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Georgios Chatzoudis | 11.02.2015 | 573 Aufrufe | Interviews

"Die Suche nach 'Komponistin' ergibt 0 Treffer"

Interview mit Susanne Wosnitzka über Frauen in der Musikgeschichte

Kennengelernt haben wir uns bei L.I.S.A.Facebook. Susanne Wosnitzka kommentiert dort immer wieder einmal unsere Einträge. Die meisten Kommentare entfielen dabei auf die L.I.S.A.video-Reihe "Bachs Thomaner". Die Musikwissenschaftlerin machte uns und alle anderen Leserinnen und Leser darauf aufmerksam, dass Frauen in der Musikgeschichte so gut wie nicht vorkommen - wenn, dann höchstens als die "Frau von" und die "Schwester des". Dass Frauen aber selbst Musik(geschichte) geschrieben, komponiert und in einigen Fällen auch dirigiert haben, weiß kaum jemand. Wir haben Susanne Wosnitzka, die dazu forscht, um ein Interview gebeten.

"So wird leider Geschichts(ver)fälschung betrieben"

L.I.S.A.: Frau Wosnitzka, Sie sind Musikwissenschaftlerin. Zuletzt haben Sie auf mehrere Facebook-Einträge der L.I.S.A.-Redaktion in Kommentaren immer wieder darauf hingewiesen, dass Frauen in der Geschichte nach wie vor nicht ausreichend berücksichtigt werden. Was muss sich ändern?        

 

Wosnitzka: Wie die Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch einmal sagte: "Angenommen, es befinden sich 99 Sängerinnen und ein Sänger in einem Konzert; die Rede wird von 100 Sängern sein." Warum? Dadurch, dass jahrhundertelang Frauen und ihre Geschichte(n) unterdrückt, negiert oder bewusst außen vor gelassen wurden, haben wir heute dieses Defizit, auch in der Sprache und Wahrnehmung. Die Geschichtsschreibung war sehr lange eine männliche, an die Universitäten dürfen Frauen erst seit etwas mehr als hundert Jahren, und auch das erst nach teils heftigen Kämpfen darum. Frauen, die sich ernsthaft um Erfindungen/Musik/Technik/etc. bemüht hatten, wurden abgetan. Frauen, die komponieren wollten, wurden regelrecht davon abgehalten, sich mit Orchestermusikern oder Dirigenten auszutauschen – auch deshalb gibt es z.B. nur relativ wenig Sinfonien von Frauen.

 

Einige Universitäten bieten Genderlehrstühle an, die sich mit der auch sozialen Rolle von Mann und Frau auseinandersetzen und dahingehend forschen. Leider werden diese noch oft – auch vom Kollegium – belächelt. Es kann nicht angehen, dass z.B. im Fach Geschichte zwar Kriege und Herrscher durchgenommen werden, ihre Frauen, die teils dafür gesorgt hatten, dass Kriege erst gar nicht losgetreten wurden, nicht genannt werden. So wird leider Geschichts(ver)fälschung betrieben. Wo immer möglich, sollte auch geschaut werden, welche Rolle die Frauen an diesem und jenem Zeitpunkt gespielt haben. Nur durch das Wissen darum, kann es auch vermittelt werden: daher müssen Lehrpläne schon in Schulen dahingehend gestaltet werden, dass auch die Frauen nicht zu kurz kommen, muss Lehrpersonal dahingehend geschult, muss Frauengeschichte auch im Studium aufs Tablett gebracht werden, weil dort die nächste Generation an Forscher_innen und Lehrenden ausgebildet wird.

