Anmelden

Login

merken
Georgios Chatzoudis | 10.09.2015 | 3400 Aufrufe | 2 | Interviews

"Der Begriff 'Völkerwanderung' ist irreführend"

Interview mit Christian Scholl zu Historizität und Aktualität eines Begriffs

Im Zusammenhang mit den Flüchtlingen, die aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Südosteuropa nach Mittel- und Westeuropa ziehen, tauchte zuletzt in den Medien immer wieder der Begriff "Völkerwanderung" auf. Auch in einem unserer jüngsten Interviews kam dieser Begriff kritisch zur Sprache. Politiker sprechen vom Beginn einer neuen Völkerwanderung. Kann man die aktuellen Flüchtlingsbewegungen tatsächlich so bezeichnen? Was ist eine Völkerwanderung? Ab wann kann man davon überhaupt sprechen? Und wie steht es um die historische Analogie zur jener Epoche in der Spätantike bzw. im Frühen Mittelalter, die als "Zeit der Völkerwanderung" bezeichnet wird? Wir haben unsere Fragen dem Historiker Dr. Christian Scholl von der Universität Münster gestellt. Er arbeitet unter anderem zur Kulturgeschichte der frühmittelalterlichen Barbarenreiche sowie zu Transkultureller Geschichte.

Google Maps

"Plurale und äußerst heterogen zusammengesetzte Verbände"

L.I.S.A.: Herr Dr. Scholl, Sie forschen aktuell zur Völkerwanderungszeit zwischen 400 und 800 n. Chr. Dabei interessiert Sie eine transkulturelle Geschichte dieser Epoche. Was ist in diesem Zusammenhang unter „transkultureller Geschichte“ zu verstehen?

 

Dr. Scholl: Die transkulturelle Geschichte betont, dass es sich bei „Kulturen“ oder „Völkern“ keineswegs um homogene, in sich geschlossene und klar abgrenzbare Entitäten handelt, sondern vielmehr um Hybride bzw. Prozesse, die permanent Anleihen voneinander übernehmen und miteinander verflochten sind. Wenn ich also an einer „transkulturellen Geschichte“ der Völkerwanderungszeit arbeite, möchte ich deutlich machen, dass die „Völker“ dieser Zeit keine Abstammungsgemeinschaften mit gemeinsamen „Sitten“ und Bräuchen darstellten, sondern vielmehr plurale und äußerst heterogen zusammengesetzte Verbände, die in permanenter Wechselbeziehung zu ihrer Umgebung standen. Außerdem betont die transkulturelle Geschichte die Wechselseitigkeit von Austauschprozessen, und auch diese möchte ich in meiner Arbeit hervorheben. Denn bisher hat sich die Forschung meiner Ansicht nach zu einseitig mit der „Beeinflussung“ der sog. Barbaren, also der Nicht-Römer, durch die Römer auseinandergesetzt und in diesem Zusammenhang von einer „Romanisierung“ der Barbaren gesprochen. Dabei hat sie außer Acht gelassen, dass in manchen kulturellen und technischen Bereichen auch bedeutende Transfers von den Barbaren auf die Römer zu konstatieren sind.

"Verschiedene barbarische 'Völker' oder 'Stämme'"

L.I.S.A.: Welche Völker sind gemeint, wenn es um Verflechtungsprozesse in den frühmittelalterlichen Barbarenreichen geht?

 

