinrich unsere Fragen gestellt, der sich in seiner Dissertation intensiv mit dem Thema beschäftigt hat.

Dr. Arndt Weinrich, Deutsches Historisches Institut Paris

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"Wie haben die Jahrgänge nach 1900 in den Weimarer Jahren den Krieg gedeutet"

L.I.S.A.: Herr Dr. Weinrich, Sie haben über die Folgen des Ersten Weltkriegs für die Weimarer Republik im Rahmen Ihrer Dissertation geforscht. Dabei haben Sie sich vor allem auf die Jugend konzentriert. Warum?

 

Dr. Weinrich: In der Weimarer Republik haben intergenerationelle Spannungen eine große Rolle gespielt. Das ist soweit gut bekannt. Die andauernde und sich zuspitzende politische Krise der ersten deutschen Republik kann letztlich nur vor dem Hintergrund eines virulenten Generationenkonfliktes verstanden werden. Vergessen wir nicht: das statistische Durchschnittsmitglied der NSDAP war 1932 gerade einmal 30 Jahre alt, und die zahlenmäßig am häufigsten vertretene Altersgruppe war die der 22-24jährigen. Verglichen mit dem republikanischen „Establishment“, war die NS-Bewegung ganz ohne Zweifel eine junge Partei. Eine Partei jedenfalls, die unterhalb der Führungsebene nicht von Veteranen des Ersten Weltkriegs dominiert wurde. Anders als u.a. George Mosse in seiner einflussreichen Brutalisierungs-These angenommen hat, kann der Erfolg des Nationalsozialismus damit nicht aus dem „Kriegserlebnis“ des Schützengrabens abgeleitet werden. Eine Untersuchung zu den Folgen des Ersten Weltkriegs für die Weimarer Republik kann an diesem Befund nicht vorbeigehen. Mir war es daher wichtig zu untersuchen, wie die Geburtsjahrgänge nach 1900 in den Weimarer Jahren den Krieg deuteten und mit Sinn versahen, welche Deutungsmuster sie übernahmen und ob bzw. wie sie ein generationell typisches Weltkriegsgedenken entwickeln.

"Die untersuchten Jugendverbände unterschieden sich ganz erheblich voneinander"

L.I.S.A.: Welche Jugendverbände haben Sie untersucht? Wie unterschieden sie sich voneinander?

 

Dr. Weinrich: Ursprünglich hatte ich mich vor allem auf die Hitler-Jugend konzentrieren wollen, doch ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich damit Gefahr lief, den Weltkriegs-Diskurs der HJ aus dem Kontext zu reißen. Flankierend zur Hitler-Jugend, die weiterhin im Mittelpunkt des Buches steht, habe ich mir daher ein repräsentatives Sample von Jugendorganisationen, von der bürgerlichen Jugendbewegung über katholische Jugendverbände bis hin zum sozial-demokratisch dominierten Jungbanner genauer angeschaut. Der Anspruch war, alle Sozialmilieus, die die Weimarer Republik strukturierten, zu berücksichtigen. In vielerlei Hinsicht, vor allem politisch oder weltanschaulich, unterschieden sich die untersuchten Jugendverbände ganz erheblich voneinander. Ein Mitglied der nationalen Jugendbewegung und ein Angehöriger des Jungbanners oder der katholischen Jugendverbände bezogen z.B. in ihrem Blick auf das republikanische System diametrale Positionen. So war der nationalistische Antirepublikanismus der äußersten Rechten vollkommen inkompatibel mit den Vorstellungen einer christlichen oder sozialen Demokratie, die im republikanischen Lager vorherrschen. Hier gab es eine echte Polarisierung, die allerdings nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass es auf einer vordergründig unpolitischen Werteebene eine ganze Reihe von Übereinstimmungen und Konvergenzen gab. Diese lassen sich im Weltkriegsgedenken besonders gut fassen.

"Ein erinnerungskultureller Minimalkonsens"

L.I.S.A.: Wie erinnerten die einzelnen Jugendverbände den Ersten Weltkrieg? Was stand im Vordergrund? Grauen oder Heldentum?