 

Auch in der Sprache müssen Frauen sichtbar werden. Wer rein von "Komponisten" schreibt, meint auch Komponisten; wird von "Sportlern" gesprochen, stellen sich die allermeisten Leute männliche Wesen vor. Einige Studien dazu bestätigen das. Das "Mitmeinen" von Frauen muss aufhören. Umstellen müssen sich auch v.a. die Notenverlage: vielfach kann auf ihren Seiten nur nach Musik von Männern gesucht werden, weil man nur unter dem Stichwort "Komponist" suchen kann, nicht aber nach "Komponistin". In letzterem Fall ergibt die Suche 0 Treffer, und dann hören viele Menschen, die sich nicht sonderlich mit Musikgeschichte auskennen, an dieser Stelle auf und meinen, es gäbe eben keine Musik von Frauen. Kleine Ursache, große Wirkung.

 

Kinder, also unsere nächste Generation, brauchen Vorbilder, aber was tun, wenn weibliche Vorbilder kaum sichtbar sind, wenn z.B. Dirigentinnen vor ihren Aufführungen noch ausgebuht werden, wie das Simone Young in Hamburg passiert ist? Wenn eben Werke von Frauen im Unterricht keine Rolle spielen, wenn Werke von Frauen kaum gespielt werden? Dieser noch vorhandene Kreislauf muss und kann mit z.B. den oben genannten Vorschlägen relativ einfach aufgebrochen werden. Das geht aber nur, wenn viele, viele Menschen bereit sind, mitzumachen. Und deshalb sind viele Veranstaltungen zum Thema "Frau und Stellenwert in der Geschichte" auch oftmals noch Aufklärungsveranstaltungen. Erst wenn das alles in den Köpfen der Menschen angekommen ist, kann Gleichberechtigung wirklich umgesetzt sein.

"Nahezu nur als 'Frau von' und 'Schwester von' bekannt"

L.I.S.A.: Zuletzt haben Sie in unserer Bekanntmachung der neuen L.I.S.A.-Video-Reihe über Johann Sebastian Bach und die Thomaner darauf hingewiesen, dass auch Frauen Musikgeschichte geschrieben haben. Können Sie uns einige nennen?        

 

Wosnitzka: Ich könnte Ihnen mit Hilfe der entsprechenden Literatur mehrere tausend aufzählen…aber welche könnten Sie spontan nennen? Welche von den heute lebenden? Clara Schumann bestimmt, vielleicht auch noch Fanny Hensel…beide sind aber nahezu nur als "Frau von" und "Schwester von" bekannt, kaum als eigenständige Persönlichkeiten. Es ist nicht schlimm, wenn man kaum eine kennt, aber man sollte sich fragen, warum man kaum eine kennt…eben weil sie – wie auch noch oft Malerinnen, weniger aber Schriftstellerinnen – so gut wie nicht im Bewusstsein angekommen sind.

 

Hildegard von Bingen schrieb z.B. das erste bekannte Singspiel der Welt ("Ordo virtutum") – dass man im 17. und 18. Jh. vor allem wegen der hervorragenden Mädchenorchester nach Venedig reiste, wird ebenfalls kaum erwähnt. Antonio Vivaldi bildete viele der Mädchen aus den legendären Waisenhäusern zu Komponistinnen aus. Eine davon, Anna Bon di Venezia, wurde von Wilhelmine von Bayreuth – eine Schwester des "Alten Fritz" – an ihr Hoftheater nach Bayreuth engagiert. Wilhelmine komponierte selbst, war Regisseurin und Sängerin und schrieb sich ihre Rollen auf den Leib (ihr Theater ist heute UNESCO-Welterbe). Ohne die Klaviere der Instrumentenbauerin Nannette Stein hätte Beethoven seine besten Werke für Klavier wohl nie so geschrieben. Dass das Wort "Instrumentenbauerin" von Word gerade rot unterkringelt wurde, spricht auch für sich. Dass es auch Trobairitz (trobare = Töne (er)finden), also Troubadourinnen gab, ist kaum bekannt. Für die Bach-Forschung ist eine weitere Schwester Friedrichs II., Anna Amalia, höchst wichtig, weil sie es war, die Bachs Werke als eine der ersten sammelte. Bachs Sohn, Carl Philipp Emanuel, spielte als Instrumentalist viele Jahre in der Hofkapelle ihres Bruders und brachte dadurch auch den Geist seines Vaters in Potsdam und Berlin ein. Johann Sebastian Bach wurde keinesfalls durch Felix Mendelssohn Bartholdy wiederentdeckt: Fanny und Felix sangen bereits als Kinder unter Carl Friedrich Christian Fasch Werke aus Bachscher Feder öffentlich im Chor der Berliner Singakademie.

