Anmelden

Login

merken
Georgios Chatzoudis | 26.11.2013 | 5354 Aufrufe | Interviews

Serbien und die Serben in Clarks "Schlafwandler"

Interview mit Holm Sundhaussen zur Wahrnehmung Serbiens in "Die Schlafwandler"

Das Attentat von Sarajevo 1914 auf den habsburgischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie hat der bosnische Serbe Gavrilo Princip begangen. Der Mord gilt als der entscheidende Funke, der das Pulverfass Europa im Sommer 1914 entzündete. Christopher Clark entwickelt seine Version des Kriegsausbruchs nicht nur um dieses Attentat, sondern um ein weiteres, das im Rahmen eines innerserbischen Komplotts verübt wurde: die Ermordung des serbischen Königspaars Obrenovic 1903, die den Ausgangspunkt seines Buchs "Die Schlafwandler" markiert. Von dem Punkt an, nimmt Serbien eine prominente Stellung in Clarks Darstellung der Ursachen des Ersten Weltkrieg ein. Dabei vergleicht er die Serben von damals auch mit ihrer Rolle in den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre.

 

Wir haben den Südosteuropahistoriker und Experten der serbischen Geschichte Prof. Dr. Holm Sundhaussen gefragt, wie er Clarks Beurteilung Serbiens und der Serben einschätzt.

Prof. Dr. Holm Sundhaussen, Professor für Südosteuropäische Geschichte

"Aus Lust am Erzählen gelegentlich überpointierte Aussagen"

L.I.S.A.: Herr Professor Sundhaussen, Sie haben sich in zahlreichen Publikationen zu Südosteuropa und Jugoslawien mit der Geschichte Serbiens und der Serben befasst. Der Historiker Christopher Clark geht in seinem neuen Buch „Die Schlafwandler“ ausführlich auf das Königreich Serbien von 1903 bis 1914 ein, widmet sich insbesondere serbischen Geheimbünden, der Regierung Pasi­­c und schließlich dem Attentat von Sarajevo. Zeigt sich Clark als ein guter Kenner der serbischen Geschichte?

 

Prof. Sundhaussen: Christopher Clark ist bisher nicht als Kenner der Geschichte Serbiens und des Balkanraums in Erscheinung getreten. Ich vermute, dass er Leute hatte, die ihm zugearbeitet haben, die entsprechenden Sprachkenntnisse besitzen, aber nicht unbedingt Spezialisten für die Geschichte dieser Region sind. Einzelne der im Buch verwendeten Quellen sind zumindest dubios, z.B. die von Clark verwendeten angeblich authentischen Stenogramme der Gerichtsverhandlung gegen die Attentäter von 1914, die unter dem Pseudonym „Pharos“ veröffentlicht wurden. Dasselbe gilt für den einen oder anderen Pressebericht. Aber das sind Ausnahmen, und die Kritik daran wirkt etwas kleinkariert angesichts der Tatsache, dass Clark wie kaum ein anderer vor ihm die Komplexität der Kriegsursachen aufzuschlüsseln versucht. Was Serbien betrifft, so stellt er die Ereignisse zutreffend dar, auch wenn ihn seine Lust am Erzählen gelegentlich zu überpointierten Aussagen verleitet.

"Dass Clark sein Buch damit beginnt, ist plausibel"

L.I.S.A.: Kritiker werfen Clark in dessen „Serbienkapiteln- bzw. -passagen“ vor, dass er die Serben mit einem eher pejorativen Vokabular bedenke. Für ihn seien die Serben vor allem rückschrittlich, ungezähmt, verschlagen, gewalttätig, terroraffin, hinterlistig etc. Des Weiteren der Vorwurf, man finde bei Clark nur wenig Sympathie bis Verständnis für die serbische Position. Lesen Sie das auch so?