 

Dr. Weinrich: Zuerst einmal ist zentral wichtig zu verstehen, dass die schematische Gegenüberstellung von Grauen und Heldentum artifiziell ist, denn die beiden Deutungen schließen einander nicht aus, ganz im Gegenteil. Sicher gab es auf der einen Seite einen radikalen Bellizismus und auf der anderen einen radikalen (integralen) Pazifismus. Diese Positionen waren jedoch Minderheitenpositionen. Die Mehrheit der Jugendlichen und jungen Männer der Weimarer Zeit stand irgendwo dazwischen und es ist gerade dieses Kontinuum, das das Weltkriegsgedenken der Zwischenkriegszeit so komplex und interessant macht. Wenn man sich z.B. die katholische Jugend und das Jungbanner anschaut, sieht man sehr deutlich, dass es auf der einen Seite eine kriegskritische Grundüberzeugung gab. Der Krieg wurde massiv verurteilt und eine aktive Friedenspolitik eingefordert. Dies hinderte die genannten Verbände aber nicht daran, gewissermaßen subkutan einen Diskurs zu entwickeln, der nach rechts anschlussfähig war: Glorifizierung der „Kameradschaft des Schützengrabens“, latente Heroisierung des „Frontsoldaten“, Identifikation mit einem set an männlich kodierten Werten (Opferbereitschaft, Disziplin, Tapferkeit). Insbesondere im katholischen Lager führte die Übernahme dieser Werte zu einer impliziten Relativierung der Schrecken des Krieges. Wo noch Mitte der 1920er Jahre das Kriegsopfergedenken im Mittelpunkt gestanden hatte, dominierte nun – gegen Ende des Jahrzehnts – das Heldengedenken. Um es ganz deutlich zu sagen: dies bedeutet nicht, dass damit auf dem Wege des Kriegsgedenkens plötzlich alle jungen Katholiken zu Nazi-Sympathisanten geworden wären. Nein, die relativ hohe Resistenz des katholischen Milieus – und das gilt auch für das Arbeitermilieu – gegenüber der NS-Ideologie stand dem entgegen. Gleichwohl hat dieser erinnerungskulturelle Minimalkonsens sicher dazu beigetragen, nach 1933 die Integration dieser Jugendlichen und jungen Männer ins Dritte Reich zu erleichtern.

"Die Hitler-Jugend verneigte sich stellvertretend für die Generation Nachkriegsjugend"

L.I.S.A.: Wer hatte am Ende die Deutungshoheit über das Erinnern an den Ersten Weltkrieg?

 

Dr. Weinrich: Mit der "Machtergreifung" und der Gleichschaltung der öffentlichen Meinung rissen die Nazis die Deutungshoheit an sich. Pazifistische Diskurse, oder das, was die Nazis dafür hielten, konnten sich nicht mehr artikulieren. Noch einmal: dies bedeutete keineswegs, dass die Schrecken des Krieges nicht thematisiert werden konnten. Das „Grauen“ gehörte in vielerlei Hinsicht zum nationalistischen Diskurs wie zum pazifistischen, nur seine Interpretation war eine andere. Während pazifistische Autoren den Soldaten als hilflos der Gewalt der Kriegsmaschinerie ausgelieferte Opfer, deren Tod sinnlos ist, beschreiben, ist der „Frontsoldat“ für die Rechte ein Akteur, der sich auf dem Schlachtfeld behauptet und der gerade wegen der Schrecken, die er „überwindet“, ein Held ist. Systematisch setzten die Nazis in den ersten Jahren des Dritten Reichs auf eine Symbol- und Gedenkpolitik, die die angeblich von der Republik mit Füßen getretene „Ehre des Frontsoldaten“ wiederherstellen sollte. Die Einführung des „Heldengedenktages“ und des „Ehrenkreuzes für Kriegsteilnehmer und Frontkämpfer“, um nur diese Beispiele zu nennen, gingen in diese Richtung. Bedenkt man, dass die Forderung nach angemessener, öffentlicher Anerkennung der Leistung und/oder der Leiden der deutschen Soldaten während der Weimarer Republik von Veteranenverbänden quer durch alle Lager erhoben worden war, sieht man, wie anschlussfähig dieser Diskurs sein konnte. Die Hitler-Jugend hatte in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle zu spielen. Stellvertretend für die Generation der Kriegs- und Nachkriegsjugend und damit für die Träger der „NS-Revolution“ verneigte sie sich vor der „Heldengeneration“ der Soldaten des Ersten Weltkriegs. Damit trug sie zweifelsohne dazu bei, dem virulenten Generationenkonflikt nach 1933 von seiner Schärfe zu nehmen.

