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Georgios Chatzoudis | 27.01.2014 | 4702 Aufrufe | Beiträge

"Wer Begriffe besetzt, erlangt Deutungshoheit"

Interview mit Dr. Stephan Lehnstaedt zur Debatte um den Begriff "Polnische Konzentrationslager"

Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) hat in der vergangenen Woche Stellung zur Debatte um die Begrifflichkeit "Polnische Konzentrationslager" bezogen. In einer Pressemitteilung vom 19. Januar lehnte der Historikerverband diesen Begriff als falsch ab. "Formulierungen wie 'polnische Konzentrationslager' sind Unwörter und suggerieren falsche Vorstellungen von der Verantwortung für NS-Verbrechen", so der Veband wörtlich. Hintergrund der Stellungnahme ist eine aktuelle Gesetzesinitiative in Polen, in der die Verwendung der Begrifflichkeit "Polnische Konzentrationslager" unter Strafe gestellt werden soll.

 

Wir haben mit dem Historiker Dr. Stephan Lehnstaedt vom Deutschen Historischen Institut in Warschau um eine Einschätzung der aktuellen Diskussion gebeten.

Zoom

Dr. Stephan Lehnstaedt, Deutsches Historisches Institut Warschau

"Der Begriff wird schon seit 1989 angeprangert"

L.I.S.A.: Herr Dr. Lehnstaedt, der Verband Deutscher Historiker (VHD) hat gestern in einer Pressemitteilung sich von der Begrifflichkeit „polnische Konzentrationslager“ distanziert. Wann ist dieser Begriff eigentlich von wem verwendet worden? Liegt hier ein Versehen vor oder geht es hierbei um konkrete Motivationen?

 

Dr. Lehnstaedt: Wann zum ersten Mal in Deutschland von "polnischen Konzentrationslagern" gesprochen wurde, kann ich Ihnen nicht sagen; bereits 1944 hat allerdings Jan Karski in einem Bericht für das Magazin „Collier’s“ über „Polish Death Camps“ geschrieben. 2005 hat sich Adam Rotfeld als erster polnischer Außenminister über eine derartige Wortwahl beschwert. Der Begriff wird aber im Grunde schon seit 1989 angeprangert, auch von der polnischen Diaspora. Heutzutage ist die Verwendung m.E. fast immer ein Versehen oder vielmehr eine Gedankenlosigkeit. Niemand wird ernsthaft etwa der "Welt" oder der israelischen „Haaretz“ unterstellen können, dass sie die Verantwortung der Deutschen für die Konzentrations- und Vernichtungslager negieren.

 

Es gibt dann schon Rechtsextreme, die etwa auf der Neonazi-Seite "Metapedia" von polnischen Konzentrationslagern sprechen - damit verharmlosen sie allerdings nicht die deutschen KZs, sondern beziehen sich auf polnische Lager für Deutsche. Mit ihrer Begriffswahl wollen sie eine Relativierung der deutschen Massenmorde erzielen, indem sie den Polen eine Vernichtungsabsicht gegenüber den Deutschen unterstellen.

"Es gilt, den Anfängen zu wehren"

L.I.S.A.: Gleichzeitig hat der VHD in seiner Erklärung deutlich gemacht, dass er die in Polen eingebrachte Gesetzesinitiative, die Verwendung dieser Begrifflichkeit unter Strafe zu stellen, für falsch hält – „Strafrecht [sollte] kein Mittel von Geschichtspolitik sein“. Sehen Sie das auch so? Wie wird in Polen diese Debatte geführt?

 

Dr. Lehnstaedt: Grundsätzlich finde ich die Argumentation des VDH nachvollziehbar. Allerdings steht in Deutschland z.B. Holocaustleugnung unter Strafe, was ja auch ein Mittel von Geschichtspolitik ist. Polen argumentiert auf anderer Ebene, im Wesentlichen geht es um diskursive Praktiken - wer Begriffe besetzt, erlangt damit Deutungshoheit. In diesem Sinne gilt es, den Anfängen zu wehren, und das ist durchaus verständlich. Wirklich sinnvoll ist ein Gesetz dennoch nicht, denn in Polen spricht natürlich niemand von "polnischen Konzentrationslagern", weshalb sich die Initiative nur ans Ausland richtet. Und das lässt sich vermutlich kaum durchsetzen. Barack Obama sprach etwa im Mai 2012 von "Polish death camps" - aber der amerikanische Präsident wird sich schwerlich vor einem polnischen Gericht verklagen lassen.