 

Prof. Sundhaussen: Clark spricht in der Regel nicht über „die“ Serben und ihre vermeintlichen Eigenschaften, sondern er beschäftigt sich mit einflussreichen Akteuren aus Politik, Armee, Geheimdienst und der Untergrundorganisation „Vereinigung oder Tod“ bzw. „Schwarze Hand“.  Er unterstreicht die Gewaltbereitschaft einzelner Akteure, v.a. unter den Mitgliedern der „Schwarzen Hand“, - eine Gewaltbereitschaft, die durch viele Quelle zweifelsfrei belegt ist. Clark hat keine Geschichte Serbiens schreiben wollen, sondern sich auf jene Ereignisse konzentriert, die aus seiner Sicht für die dramatische Zuspitzung der Feindschaft zwischen Österreich-Ungarn und Serbien und die explosive Situation am Vorabend des Weltkriegs verantwortlich waren: der Königsmord in Belgrad von 1903, die bosnische Annexionskrise von 1908/09, die Balkankriege von 1912/13 und das Attentat von 1914. Durch die Fokussierung auf diese Ereignisse (unter Ausklammerung anderer Aspekte) kann bei vielen Leserinnen und Lesern in der Tat ein pejoratives Serbienbild entstehen. Der Königsmord von 1903 z.B., der zu einem Dynastiewechsel und zur Umorientierung der serbischen Außenpolitik (weg von Österreich-Ungarn, hin zu Russland) führte, war zweifelsohne ein wichtiger Meilenstein in der Verschlechterung des österreichisch-serbischen Verhältnisses. Dass Clark sein Buch damit beginnt, ist plausibel. Man kann darüber streiten, ob es zum Verständnis dieser Entwicklung notwendig war, die (Emotionen schürenden) Details des äußerst brutalen Königsmords auszubreiten. Dass Clark dies getan hat, lässt sich durchaus als Voreingenommenheit deuten.

 

Aber die Tatsache, dass die Königsmörder nicht zur Verantwortung gezogen wurden, dass der Chef der „Schwarzen Hand“, Dragutin Dimitrijević (Apis), weiter Karriere machte, dass er ungehindert seinen konspirativen Aktivitäten nachgehen konnte usw., usf. wirft ein bezeichnendes Licht auf die Verhältnisse im damaligen Königreich Serbien. Dass Clark die national(istisch)e Befreiungsrhetorik (über die Köpfe der zu „befreienden“ Menschen hinweg), die Brutalität der paramilitärischen Banden in den Balkankriegen, die mangelnde Kooperationsbereitschaft serbischer Behörden bei der Aufklärung der Hintergründe des Attentats von 1914 an den Pranger stellt, ist nachvollziehbar. Dass die nationale Euphorie und Kriegsbegeisterung in Serbien allerdings kein serbisches Phänomen war, hat er an vielen Stellen seines Werkes deutlich gemacht. 

 

Clarks Werk ist auch als Antwort auf die Arbeiten der „Fischer-Schule“ zu lesen. In Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“ von 1961 taucht der Name des Attentäters von Sarajevo, Gavrilo Princip, auf 700 Seiten nicht ein einziges Mal auf. Nicht einmal eine Fußnote war er wert. Und der Name des damaligen serbischen Ministerpräsidenten Nikola Pašić fällt lediglich einmal und eher beiläufig. Fischers Darstellung war ganz auf die Großmächte, allen voran auf das Deutsche Kaiserreich fokussiert.  Das mag sinnvoll und notwendig gewesen sein, um den Prozess der Selbstreflexion in Deutschland in Gang zu setzen. Aber wissenschaftlich befriedigend war es nicht. Denn damit wurde ein Schwarz-Weiß-Schema befestigt, das nahezu manichäischen Charakter hatte: Hier die Guten, dort die Bösen.  