"Unter Friedensbedingungen eine Generation von Soldaten heranzuziehen"

L.I.S.A.: Welche Rolle spielte das Erinnern an den Ersten Weltkrieg für die politische Gewalt während der Weimarer Republik? Welche später für die Mobilmachung zum Zweiten Weltkrieg?

 

Dr. Weinrich: Der Einfluss des Weltkriegsgedenkens auf die Zunahme der politisch motivierten Gewalt in der Schlussphase der Weimarer Republik ist analytisch kaum trennscharf von anderen, z.B. ökonomischen, sozialen Faktoren zu trennen. Dennoch kann man sagen, dass die zunehmende Uniformierung und Paramilitarisierung der Jugendkultur nur vor dem Hintergrund des sich seit Ende der 1920er Jahre intensivierenden Kriegsgedenkens verstanden werden kann. In vielerlei Hinsicht konservierten die verschiedenen Erinnerungskulturen der Weimarer Zeit ein Männer- und Soldatenbild, das instrumentelle Werte wie Tapferkeit, Opferbereitschaft und Kameradschaft hochhielt und der Bereitschaft zu kämpferischer Bewährung einen hohen Stellenwert beimaß. Im Fall der Hitler-Jugend (und der SA) kam ein besonderes Deutungsmuster hinzu: die Jugendlichen und jungen Männer in ihren Reihen, die in Straßenkämpfen z.T. ihr Leben für die „nationale Revolution“ einsetzten und verloren, wurden als direkte Nachfolger der „Helden“ von 1914-1918 in Szene gesetzt. Mit der symbolischen Gleichstellung der sog. NS-Blutzeugen und der Kriegsgefallenen entwickelte die NS-Jugend eine Deutung, die auf der einen Seite das „heldenhafte Opfer“ der zwei Millionen gefallenen Soldaten anerkannte, auf der anderen Seite aber auch den Geltungs- und Gestaltungsanspruch der Folgegeneration artikulierte. Damit positionierte man sich eindeutig gegen die verbreitete Auffassung, die Jugend müsse gegenüber den Kriegsveteranen in Ehrfurcht erstarren. Mit anderen Worten, man entwickelte ein emanzipatives Deutungsnarrativ, der das Weltkriegsgedenken vor dem Hintergrund der angesprochenen intergenerationellen Spannungen weiterentwickelte und im Kontext der sich zuspitzenden, gewaltsamen Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner instrumentalisierte. Der Nationalsozialismus war die einzige politische Kraft, der dies gelang.


Nach 1933 wurde dieser Diskurs freilich problematisch, da er der Integration der Kriegsveteranen ins Dritte Reich tendenziell entgegen stand. Und so musste sich die HJ wie bereits gesagt damit abfinden, eine Gedenkpraxis zu entwickeln, die – deutlich konventioneller – durch die Ehrung der Veteranen öffentlichkeitswirksam bekundete, dass die Zeit der revolutionären Ambitionen des Regimes vorüber sei.

 

Unmittelbar nach der ‚Machtergreifung‘ begann die Wehrhaftmachung der Jugend, ihre Erziehung zu Härte, Disziplin und Opferbereitschaft. Der Bezug auf den Ersten Weltkrieg spielte in diesem Zusammenhang ebenfalls eine große Rolle. So avancierte der „Soldat des Schützengrabens“ oder das, was man dafür hielt, d.h. jener imaginierte „Krieger“, „Meister der Materialschlacht“, der härter war als alles, was ihm auf dem Schlachtfeld begegnete, zum unumstrittenen Vorbild der NS-Jugend. Die HJ-Erziehung zur Härte war in vielerlei Hinsicht nichts anderes als der Versuch, unter Friedensbedingungen eine Generation von Soldaten heranzuziehen, die der literarischen Fiktion des „Frontsoldaten“ so nahe kamen wie nur irgend möglich. Klaus Latzel hat in seiner Untersuchung deutscher Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg gezeigt, dass dieses Soldatenbild tatsächlich weitgehend internalisiert wurde. In der zunehmenden Fusionierung von Männer- und Soldatenbildern, in der Vermittlung der damit einher gehenden instrumentellen, militäraffinen Werte und Tugenden liegt sicher der größte Beitrag der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg für die Vorbereitung des Zweiten.

Dr. Arndt Weinrich hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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