 

Die polnischen Medien und der Staat beobachten allerdings genau, was im Ausland gesagt wird, denn die unpräzise Benennung der „polnischen Konzentrationslager“ ist keinesfalls nur auf Deutschland beschränkt. Insbesondere in angloamerikanischen Ländern kam es immer wieder zu offiziellen Beschwerden der Botschafter. Festzuhalten ist jedoch, dass die polnischen Medien mit ihrer „Aufregung“ vorrangig Aufmerksamkeit generieren; dabei beschweren sich durchaus polnische Zeitungen, die zum Springer-Verlag gehören, über deutsche Blätter, die ebenfalls zu Springer gehören. Ich bezweifle allerdings, dass das wirklich ein Thema ist, das viele Polen umtreibt. Unter den Wissenschaftlerkollegen wird die Sache zumindest nicht so bitterernst genommen, dort gibt es andere Prioritäten. Als z.B. 2012 das US Holocaust Memorial Museum einen offiziellen Protest des polnischen Konsulats wegen „Polish death camps“ bei einer Konferenz erhielt, erklärten die polnischen Historiker auf dieser Veranstaltung, dass es wirklich wichtigeres zu tun gebe, als sich darüber zu echauffieren.

"Geschichtsbewusstsein ist in Polen viel wichtiger als in Deutschland"

L.I.S.A.: Welche Bedeutung hat das NS-Besatzungsregime in Polen heute für die polnische Erinnerungskultur? Und welche für die deutsche? Verschieben sich in der Berliner Republik zurzeit die geschichtspolitischen Schwerpunkte?

 

Dr. Lehnstaedt: Die NS-Besatzung ist in Polen nach wie vor ein emotionales Thema, selbst wenn die sowjetische Besatzung 1939-41 und vor allem die kommunistische Periode nach 1945 in den letzten Jahren noch mehr Aufmerksamkeit erfahren haben. Aber Geschichte und vor allem Geschichtsbewusstsein sind in Polen viel wichtiger als in Deutschland. Und viele Polen finden, dass die Geschichte ihres Landes im Zweiten Weltkrieg im Ausland nicht genügend bekannt ist und nicht ausreichend gewürdigt wird – das eigene Leid genauso wenig wie der militärische Beitrag etwa während des Warschauer Aufstands 1944.

 

In Deutschland sind die Verbrechen an anderen Nationen kein größeres Thema und oft in Öffentlichkeit und Politik unbekannt. Das Interesse konzentriert sich ganz eindeutig auf den Holocaust. Ein Buch wie Timothy Snyders „Bloodlands“ erfährt deshalb viel Aufmerksamkeit, weil es vermeintlich unbekannte Tatsachen bringt – und wird in Polen in einer Art von „endlich sagt es mal jemand“ begrüßt. In Deutschland tendiert die Geschichtspolitik meiner Meinung nach in letzter Zeit dazu, pauschal die Wünsche verschiedener Opfergruppen nach Denkmälern zu erfüllen, ohne wirkliches Interesse an der Thematik zu haben oder eine Diskussion über Sinn und Unsinn zu führen. Außerdem werden die eigenen, deutschen Opfer stärker betont, etwa bei der Vertriebenenstiftung, ganz stark mit der Erinnerung an die DDR, oder im Fernsehen zuletzt bei „Unsere Mütter, unsere Väter“. Allerdings bezweifle ich, dass dahinter eine gezielte Geschichtspolitik steht, wie es sie in Polen durchaus gibt – selbst wenn deren Ausrichtung zwischen den beiden politischen Lagern kontrovers diskutiert wird.

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