 

Zu den Guten, die zugleich Opfer waren, gehörten auch die kleineren Staaten, zumindest diejenigen, die auf der „richtigen“ Seite gestanden hatten. Dass es auch in den kleineren Staaten Politiker, Militärs und Ideologen gab, die die Welt nur durch einen nationalistischen Filter wahrnahmen, die eine expansive Politik betrieben und beseelt waren von einer „Zivilisierungsmission“ gegenüber „minderwertigen“ Bevölkerungsgruppen in den Gebieten, die sie für sich beanspruchten, fiel unter den Tisch. Nicht nur die Vertreter der europäischen Groß- und Kolonialmächte sahen sich in die Pflicht genommen, - auch die Eliten kleinerer Staaten (z.B. des postosmanischen Griechenland oder des postosmanischen Serbien) waren von der „Zivilisierung“ der „Orientalen“ in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft überzeugt. In dieser Hinsicht gab es keinen Unterschied zwischen Großmächten und Kleinstaaten, imperialen und postimperialen Regimen. „Die Sprache von Zivilisation und Zivilisierung“, so Jürgen Osterhammel, „war das dominierende Idiom des 19. Jahrhunderts.“

 

Clark hat in seinem Werk also die Perspektive erweitert. Und das ist nicht weniger sinnvoll und notwendig als die Fischer-Kontroverse in den 60er Jahren.

"Am ethnischen Verständnis von Nation gescheitert"

L.I.S.A.: Umgekehrt erscheint die Habsburger Monarchie, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs noch weite Teile des Balkans beherrschte, als eine Macht, die einer chaotischen Region vor allem Ordnung, Struktur und Fortschritt gebracht habe. Das überrascht angesichts der überwiegend geltenden Lesart, nach der Österreich-Ungarn ähnlich wie das Osmanische Reich einer längst vergangenen Zeit angehört habe und daher unweigerlich dem Untergang geweiht gewesen sei. Können Sie Clarks positive Interpretation der k.u.k Monarchie nachvollziehen?

 

Prof. Sundhaussen: Ich habe nicht den Eindruck, dass Clark Österreich-Ungarn verherrlicht, sondern dass seine Darstellung ziemlich realistisch ist. Österreich-Ungarn war ja kein herkömmlicher Staat, sondern eher ein Staatenbund, und es bestanden deutliche Unterschiede zwischen der cisleithanischen (österreichischen) und der transleithanischen (ungarischen) Reichshälfte. In der österreichischen Hälfte gab es in der „nationalen Frage“ ziemlich viel Bewegung, und wir wissen nicht, wie es ausgegangen wäre, wenn es den Ersten Weltkrieg nicht gegeben hätte und was passiert wäre, wenn der Thronfolger nicht ermordet worden wäre.

 

Dass Vielvölkerstaaten „unweigerlich“ dem Untergang geweiht sind, scheint durch die Beispiele Habsburgermonarchie, Osmanisches Reich oder Jugoslawien bestätigt worden zu sein. Doch warum sind diese Staaten untergegangen? Sie sind nicht zuletzt am ethnischen Verständnis von Nation gescheitert. Dieses Verständnis ist aber keineswegs zwangsläufig. Denn dort, wo Nation als Staatsbürgergemeinschaft (und nicht als biologische Volksgemeinschaft) verstanden und akzeptiert wird, können Menschen unterschiedlicher ethnischer Zuordnung durchaus unter einem gemeinsamen staatlichen Dach leben. Die österreichisch-ungarische Herrschaft in Bosnien-Herzegowina zwischen 1878 und 1918 war zeitweilig, und zwar in der „Ära“ von Benjamin Kállay, bestrebt, die drei großen nationalen und religiösen Bevölkerungsgruppen beider Provinzen zu einer Gemeinschaft zu verflechten.

 

Dieser Versuch ist gescheitert (er hätte den Menschen in Bosnien-Herzegowina viel Leid erspart). Er ist gescheitert, weil v.a. serbische und kroatische Nationalisten diese Bestrebungen massiv torpediert haben. Für serbische Nationalisten waren Bosnien-Herzegowina „serbische Länder“, - eine These, die in jeder Hinsicht absurd ist, für kroatische Nationalisten waren die bosnischen Muslime der „reinste Teil“ ihrer Nation und die beiden Provinzen galten als Teil Kroatiens in „seinen historischen Grenzen“, - eine These, die nicht weniger absurd ist. Und das, was auf Österreich-Ungarn folgte – z.B. der jugoslawische Staat –, war nicht weniger heterogen als die untergegangene Doppelmonarchie, aber in mancher Hinsicht schlechter organisiert als der Vorgängerstaat. Hätte der Hauptattentäter von 1914, Gavrilo Princip, den jugoslawischen Staat noch erlebt und hätte er erlebt, wie die Befreiungsrhetorik mit der Wirklichkeit kollidierte, hätte er seine Tat möglicherweise bereut. Tatsache ist, dass viele Bürger in den vormals habsburgischen Teilen Jugoslawiens (darunter auch Serben!) ihre „Befreiung“ bitter bereuten.