 

Frauen, die Musikgeschichte geschrieben haben, waren nicht nur die Komponistinnen, sondern auch die, die sich erstmals darum gekümmert haben, dass Frauengeschichte überhaupt gesammelt und wieder ans Tageslicht gebracht wurde. Das ist v.a. denjenigen zu verdanken, die im Zuge der sogenannten Zweiten Frauen(rechts)bewegung direkt in die Archive gegangen sind, um das lang verschüttete Gut zu erforschen. An erster Stelle muss hier die 2013 verstorbene Musikwissenschaftlerin und Dirigentin Elke Mascha Blankenburg genannt werden, die in den 1980er Jahren mit der Wiederaufführung einer 300 Jahre alten Oper aus Frauenhand für einen Paukenschlag gesorgt hatte. Erst durch diese Forschung ist z.B. auch Anna Amalias Bach-Leidenschaft bekannt geworden. Anna Amalias eigenes Komponieren ist hingegen bis heute noch nicht größer untersucht worden, dabei war sie eine wahre Meisterin der Musik.

 

Das "Archiv Frau und Musik" in Frankfurt/Main ist das größte und bedeutendste Archiv für Musik von Frauen weltweit: darin finden sich mehr als 24.000 Medieneinheiten rund ums Thema "Frau und Musik", von vielen kompletten Nachlässen (z.B. von Felicitas Kukuck) bis hin zu Vorlässen, die Komponistinnen bereits jetzt schon in dieses Archiv einbringen (z.B. Tsippy Fleischer, Violeta Dinescu), weil sie wissen, dass ihr Werk dort nicht nur gesichert, sondern auch entsprechend gewürdigt wird.

"Wichtig ist die Bekanntmachung von Musik von Frauen"

L.I.S.A.: Sie arbeiten als Redakteurin und Autorin für das „Archiv Frau und Musik“. Wie sieht die Arbeit genau aus?        

 

Wosnitzka: Hauptaufgabe des Archivs ist die Archivierung von Musikgut von Frauen sowie das Zugänglichmachen dieser Werke: wir sorgen im Team dafür, dass dort direkt an den Originalwerken geforscht werden kann, stellen Material z.B. auch für Ausstellungen und Verlage zur Verfügung, bieten Vorträge, Führungen und Musikberatung. In unserem Magazin "VivaVoce" stellen wir unsere Schätze, historische und aktiv arbeitende Komponistinnen vor, immer mit einer Komposition "to go" zum Herausnehmen, mit wertvollen Hilfestellungen wie Instrumentenkunde, um Komponistinnen das Arbeiten zu erleichtern. Wir bieten dieses Jahr z.B. auch wieder das Projekt "composer in residence" in Frankfurt an, ein Arbeitsstipendium. Wichtig ist die Bekanntmachung von Musik von Frauen.

 

Eine weitere wichtige Aufgabe ist das Netzwerken mit Musikinstituten, Schulen, Künstler_innen und vielen weiteren Musikschaffenden weltweit. Allerdings ist dieses Archiv finanziell bedroht, da die Stadt Frankfurt im letzten Jahr ihre Unterstützung im Zuge von Sparmaßnahmen abgesagt hat und derzeit nur mit halbem Budget gearbeitet werden kann. Wir brauchen Unterstützung, um diesen Teil der Geschichte weiter betreiben und am Leben halten zu können.

"Wir fördern und finanzieren Komponistinnen"

L.I.S.A.: Darüber hinaus sind Sie Mit-Vorsitzende des Vereins „musica femina münchen e.V.“ Welche Anliegen verfolgt der Verein?        