Dr. Scholl: Zunächst einmal ist hier die einheimische, mehr oder weniger stark „romanisierte“ Bevölkerung in den Provinzen des ehemaligen Römischen Reiches zu nennen. Für diese Menschen findet sich in der Forschung vielfach der Ausdruck „Romanen“, wobei dieser Begriff insofern mit Vorsicht zu genießen ist, als er ein einheitliches und homogenes „Volk“ suggeriert. Dabei unterschied sich die einheimische Bevölkerung in den gallischen oder germanischen Provinzen im Hinblick auf Lebensweise, Sprache etc. aber natürlich deutlich von der in Nordafrika oder Sizilien. Im Laufe der Völkerwanderungszeit, also etwa zwischen dem 4. und 6./7. Jahrhundert, wanderten verschiedene barbarische „Völker“ oder „Stämme“ – der lateinische Quellenbegriff lautet gentes – ins (ehemalige) Römische Reich ein, wo sie mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt traten. Bei diesen barbarischen „Völkern“ handelte es sich etwa um die West- und Ostgoten, die sich nach jahrzehntelangen Zügen durch das Imperium Romanum in Südgallien bzw. Italien niederließen, um die Vandalen, die ihr Reich in Nordafrika gründeten oder um die Langobarden, die nach dem Ende der ostgotischen Herrschaft nach Italien kamen. Wichtig für den weiteren Verlauf des Mittelalters sind ferner natürlich die Franken, die ihre Siedlungsgebiete schrittweise von den östlichen Gebieten des Rheins nach Westen hin ausdehnten. In diesem Fall ist allerdings weniger von einer „Wanderung“ oder Migration als vielmehr von einer Expansion zu sprechen. An barbarischen Völkern sind zu guter Letzt die aus Ostasien eingewanderten Hunnen und Awaren zu nennen, die ihre Reiche an der Peripherie des Römischen Reiches, etwa im Gebiet des heutigen Ungarn, errichteten.

"Migrationen stellen somit die Regel als die Ausnahme dar"

L.I.S.A.: Völker oder größere kulturelle Gemeinschaften sind schon immer gewandert. Was aber macht eine Völkerwanderung erst aus? Welche Kriterien müssen erfüllt sein, um dem begrifflichen Konzept „Völkerwanderung“ gerecht zu werden?

 

Dr. Scholl: In der Geschichtswissenschaft bzw. Migrationsforschung gibt es keine genauen Kriterien dafür, was eine „Völkerwanderung“ ausmacht; es gibt auch kein klar definierbares Konzept einer „Völkerwanderung“. Überhaupt ist der Begriff sehr problematisch, was u.a. darin begründet liegt, dass es sich dabei nicht um einen zeitgenössischen Begriff handelt. Erstmals verwendet wurde der Terminus wohl im 16. Jahrhundert, als der österreichische Humanist Wolfgang Lazius ein Werk über „Die Wanderungen einiger Völker“ – der lateinische Originaltitel lautet De aliquot gentium migrationibus – verfasste. Auf Deutsch erscheint der Begriff ab dem späten 18. Jahrhundert; im 19. Jahrhundert hatte er sich in Deutschland gemeinhin durchgesetzt, um die Epoche der Spätantike und des Frühmittelalters zu bezeichnen. Im Ausland wird dieses Zeitalter jedoch ganz anders bezeichnet, in Frankreich und Italien beispielsweise als „invasions barbares“ (franz.) bzw. „invasioni barbariche“ (ital.). Die französischen und italienischen Bezeichnungen verweisen darauf, dass die Epoche der „Völkerwanderung“ dort v.a. als Zeit des Niedergangs und Verfalls angesehen wurde, in der kulturlose und primitive „Barbaren“ die römische Zivilisation zerstört hätten.

 

In Deutschland dagegen wurde die Zeit der „Völkerwanderung“ in einem deutlich positiveren Licht gesehen; dort setzte man die „wandernden Germanen“ mit den Deutschen gleich, die das dekadente Römische Reich beseitigt und den Völkern Europas die Freiheit vom römischen Joch gebracht hätten. Ein weiteres – und vermutlich schwerer wiegendes Problem – liegt in dem Begriff „Völkerwanderung“ selbst. Dieser besagt ja, dass ganze Völker gewandert seien, doch genau das war am Ende der Spätantike und im frühen Mittelalter nicht der Fall. Neuere Forschungen haben vielmehr gezeigt, dass es sich bei den vermeintlich wandernden „Völkern“ um bewaffnete Heeresverbände handelte, die zwar im Tross Frauen und Kinder mitführten, aber deshalb noch lange keine „Völker“ darstellten. Überhaupt konnte sich die Zusammensetzung dieser polyethnischen Verbände permanent ändern: Bei Erfolg schlossen sich etwa Einheimische und andere Migranten dem Verband, z.B. den Goten, an; bei Misserfolg dagegen geschah das genaue Gegenteil: viele Menschen verließen den Verband und schlossen sich einem anderen, erfolgreicheren an, der mehr Aussicht auf Sicherheit und Wohlstand versprach. Das letzte Problem, das ich ansprechen möchte, haben Sie in Ihrer Frage schon angedeutet: Wanderungen größerer Gemeinschaften hat es immer gegeben. Migrationen stellen somit eher die Regel als die Ausnahme menschlichen Handelns dar. Bezeichnet man jedoch ein bestimmtes Zeitalter als „Völkerwanderung“, erweckt dies den Eindruck, als habe es nur zu dieser einen bestimmten Zeit Wanderungen größeren Ausmaßes gegeben.