"Clark projiziert die Atmosphäre von 1914 auf die 1990er Jahre"

L.I.S.A.: Clark wagt in seinem Buch mehrmals Analogien zwischen den Serben von 1914 und den Serben in den 1990er Jahren und zwischen dem Krieg auf dem Balkan von 1914 und in den 1990er Jahren? Ist das legitim und hilfreich? Projiziert Clark möglicherweise das heutige Bild des Westen von den Serben auf die Geschehnisse von 1914?


Prof. Sundhaussen: Das hängt davon ab, was konkret verglichen wird und was das tertium comparationis ist. Zwischen den Balkankriegen von 1912/13 (weniger dem Ersten Weltkrieg) und den Kriegen in den 1990er Jahren gibt es einige Ähnlichkeiten. Sie betreffen die Bedeutung der paramilitärischen Banden, die „Arbeitsteilung“ zwischen regulärer Armee und irregulären Einheiten, die Verwischung der Grenzen zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten (Soldaten und Zivilisten) sowie die „Legitimierung“ der Kriegsziele, an denen sich nichts verändert hat. Nach meinem Eindruck waren jedoch die nationale Euphorie und die Kriegsbereitschaft Anfang des 20. Jahrhunderts größer als in den 1990er Jahren. Die vielen Desertionen und die verschiedenen Proteste gegen Miloševićs Politik in den 90er Jahren sprechen eine deutliche Sprache. Die Bedrohungsszenarien und Feindbilder waren (mit zeitlich bedingten Modifizierungen) ähnlich wie am Anfang des Jahrhunderts, aber im Übergang von den 1980er zu den 90er Jahren hatten die Menschen eine große Krise durchlebt, die ein enormes Ausmaß an Verunsicherung und Orientierungslosigkeit hervorgebracht hatte. Davon war am Vorabend des Ersten Weltkriegs nichts zu spüren. Clark projiziert nicht das heutige Bild des Westens von den Serben auf die Geschehnisse von 1914, sondern er projiziert die Atmosphäre von 1914 auf die 1990er Jahre. Das ist – denke ich – falsch.

"Ich unterscheide zwischen Geschichte und Vergangenheitsbildern"

L.I.S.A.: Welche Rolle spielt die Geschichte für das Selbstverständnis bei den Serben heute? Ändert sich dort das Geschichtsbild von einer nationalistischen zu einer stärker differenzierten Sicht der Dinge?

 

Prof. Sundhaussen: Die Geschichte spielt im Selbstverständnis der serbischen Gesellschaft nur eine sehr geringe oder keine Rolle (zumindest wenn man unter „Geschichte“ die wissenschaftliche Beschäftigung mit Vergangenheit versteht). Anders verhält es sich mit Vergangenheitsbildern, die zwar partiell historisch, aber in ihrem Gehalt ahistorisch sind. Ich unterscheide also (gleich vielen anderen) zwischen Geschichte und „Erinnerung“ oder Geschichte und Vergangenheitsbildern. Die Auseinandersetzung mit historischen Mythen steckt in Serbien noch in den Anfängen, obwohl die Zahl derjenigen, die sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen, zunimmt. Aber der Weg von der wissenschaftlichen Forschung über Schulbücher, Museen, Denkmäler etc. bis in die Köpfe der Menschen hinein braucht seine Zeit. Das ist in Serbien heute nicht anders, als es in Deutschland (oder anderswo) in der Vergangenheit war.

Prof. Dr. Holm Sundhaussen hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen


U0FRUA