 

Wosnitzka: Unser Hauptanliegen ist, Musik von Frauen gleichberechtigt mit der Musik von Männern auf die Bühnen zu bringen. Allein in München leben derzeit mehr als 50 Komponistinnen! Wenn Sie aber die örtliche Tageszeitung aufschlagen und im Kulturteil gezielt nach Konzerten mit Musik von Frauen suchen, werden Sie nur in Ausnahmefällen fündig. Das resultiert noch immer aus den in der ersten Antwort angesprochenen Umständen. Damit Musik von Frauen aber gleichberechtigt gespielt wird, muss sie erst einmal bekannt sein. Daher stellen wir immer wieder in Gesprächskonzerten historische und aktive Komponistinnen vor, haben im letzten Jahr bei der weltweiten Aktion "Play Me, I'm Yours" dazu beigetragen, dass ein "Komponistinnen-Klavier" entstehen konnte, das – auf öffentlichem Platz aufgestellt – die Massen anlockte.

 

Wir fördern und finanzieren Komponistinnen. Alle zwei Jahre vergeben wir einen Kompositionsauftrag, der in Zusammenarbeit mit dem Münchner Kammerorchester im Prinzregententheater mit großem Erfolg uraufgeführt wird. In einem Pilotprojekt mit Münchner Chören gaben wir Dirigent_innen ein von uns ausgearbeitetes Skript an die Hand mit etwa hundert Chorwerken aller Schwierigkeitsstufen und Besetzungen mit der Bitte bzw. der Aufforderung, in jedem Chorkonzert mindestens oder wenigstens ein Werk einer Frau zu singen. Ein Projekt, das Schule machen kann. Für all diese Aufgaben und Projekte ist das "Archiv Frau und Musik" wegen seiner Schätze an Frauenmusik unentbehrlich.

"Mir tat sich nach und nach eine gewaltige Welt auf"

L.I.S.A.: Wie sind Sie selbst dazu gekommen, einen Schwerpunkt auf Komponistinnen zu setzen?        

 

Wosnitzka: In meinem Studium hatte ich einst einen Durchhänger, mir ist mein Ziel abhandengekommen. Aber mir fiel auf: Mozart, Schubert, Haydn etc. – alles superwichtig und schön, aber was ist z.B. mit dem Nannerl passiert auf jener Europatournee der Mozarts in den 1760er Jahren? Wie konnte sie so vernachlässigt werden? War sie die einzige in dieser Zeit, die so weggedrängt worden war? Oder noch viel mehr Frauen? Warum? Ich machte mich auf die Suche, las mich zur selben Zeit in die Frauen- und Emanzipationsgeschichte ein und wurde dann unendlich zornig, weil überall die Sichtbarkeit von Frauen fehlte, wohin ich auch blickte. Ich beschloss eine Wette mit mir selbst: kann es gelingen, eine komplette Vortragsreihe zu Musik von Frauen auf die Beine zu stellen, wie es an der Uni mit Musik von Männern jedes Semester ganz selbstverständlich der Fall war? Ich forschte nach, und mir tat sich nach und nach eine gewaltige Welt auf, die mir so nie jemand gezeigt hatte. Es war ohne Probleme machbar – nur: warum machte es dann niemand? Das war für mich damals noch äußerst widersprüchlich (und ist es teils heute noch).

 

Als ich zum ersten Mal ein Werk der zwölfjährigen Clara Schumann hörte – ihren "Walzer" –, weinte ich um dessen Schönheit, aber auch um dessen Verlust, weil es eben so gut wie nie zu hören ist. Dabei geht all diese Musik, das Schaffen von Frauen keineswegs in Konkurrenz mit dem Schaffen von Männern. Im Gegenteil: beides ergänzt und bereichert sich – auch in vielen weiteren Bereichen – ganz ausgezeichnet!

Susanne Wosnitzka hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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