"Armut und Perspektivlosigkeit in der Heimat veranlassen eine Auswanderung"

L.I.S.A.: Was sind in den von Ihnen untersuchten Fällen Ursachen für eine Völkerwanderung?

 

Dr. Scholl: Die Migrationsforschung unterscheidet allgemein zwischen sog. „Push-“ und „Pullfaktoren“: „Pushfaktoren“ sind beispielsweise Armut und Perspektivlosigkeit in der Heimat, die eine Auswanderung erst veranlassen. „Pullfaktoren“ sind etwa Wohlstand und Stabilität in den Zielländern, die Flüchtlinge bzw. Migranten anziehen. Über die konkreten Ursachen der Wanderungen während der sog. Völkerwanderungszeit kann die Forschung – um ehrlich zu sein – nur spekulieren. Dies liegt v.a. daran, dass wir über keine Quellen verfügen, die aus der Sicht der Migranten geschrieben sind. Zwar gibt es von einigen „Völkern“ wie den Goten oder Langobarden Herkunftserzählungen, die sog. origines gentium, die zum Zwecke der Identitätsstiftung verfasst worden sind. Doch sind diese zum einen erst längere Zeit nach den Wanderungen entstanden, zum anderen enthalten sie eine Vielzahl an mythischen Elementen, die keine Rekonstruktion der „tatsächlichen“ Gründe für die Wanderung oder den Aufbruch aus der „Heimat“ erlauben. Da uns die Quellen der Migranten selbst also fehlen, sind wir ganz auf die römischen Autoren angewiesen. Allerdings konnten auch diese über die Gründe barbarischer Wanderungen nur spekulieren. Vielfach genannt werden als Push-Faktoren beispielsweise Überbevölkerung, Klimaverschlechterungen und Hungersnöte, als wesentlicher Pull-Faktor natürlich die Anziehungskraft des Römischen Reiches. Diese spielte mit Sicherheit eine große Rolle, doch alleine damit lassen sich die Wanderungen wohl kaum erklären. Auch der Einfall der Hunnen nach Europa, die 375/76 das Reich der Greutungen (später Ostgoten genannt) auf dem Gebiet der heutigen Ukraine zerstörten und somit eine gewaltige Flüchtlingsbewegung in Richtung Westen auslösten, reicht als alleinige Erklärung mit Sicherheit nicht aus.

"Beleg dafür, zu welchen Verirrungen historische Vergleiche führen können"

L.I.S.A.: Zurzeit taucht der Begriff „Völkerwanderung“ wieder vermehrt in den Medien auf, nun aber im Zusammenhang mit einem ganz aktuellen Phänomen: den Flüchtlingen aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Südosteuropa. Zurecht? Sehen Sie historische Parallelen?

 

Dr. Scholl: Mit vermeintlichen historischen Parallelen sollte man immer sehr vorsichtig sein, da sie per se anachronistisch sind und somit zu Fehleinschätzungen führen. Wenn man nun aber unbedingt nach Parallelen zwischen der spätantiken/frühmittelalterlichen Völkerwanderung und den heutigen Flüchtlingsströmen suchen möchte, so findet man sie am ehesten darin, dass damals wie heute – dem Begriff „Völkerwanderung“ zum Trotz – eben keine ganzen „Völker“ wanderten bzw. wandern. Zwar sind heute Hunderttausende von Syrern auf der Flucht, aber dennoch würde wohl niemand ernsthaft behaupten, dass sich „das ganze Volk der Syrer“ – wobei man dieses auch erst einmal definieren müsste – auf Wanderschaft befindet. Auf einen kurzen Nenner gebracht könnte man also sagen, dass der Begriff für beide Epochen irreführend bzw. schlichtweg falsch ist.

 

Wichtiger als die vermeintlichen Parallelen sind aber die Unterschiede und ein Unterschied erscheint mir in Anbetracht der aktuellen Situation besonders zentral: Viele der „Barbaren“, die zur Zeit der „Völkerwanderung“ migrierten, haben im Laufe der Zeit die Herrschaft über die Regionen übernommen, in die sie eingewandert sind. In diesem Punkt stellt die Epoche der „Völkerwanderung“ in der Tat eine Ausnahme dar, da vielerorts eine eingewanderte Minderheit die politische Macht über die einheimische Bevölkerungsmehrheit übernommen hat. Wer heute also den Begriff „Völkerwanderung“ unreflektiert auf die aktuellen Flüchtlingsströme anwendet, schwört alleine durch seine Wortwahl die Gefahr herauf, dass die Neuankömmlinge die „Herrschaft“ in den europäischen Zielländern an sich reißen würden – und bedient damit Ängste, wie sie aktuell von rechtsextremer bzw. -populistischer Seite geschürt werden. Ein Beispiel für das Schüren solcher Ängste lieferte im Jahr 2011 der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders. Dieser hatte damals in einer Rede die Einwanderung von germanischen „Barbaren“ ins spätantike Römische Reich mit der Einwanderung von Muslimen ins heutige Europa verglichen und davor gewarnt, dass unsere tolerante Haltung den Muslimen gegenüber genauso zum „Untergang“ Europas führen würde wie die Offenheit der Römer gegenüber den Barbaren – angeblich – zum Ende des Römischen Reiches im Jahr 476 geführt habe. Dieses Beispiel mag als Beleg dafür genügen, zu welchen Verirrungen historische Vergleiche führen können, weshalb es meines Erachtens überaus bedenklich ist, einen hochproblematischen Begriff wie den der „Völkerwanderung“ unreflektiert auf aktuelle tagespolitische Themen anzuwenden.

Dr. Christian Scholl hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von PD Dr. Oliver Hülden | 11.09.2015 | 12:31 Uhr
Vielen Dank auch für dieses Interwiev, in dem Herr Scholl sicherlich zu Recht einen differenzierten Umgang mit dem Begriff "Völkerwanderung" anmahnt. Weniger differenziert geht es in einem Interview zu, das Sven Kellerhoff mit Alexander Demandt geführt und das Die Welt heute veröffentlicht hat:
http://www.welt.de/geschichte/article146277646/Das-war-es-dann-mit-der-roemischen-Zivilisation.html

Kommentar

von Markus Schröder | 13.09.2015 | 11:39 Uhr
„Völkerwanderung“ ist doch relevant. Natürlich gibt es Unterschiede zur ersten Völkerwanderung, aber es ist unübersehbar, dass es sich derzeit nicht um Flüchtlinge im klassischen Sinne handelt, die nur vorübergehend Zuflucht in einem anderen Land suchen. Dagegen wollen die meisten Syrer in Deutschland bleiben. Spontane Hilfsbereitschaft ist herzergreifend, macht aber noch keine Willkommenskultur aus, die Nachhaltigkeit erfordert. Mit Integration allein ist es nicht getan, sondern wir müssen uns auf Lebensformen fremder Kulturen einstellen, die dem LiberaIismus entgegenstehen und die unsere Wertegemeinschaft verändern werden. Osteuropäische Regierungen wie Polen, deren Gesellschaften religiös und wertkonservativ strukturiert sind, haben das begriffen und sind über den deutschen Sonderweg erschrocken. Auch wenn die Gutmenschen rechtspopulistische Tendenzen unterstellen, die im letzten Interview geforderte Richtigstellung der Namen ist nach wie vor angesagt.

Kommentar erstellen


OINL8